Samstag, 19. Juli 2014

„Eine Rede, eine Rede!“ - Christian Peter Kressen von Kressenstein zur Einweihung eines Fechtplatzes (1686)

von Jan Schäfer

Aus Anlass der Einweihung eines Fechtplatzes (1) hielt der zwölfjährige Christian Peter Kressen von Kressenstein (2)  an einem Sonntag, den 15. August 1686 eine Rede. Diese wurde im gleichen Jahr unter dem Titel

Oratorische Lob=Rede / Der Edlen / und Hoch-nutzbaren Fecht=Kunst. Bey an- und Eintritt / eines zu solchen Adelichen Exercitien / auserwehlten ansehnlichen Platzes. Zu Ehren seinem Lieb-werthest und Treu=meinenden Herrn Fecht=Meister / in pleno vielen Hoch=ansehnlichen Herrn / wie auch / der Edlen und Preist=Löbl. Fecht=Compagniae / Freud=muetigst gehalten und abgeleget: Sonntags den 15. August / durch Christian Peter Kressen / von Kressenstein / seines Alters 12. Jahr. (2)

abgedruckt.

Bei dem Reder handelt sich wahrscheinlich um Christian Peter Kressen von Kressenstein aus dem Patriziat Nürnbergs. Er wurde am 15. Mai 1674 geboren und starb 1695 als kaiserlicher Fähnrich des Zweibrücker Regiments bei Casale Monferrato in Italien. (3)

Der Text

NB. Vor Eintritt zu gegenwärtiger Lob=Rede / Ward in dem herrlich=ausgezierten Fecht=Sahl / eine zierliche Intrata und Freud=erschallende Music erklungen. Darauf dann erfolgte; Die Lob- und Anrede selbst.

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Hoch-Edle! und der Edlen Fecht=Kunst Resp. Hochgeneigte anwesende Herren!

In was vor einem schoenen Lust=Zimmer / und Magnifiqven Fecht=Sahl befinden wir uns allhier?

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In Wahrheit / es scheinet / als ob wir uns auf einem Olympischen Palaestra oder Fecht=Platz befaenden; und recht so! dann diese Edle Ubung wird nicht unfueglich gewuerdiget / an einem so ungemeinem Orte / ihren Aufenthalt zu haben.

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Billig hoeret man anheute / eine freudige Wald=Feld= und mundere Kriegs=Music / und wird damit gegenwaertiger ruhmbare Fecht=Platz eingeweyhet. O du aller angenehmste! und recht Uralt=Edle / Ritter=übliche Tapffere Fechtkunst!

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wie findest du nicht zu allen Zeiten / noch favorisierende und Edel=muethige Freunde / denen deine tapffere Kunst=Floretten / noch eine innerliche Zuneigungs= und Befoerderungs=Affection / imprimiren und anfeuren? Und zwar / du bist es auch wohl wuerdig / wann man die hohe Nutzbarkeit deiner Heroischen

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Ubungen erwieget; welche nicht nur zur Zeit des Edeln Friedens / wohl geuebte / sondern auch in Kriegs=Zeiten / tapffere und wehrhaffte Helden ausfaertiget. Kaeiser Maximilianus der Erste / aus dem Glorwuerdigsten Haus Oesterreich / wie hoechlich hatte dich dieses Kron= und Thronen=Haupt / mit deinen

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tapffer-muethigen Kunst=Soehnen / du Edle Wissenschaft! nicht jederzeit erhaben und begnadet gehabt.

Hierauf wurde schnell zu blasen angehoben / unterwaehrendem Vivat des Actoris, und so dann wider ax abrupto aufgehoert.

SA! Vivat & Floreat! Ars nobilissima gladiatoria!

Vivant & Floreant! FAUTORES, PROMOTORES, & AMATORES ejus!

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Sie ist eine Zierde der Länder / die Krone tapfferer Helden / ja / der baeste und getreuste Freund in allen Anstoessen; Eine Beschuetzerin des leibes / eine Erhalterin des Lebens / das Berle/?) der Kuensten / und das baeste Kleinod / Edelmuetiger Cavalliers und Tugend=Gemueter.

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Hay demnach Sa! nochmaln: Floreat & Vigeat, ARS NOBILISSIMA GLADIATORIA!

Es blueh die Edle Kunst und Wissenschaft des Fechten /
Sie bleibe Gnad= bestrahlt / zur Linken und zur Rechten /
Das Zepter=Traeger=Volck / beschuetz dich fuer und fuer /
Es wachen Tapffre Leut / (a) O Edle Kunst! in dir.

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(a) Als sonderbare Ruhm=Spiegel / und wohl=erfahrne Meistere / dieser Edlen Kunst=Wisenschafft / und hochnoethigen Leibs=Defension des Fechtens / waren hiebevor: der Welt=beruehmte tapffere Laelio zu Rom / der fuertreffliche Kunst=geübte Hubert zu Somer / als von dem Cardinal Richelieu / seiner Exercitien-Academie wohlvorgesetzter Director. So da in der Edlen Ring=Kunst / und des Camminirens experientissimus sich erwiesen. Imgleichen der tapffere Kunstmeister Monsieuer S'Piere, und jener

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unvergessliche / oder vielmehr unvergleichlech Johann Camerarius zu Leiden / dessen ungemeinen Unterweisungs=Fleiß / noch viel Holsteinische Cavalliers / in ruehmlicher Gedaechtnus haben. Wie nicht weniger auch / ein fuertrefflicher Typott / der Preißloebl. von Velten / der Kunst=wohlerfahrene Johann Wilhelm zu Marpurg / der weit=beruehmte Salvator Faber / der Italiaenische Nicolettus Giganti von Venedig / und der Nuernbergische Kunst=geuebte Frey=Fechter Sebastian Haeuszler. Welche drey letzere / sich

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durch fuertrefflich=nutzbare Kunst=Werker / in offnem Druck / bey der Nachwelt unsterblichen Namens gemachet.

In Ansehung dessen / und zu Einweihung dieses Ruhmbaren Platzes / unsere tapffere Uebungen hierinnen ferner fortzusetzen / Ihr Hoch=Edlen Freunde / und allsaemtlich anwesende Herren Liebhaber! ist diese Loebl. Zusammenkunfft / anheute / das erstemal

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angestellet worden; gegenwaertig unsern viel=geliebten Lehr=Prinzen / dem Edlen und Mannvesten auch Ritter=Kunst erfahrnen Herrn Ephraimb Zilrep / weit=berühmten Fecht= und Exercitien=Meistern / den Gehorsam seines Anschlags zu leisten.

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Sehet demnach / Ihr Edel=wehrteste Freunde! sehet an / dieses tapffere treu=meinend und Lehr=eyffrige Gemueth / unsers Herrn ExercitienMeisters: den klugen Geist / fuertreffliche Lectionen / in Fahnen / Piqven und Floretten / vorzugeben und aufzufuehren.

Haben sich jemals obgedachte beruehmte Kuenstler und Fecht=Meistere /

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einen unsterblichen Nahmen und Dank / by der hierinnen sich uebenden Jugend / erworben und zu wege gebracht; so hat gewieszlich auch unser getreuer Herr Ephraimb / von einem jeden unter uns / Zeit seines unermuedeten Lehr=Fleisses / einen nicht geringern Ehren=Dank / fuer die offenherzige Unterweisung

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erworben / dessen Edler Kunst=Geist / auch aus dessen Mi(e)nen hervor leuchtet / und sich nicht anderst / als hoechst=begierigst / zu unseren baesten erweiset.

So komet dan / ihr Hoch Edlen / und Kunst=Liebenden Herrn und Freunde! kommet! kommet! lasset den Helden=Muth noch nicht

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sinken / solche fuertreffliche Wissenschafften / zu Eurer eigenen Defension noch ferner loebl. fortzusetzen.

Kommet! neiget Euch mit hoeflichen Manieren / ergreiffet die Edlen Floretten / aufdasz Ihr kuenftig wisset / euren getreuesten Diener / mit Recht an der Seite zu fuehren.

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Lasset uns Vernunfft-sittlich annehmen / die schoenen Lehren und Unterweisungen / unsers getreuen Lehr=Meisters / damit wir auf dem Fall ja nicht unnoethig offensivè, sondern vielmehr klueglich defensivè zu gehen / und unsern Feind wohl erwarten lernen.

[Seite 21]

Hay Sa! nur frisch daran! stringirt, ligirt, cavirt und concavirt imgleichen /
Ihr Freund der Edeln Kunst! merkt auf das recaviren /
man musz sich resolut / mit unverzagtem Muth / in Estucaten zeigen /
Das contra-tempo auch / wohl wissen auszufuehren.
Es nutzt das chiamat, und das parat-cavat, auch die grand-ritiratten,
Nebst dem parat-falcat, und klugen circuliren;
So treibet man den Femd / und sichert sich gewies / durch die Kunst-Camminaten /
Wann sich der Nothfall weist / den Leib zu defendiren.

[Seite 22]

Dis sey nun fuergebracht / weil hier Anfang gemacht /
der schoenen Kunst zu Ehren /
Ihr Edel=werthen Freund! lasst Euchs nicht misbelieben:
Du mundre Feld=Music / und Edle Ritter-Zier! lasz noch einmal dich hoeren /
und dann / so schauet an / die Ordnung so geschrieben.

Hiermit kehrete sich der Actor, mit tieffer Neigung / und Nachfolgen der Special-Anrede / gegen den Wohl=Edlen Monsieur Gustav Philipp Fuerer / zu Uberreichung der Floretten / einen gluecklichen Anfang zu machen.

[Seite 23]

Indes / O Pallas=Sohn! der Compagniae Kron /
Herr Fuerer nach dem Namen!
Gelahrte Musen=Freund! Er wird den Reihen fuehren;
Als Fuerer vom Geschlecht / Ruhm=Fuerer im Gefecht / von Edlen Ritter=Samen / (*)
Ein solcher Fuerer musz / den Fecht=Platz erst bezieren.

(*) Anno 1565. ist aus duesen Uralt=Adelischem Geschlecht / Herr Christoff Fuerer / Ritter zu Jerusalem gewesen / welcher in Sicilia und Malta nebenst andern Rittern allda sich glorioes signalisirt.

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Wormit er also die Floretten uebergabe / und wurde wiederum die Laute Feld=Music / Freud=erheitert / in währenden ersten Gaengen geblasen.

Anmerkungen

(1) Der Nürnberger Fechtplatz ist im Text nicht näher örtlich benannt. In der frühen Neuzeit gab es in der freien Reichsstadt eine ganze Menge Fechtplätze: das 1628 eröffnete Fechthaus (siehe Tafel 30 in Boener, Johann Alexander: Nürnbergische Kleider-Trachten, der Manns- und Weibs-Personen denen zu mehrerer Ergötzung und beygefüget sind etliche der vornehmsten Plätze und Gebäude in und an der Stadt, Wie auch der Grund-Rieß und doppelter Prospect derselbigen. Nürnberg 1689), der Heilsbronner Hof, der Sternhof oder der Egidier Hof. Zur Geschichte der Nürnberger Fechtplätze und -häuser siehe Schwertbund Nurmberg. Werner Ueberschär vom Schwertbund Nurmberg e.V. gab den Hinweis, dass es sich beim Fechtsaal auch um ein Vorgängergebäude des 1695 ausgebauten Marstalls handeln könnte, die bereits als Reitbahn und Fechtboden (über der Reitbahn liegend) genutzt wurden. Ob es sich bei dem im Text erwähnten Fechtsaal um einen gänzlich neuen Ort handelt oder ob die Rede möglicherweise bezug auf einen der o.g. Schauplätze nimmt, lässt sich derzeit nicht abschließend klären.
(2) Vollständiger Titel: Oratorische Lob=Rede / Der Edlen / und Hoch-nutzbaren Fecht=Kunst. Bey an- und Eintritt / eines zu solchen Adelichen Exercitien / auserwehlten ansehnlichen Platzes. Zu Ehren seinem Lieb-werthest und Treu=meinenden Herrn Fecht=Meister / in pleno vielen Hoch=ansehnlichen Herrn / wie auch / der Edlen und     Preist=Löbl. Fecht=Compagniae / Freud=muetigst gehalten und abgeleget: Sonntags den 15. August / durch Christian Peter Kressen / von Kressenstein / seines Alters 12. Jahr. Nürnberg / gedruckt bey Andreas Knorzen Seel. Wittib An. 1686
(3) Siehe Biedermann, Johann Gottfried: Geschlechtsregister des Hochadelichen Patriciats zu Nürnberg. Nürnberg, gedruckt bei Friedrich Elias Dietzel, 1748. Tabelle CCXCV. 
Und außerdem: Kiefhaber, Johann Carl Sigmund: Fragmente aus der Geschichte des Patriziats in der freyen Reichsstadt Nürnberg. Nürnberg, gedruckt mit Schmidischen Schriften, 1799, S. 22.

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