Samstag, 2. März 2013

"Wann ein Grosser mit einem Kleinen zu thun" etc. - Gegnerspezifik bei Johann Andreas Schmidt

Der Fechtmeister Johann Andreas Schmidt diskutierte in seiner „Leib-beschirmende und Feinden Trotz-bietende Fecht-Kunst“ (zuerst 1713 in Nürnberg) in Abteilung vier, Kapitel XVI das bewegungstaktische Verhalten „eines Grossen und eines Kleinen / eines Starcken und eines Schwachen / eines überhäuften Courageusen und eines Furchtsamen“. Schmidt legte das Kapitel „in Frag und Antwort eingetheilet“ an und stellte darin dar, "wie sich beyde Theile bey einer Action, im Fechten / erweisen sollen."

1.
Wann ein Grosser mit einem Kleinen zu thun / wie er seinen Vortheil im Fechten in acht nehmen soll?

Wann ein Grosser mit einem Kleinen zu thun hat; soll er seinen Vortheil in so weit vorstehen / daß er / weil er viel grösser ist / auch weiter weichen könne / sowol wegen seiner Grösse / als auch weil er den Leib besser überlegen kan / welche Uberbiegung dann ihm so weit für hilfft / daß er seinen Feind / dieser aber ihn nicht treffen kan; dann dieses muß ein Grosser wol in acht nehmen / daß / wann er nur seine Mensur zuerst erlanget hat / und der Kleine / um des Grossen Klinge zu stringiren / fort- oder zu-rücket / es ein Tempo sey / darinnen der Grosse den Kleinen verletzen / oder duch eine Finta in Unordnung bringen könne / indem er ihm zeiget / daß er das tempo, da sich der Kleine beweget / in acht genommen / und in die Blösse / welche er wird gemacht haben / als er hat wollen nach der Klinge gehen / treffen / auch alsobald wieder darauf die mensur brechen / da er sich dann so weit wird entfernet finden / daß der Kleine nicht wird anreichen können; Oder wann er ja von besagtem nichts zu Werck bringen könnte / soll er sich / indem er immer um so viel / als der Kleine zurücket / die Mensur bricht / daß er ihn nicht lasse zu seinem Zweck gelangen / so lange aufhalten / bis sich Gelegenheit eräugnet / entweder zu stossen / oder ihn anderswo in Botmässigkeit zu bringen. In allen diesen Würckungen / darff er nicht paßiren / nur muß er / wann etwan der Kleine paßirete / den Leib ausser Gefahr der Presenz bringen / und die Mensur brechen / daß derselbe nicht paßiren könne / er sey dann von der Spitze aufgehalten / und getroffen / so wird ihm bald der Lust zum Paßiren vergehen.

2.
Was hat der Kleine wegen seines Vortheils in acht zu nehmen / wann er mit einem Grossen zu thun?

Obwohl der Grosse einen grossen Vortheil der Linie hat; dennoch weil seine Bewegungen sehr langsam und mit grossen Blössen gemacht werden / kan er nicht so wol aus der Presenz fallen; ja weil das Ziel-Mal / darnach man stösset / viel grösser; bringet es dem Kleinen einen grossen Vortheil zum Verletzen / wann er sonderlich sich wol in seiner Mensur zu practiciren weiß: Denn weil ihn seine Klinge mehr bedecket er auch / um sich zu beschützen / nicht so grosse Bewegungen bedarff / ja weil er die gröste Gefahr / nemlich des Feindes Spitze ehe / als der Feind die seinige paßiret ist / auch seine Blössen viel kleiner sind; ist er weniger Gefahr unterworffen / und sind drum alle seine Würckungen viel sicherer als des Grossen seine.

3.
Was aber ein Starcker für Vortheile gegen einen Schwachen hat / ist vorher schon an sich selbsten genugsam bekant: doch magman sich wol in acht nehmen / und behutsam gehen / daß wann man des Schwachen Klinge stringiret / man nicht zu weitläuffig gehe / und zu viel Blösse gebe / damit der Schwache nicht a tempo gehe / und ihn also verletze.

4.
Was hat ein Schwacher in acht zu nehmen / wann er mit einem Starcken zu thun?

Ein Schwacher muß des Starcken Klinge allezeit meiden / und seine nicht finden lassen / viel weniger dem Starcken / wann er stossen will / zu pariren entgegen gehen: Sondern muß nur mit Wendung oder Retirirung des Leibes / die Stösse vermeiden / seine Klinge allezeit ffrey behalten / auch sich nicht zu viel wagen / dem Feinde sich zu nähern; hingegen soll ein Schwacher allezeit dem Feinde die Spitze vor- und entgegen halten / auf daß derselbe nicht paßiren könne / auch seich in de weiten Mensur erhalten / und seine Klinge nicht finden lassen / jedoch kan er dem Starcken wol / auf unterschiedene Art / durch ein betrüglich Tempo zum Stoß locken / oder sich stellen / als wolte er ihm die Klinge geben / auf daß / wann er nun meinet / er habe sie gewiß / und sich darum in selbigem Tempo beweget / er ein wenig die Mensur breche / und in die Blösse / so der Starkce alsdann gibet / stosse.

5.
Was zu thun / wann mit einem Jähzornigen oder überhäuften Courageusen zu thun hat?

Wann man mit einem Jähzornigen oder überhäuften Courageusen zu schaffen hat / soll man ihn anreitzen und angreiffen / daß er drauf loß gehe / auf daß man / indem er so zugehet / einen Vortheil ersehen / und ihn treffen könne; Aber es ist nicht gut / daß sich einer bemühet / auf solchen Fall hinein zu gehen / damit er nicht ohne einigen Vortheil des Degens mit ihm vom Fechten zum Ringen gerathe; Sondern er soll ihm vielmehr in seiner Künheit helffen / indem er ihm Gelegenheit gibt / damit er desto eher und leichter verfalle / in welchem Verfallen einer dann wider ihn gehen / und würcken / oder nach begebendem Fall / sich retiriren kan / auf daß einer sich selbst beschützen / und in selbigem tempo, ehe der Verwegene paßiret ist / ihn verletzen möge.

6.
Was zu thun / wann einer mit einem Furchtsamen zu schaffen?

Wann einer mit einem Furchtsamen / Trägen / oder auch mit einem Schleich-Fuchse zu thun / welcher nur auf den andern lauret / kan er denselben wol angreiffen / jedoch mit solcher Vorsichtigkeit / daß er nicht betrogen werde: Dann es wird einer vielmals wegen des Eifers und Verlangens / den andern zu treffen / indem er glaubet / es sey bey dem Feinde anders nicht zu thun / als daß man ihm eine Furcht einjage / selbst getroffen / da sich einer hergegen / wann er des andern erwartet / oder sein gemach und behutsam gehet / viel leichter schützen und den andern verletzen kan.

Auseinandersetzungen mit der Gegnerspezifik: Andere Autoren
Über spezifische Bewegungstaktik im Gefecht, die die Physis und das Verhalten des Gegners als Bezugspunkt nehmen, schreiben in jeweils gesonderten Kapiteln ihrer Bücher auch Salvator Fabris in "Lo Schermo, overo Scienza d’Arme" von 1606 (das Johann Andreas Schmidt in der Typisierung sehr wahrscheinlich als Vorbild diente, vgl. die Hynitz'sche Übersetzung aus dem Jahr 1713 (2. Auflage) und Theodor Verolini in "Der künstliche Fechter" von 1679 (basierend auf Joachim Meyers Werk, siehe Hinweise in dem verlinkten Artikel).

Montag, 28. Januar 2013

„Derenthalben ist hie auch etwas Aufmerkung zu haben / auf die Eygenschaft der Menschen“ - Die vier Fechtertypen bei Theodor Verolini (1679)

Der Fechtmeister Theodor Verolini schrieb im Rappier-Teil seines Fechtbuches „Der künstliche Fechter [...] Kurtzte / jedoch klare Beschreibung Der Freyen Ritterlichen und Adelichen Kunst des Fechtens Im Rappier / Dusacken und Schwerd / Wie dann auch mit angehängter Ring=Kunst“ von 1679 mehrere Absätze über gegnerspezifische Fechtanweisungen nieder:

Vom Fechten im Rappier /
auch in Ordnung solches Fechten
beschrieben wird.

[...]
Derenthalben ist hie auch etwas Aufmerkung zu haben / auf die Eygenschafft der Menschen / welche dann in dieser Fecht=Kunst artlich können in vier Theil getheilt werden / und sich nach fleissigem Aufmercken auch also viererley Fechter finden / damit du aber solchen nützlichem nachzudencken Anleitung haben magst / wil ich dir die erstlich erzehlen / und demnach wie du dich gegen deren einem jeden halten solt / eine kurze Lehr und Regel geben und setzen.

Und seynd die ersten diese / welche so bald sie den Mann im Zufechten erlangen können / den Nechsten mit Ungestüm herhauen und stechen / die andern seind etwas bescheidner / und greiffen nit zu grob an / sondern wann sich einer Verhauen / Verfallen / oder sonsten ihme durch Wechseln versaumbt hette / Reisen sie und folgen der nechsten gegebenen Blöß eylens nach / die dritten hauen nicht ehe zur Blöß / sie haben dann dieselben nicht allein gewiss / sondern haben auch acht / ob sie auch von desselbigen zulangen des Hiebs wider sicher in ein Versatzung / oder zum Wehrstreichen erholen können / mit welchen ichs auch allermeist halte / doch nach dem mein Gegenfechter ist / die Vierdten schicken sich in ein Hüt / und warten also auff des Manns=Stück / welche seynd entweder Alber oder gar Schamper / dann wer auff eines andern Stuck warten will / muß geschickt auch wol geübt und erfahren seyn / sonst wird er nit viel außrichten.
Also wie nun die ersten Ungestüm und etwann Thumkien / und wie man zu sagen pflegt doll / die andern listig und schampffer / die dritten fürsichtig und betrieglich / die vierdten gleich alber / Also must du dich deren aller vier auch selbst anmassen und geschickt machen / auf daß du den Man etwann mit Ungestüm / etwann mit List / etwann mit fürsichtigem Auffmercken betriegen könnest / oder auch mit albern Gebärden anreitzest / verführest / und ihme also nicht allein umb seine fürgenommene Stuck betriegest / sondern auch dir hiermit zur Blöß raumest und Platz machest / damit du ihm die Dester sicherer rühren und treffen könnest.

Nun gegen die ersten Fechter schicke dich also / wann du merckest daß dich einer im Angriff also mit hartem hauen und stechen übereylen und dich übertringen will / so versetz ihm sein Hau oder Stich mit ausgestrektem Arm / auf dein lange Schneid / nahet bey deinem Gefäß in die Stärcke / und wende ihm also dein Gefäß gegen alle seine herfliegenden Häuw und Stich / doch das du in solchem Versetzen nit zu weit aus dem Langen ort / von deinem Gesicht zur Seiten außfahrest / dann je Strecker du in solchem Abwenden mit deinem Gefäß vor deinem Gesicht bleibest / je besser es ist / und entzeuche allezeit deinen Kopf und Gesicht von seiner Klingen hinder die deine / und in dem du ihm also sein Hau unnd Stich aufhälst / so mercke fleissig ob du ihm die Versatzunge im andern / dritten oder vierdten Hau entzucken mögest / mit einem Abtritt zuruck / daß er sich mit seinem Hau oder Stich verfehlet / alsdann stich oder haue eben indem er noch im verfallen ist / oder ehe er sich wider erholt / behendiglichen nach / dann welche also Ungestüm mit hauen und stechen auff dich hinein stürmen / denen soltu allwegen im Langen ort / oder gerader Versatzung begegnen, auch ihme am ersten etwas nachgeben und weichen / doch daß du gleichwol alle Häuw und Stich von dir außtragest und abwendest / alsdann wann er schier müd unbesunnen oder sicher worden ist / und du deinen Vortheil ersehen hast / so folge behändiglich und fürsichtig nach / dann je mehr du weichest / je ungestümer er wird / je leichter du ihn vervortheilen kanst / doch daß du hiemit nichts aus deinem Vortheile tringen lassest / dann welcher so ungestüm von sich hauet / der hat sich bald verhauen.

Gegen die aber welche nicht also Ungestüm im Vor=hinein Fechten / sondern im nahe auf des Mans Vor=hinein Fechten acht nemmen / gegen dieselbigen schicke dich im Zufechten in der Hüten eine / alsdann Wechsel vor ihme mit Fürsichtigkeit aus einer Hut in die ander / und beute ihm eine Blöß nach der andern dar / doch daß das Orth allwegen vor ihm bleib / allerdings wie hievor vom Abwechseln gesagt / alsbald er dir unterdeß zusticht oder hauet / so fall ihm mit Absetzen oder Dämpffen darauf / und eyl im bald der geöffneten Blöß zu.

Gegen die dritten Fechter Practicier also / wann du merckest daß dein Gegenfechter nit zu erst hauen / noch der Blössen bald zueylt / er hab sie dann gewiß / so schickte dich im Zufechten in die Nebenhüt / oder im Wechsel verharr ein kleine Weil darin / als wolltest du auff seine Stuck warten / indessen aber gehe aus der Undernhüt / wider übersich / und stell dich als woltest du in die Oberhüt verwechseln / wann du schier in der Oberhüt ankommen bist / so verwende dein Wehr in eyl zum Streich / haue also eylends ehe er sich des versicht / der nechsten Blöß zu durch / mit außgestrecktem Arm / damit du dich abermals blössest / welcher Blöß er er ohn zweiffel bald (dieweil du ihme die / also durch einen ohnversehenen Streich dargebotten hast) eylends zuhauen wird / thut er solches so setz ihm ab / und Arbeit fort zur Blöß / hauen er nicht / so stich deinem vollbrachten Hau bald ein starcken Stich nach / dieses ist ein geschwinder Betrug / daß du dich mit Gebärden stellest / als wolltest du erst lang von im aus einem Leger in das ander gehen / und thust es auch zum Theil / aber wann du schier mit deiner Wehr zu der fürgenommenen Oberhut ankommest / und ersihest indeß dein Gelegenheit / so verwende dein Wehr ehe dann du vollkommen in das Leger kommest zu einem Streich.

So viel aber die vierdten Fechter belanget / sich gegen sie anzuschicken, daß findest du in bisher gelehrten Stucken durchaus. Also soltu nun auf deines Gegenmanns Gewonheit Art und Natur achtung geben / dadurch sein fürnehmen zu erkennen / damit du einem jeden nach Gelegenheit zu begegnen wissest, letztlich so soltu allwegen drey Häuw fleissig in acht haben / also daß du mit dem einen Reitzest / mit dem andern Nemest / Versetzest / und mit dem dritten Treffest.

Über "Der künstliche Fechter":
Das Fechtbuch ist von Theodor Verolini in vier Teile (Schwert, Dussack, Rappier, Ringen) untergliedert worden und zählt insgesamt 27 Seiten Text [Schwert: 5, Dussack: 5, Rappier: 9, Ringen: 8] und 111 Seiten Illustrationen [Schwert: 15, Dussack: 14, Rappier: 10, Ringen: 72]. Erschienen ist es 1679 im fränkischen Würzburg beim Buchdrucker Joann Bencard. Der Fechtmeister Verolini orientierte sich in "Der künstliche Fechter" bei langem Schwert, Dussack und Rappier in Inhalt und Illustrationen stark an Joachim Meyer (“Gründliche Beschreibung der freyen Ritterlichen und Adelichen kunst des Fechtens”, Straßburg 1570 und Manger, Augsburg 1600). Für seinen Ringteil übernahm er einen Widenmann-Nachdruck (mehrere seit 1675) von Nicolaes Petters Buch (“Klare Onderrichtinge der Voortreffelijcke Worstel-Konst", bei Johannes Janssonius van Waesberge, Amsterdam 1674) (vgl. dazu Wassmannssdorff: "RingKunst" 1887, S. 5 [pdf]).

Nachtrag:
Der Part über die "Eygenschaft der Menschen" ist wie weite Teile von Verolinis Buch dem Werke Joachim Meyers “Gründliche Beschreibung der freyen Ritterlichen und Adelichen kunst des Fechtens”, Straßburg 1570) entnommen (-> siehe ab XCIX). Danke an Roger Norling von HROARR.

Montag, 26. November 2012

„her hat manche lant durchfaren vnd gesucht" - Ein Interview mit Marcus Hampel über das Projekt swordsurfing.com

Fechter der Vergangenheit erlernten oder verfeinerten ihr Handwerk nicht selten auf ausgedehnten Reisen. Bereits die Hs. 3227A – datiert auf das Ende des 14. Jahrhunderts – schreibt über den Fechtmeister Johannes Liechtenauer: „her hat manche lant / durchfaren vnd gesucht / durch der selbn rechtvertigen vnd warhaftige kunst wille / das her dy io irvare vnd wissen welde“. Wir kennen viele weitere Beispiele dafür. Die Marxbrüder reisten durchs Land und einmal im Jahr zu ihrer großen Versammlung nach Frankfurt an den Main. Johann Georg Paschen kam in den Sächsischen Fürstentümern und Mecklenburg umher. Joachim Meyer und Jéann Daniel L'Ange bereisten Italien. Und Johann Andreas Schmidt verschlug es ans Islemeer nach Amsterdam. Um nur einige zu nennen.

Auch heute nehmen die Fechter der historischen Europäischen Kampfkünste weite Strecken auf sich, um voneinander zu lernen. Europaweite Veranstaltungen haben sich etabliert und füllen regelmäßig die großen Sporthallen von Wien, Dijon oder beim Schwedischen 'Swordfish'. Auch im kleineren Rahmen sind Trainingsbesuche der verschiedenen HEMA-Gruppen untereinander längst Normalität.
Hier setzt swordsurfing.com an. Dem modernen Fechter will es in naher Zukunft eine Internetplattform bieten, auf der er seine Reisen zu Trainingsgruppen in andere Städte oder Länder verabreden und organisieren kann. Um die Idee hinter swordsurfing.com zu zitieren: "trainieren, sich treffen, Kontakte knüpfen und  pflegen“. Fechtgeschichte sprach mit Marcus Hampel, dem Initiator des ambitionierten Projekts.

Fechtgeschichte: Wird Swordsurfing.com ein Facebook für historische Fechter werden?

Marcus Hampel: Definitiv nein, so etwas ist nicht beabsichtigt. Es wird vielmehr eine Plattform werden, die bestehende Medien ergänzen wird. Die großen, bekannten Web 2.0-Anwendungen wie Facebook oder Twitter sind super, um auf unterschiedlichste Art und Weise in der virtuellen Welt in Kontakt zu bleiben und Informationen auszutauschen. Wenn es aber zu konkreten Verabredungen zum Training kommen soll oder man einen speziellen Trainingspartner oder -platz sucht, dann sind sie alle gleich: über Suche, private Nachrichten und Email nähert man sich sehr mühsam an Termin, Ort und Trainingsumstände an. Und zu denen gehört auch die Übernachtung. Und an dem Punkt setzt Swordsurfing.com an. Wer dort mitmacht, ist daran interessiert, andere Fechter zu beherbergen, sie selber zu besuchen und mit ihnen zu trainieren. Swordsurfing.com ist quasi die Verbindung von Virtuell zu Reell. Und über Schwertkampf kann man bekanntlich viel sprechen, besser ist aber das Machen. Das wird durch Swordsurfing.com viel einfacher werden.

Fechtgeschichte: Wie ist die Idee zu Swordsurfing.com entstanden?

Marcus Hampel: Die Idee ist langsam gewachsen. Am Anfang stand eine kurze Zeit, in der ich quasi obdachlos war. Das war im August 2008. Meine damalige Freundin und ich hatten uns getrennt und ich war nur mit meiner Fechttasche und meinen Schwertern im Auto im Rheinland unterwegs und pendelte täglich zwischen meiner Arbeitsstelle und den Wohnungen und Häusern von Freunden. Einige von ihnen sind auch historische Fechter und so hatte ich in der Zeit mehr Training als je zuvor. Eine tolle Zeit! Ich war etwas traurig, als sie vorbei war. Im Jahr 2010 und 2011 habe ich dann mit Freunden zwei Fechttouren unternommen, die eine durch Deutschland, die andere durch Schweden. Beide Male hat es uns viel Planungsaufwand gekostet, die verschiedenen Gruppen überhaupt zu finden, sie anzuschreiben und mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Es hat sich zwar gelohnt, denn am Ende haben wir zusammen fast zwanzig Vereine besucht und viel gelernt, erlebt und neue Freunde kennen gelernt. Aber etwas einfacher hätte es schon sein dürfen. 2012 habe ich dann etwa ein halbes Dutzend Fechter über das Jahr bei mir in Hamburg empfangen. Hier das gleiche Bild - viel Spaß und Training, aber auch viel Planung im Vorfeld. Man muss so viel bedenken, wenn man jemanden einlädt.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass sowohl unsere Gastgeber als auch meine Gäste begeistert waren. Die Idee, andere Schwertkämpfer zu treffen, bereitete viel Freude. Aber meine Schilderung, wie viel Aufwand es teilweise war, welche Unklarheiten zum Teil bis kurz vor dem jeweiligen Treffen bestanden und welche Zufälle nötig waren, schreckten doch Einige ab. Und mehr als nur einmal wurde ich gefragt, ob ich meine Tipps aufschreiben oder einen Service anbieten könne, der meine Erfahrungen abbildet. Swordsurfing.com wird exakt das tun.

Fechtgeschichte: Welche Möglichkeiten wird Swordsurfing.com bieten?

Marcus Hampel: Ein ganz zentraler Bestandteil werden die unterschiedlichen Profile sein. Ein generelles Profil wird Daten wie Name, Alter, Sprache und Ähnliches enthalten. Diesen Teil kennt man von so ziemlich jedem Account bei allen Plattformen. Ein Gastgeberprofil wird beschreiben, was man anbietet, also was der Gast erwarten kann. Das sind neben einem Schlafplatz auch weitere alltägliche Dinge wie etwa, ob im Haushalt Kinder willkommen sind, ob es Haustiere gibt und ob man Dinge wie Küche und Waschmaschine mit benutzen kann. Ein Anfrageprofil regelt, welche Gastgeber man ansprechen, bzw. von welchen Gastgebern man eingeladen werden möchte. Das kann wichtig sein, wenn man z.B. gern mit Kindern oder bei (Nicht-)Rauchern unterkommen möchte. Oder ob man einfach nur einen Kontakt in der Nähe sucht und keine Fernreise unternehmen möchte. Der wichtigste Teil ist aber das Kämpferprofil. Dort werden die speziellen Schwertkampfwünsche berücksichtigt. Das sind viele, wie z.B. “Welche Waffe trainiere ich, an welcher Waffe bin ich interessiert? Möchte ich lehren oder lernen? Bin ich eher auf Training, Freikampf oder Interpretation aus? Welche Quelle lege ich meiner Arbeit zugrunde?” und noch einiges mehr. Wenn nun die eine oder andere Seite einen Trainingspartner gefunden hat, dann wird man mit wenigen Klicks eine Anfrage starten und eine Zusage erteilen können. Sensible Daten wie Adresse und Telefonnummern können in diesem Schritt dann offen gelegt werden, zuvor sind sie geschützt. Das ist im Wesentlichen der Kern der Idee. Weitere Funktionen werden durch eine saubere Architektur problemlos einführbar sein, denn wir wollen Swordsurfing.com möglichst zukunftssicher aufbauen. Im Übrigen, wir werden im ersten Schritt alles in englischer Sprache verfassen. Meine Erfahrung zeigt, dass viele Fechter gutes Englisch sprechen und wir mit lokalen Varianten erst beginnen sollten, wenn die Plattform anständig läuft.

Fechtgeschichte: Swordsurfing.com soll über eine Fundraising-Kampagne finanziert werden. Wie stehen derzeit die Chancen, das Projekt auf diesem Wege zu realisieren?

Marcus Hampel: Gut! Das liegt daran, dass wir in Kürze damit beginnen werden, erste Schritte für das bereits gesammelte Geld zu gehen und damit zeigen können, was wir planen. Je konkreter es wird, desto höher wird die Spendenbereitschaft werden, da bin ich mir sicher. Mein großer Dank gebührt den Spendern, die bereits jetzt großes Vertrauen in meine Idee, mein Team und mich bewiesen und äußerst großzügig gespendet haben. Sie machen es möglich, dass ich so guter Dinge bin. Weiteren Spendern möchte ich einen kleinen Anhalt geben, was sie durch eine Spende ermöglichen. Eine Übernachtung in einer europäischen Großstadt kostet momentan minimal EUR 60,00. Die Vermittlung einer Übernachtungsmöglichkeit über Swordsurfing.com ist komplett gratis. Wenn die Idee wirklich gut ist und wirklich gebraucht wird, dann werden wir die rund 6.300 EUR für den Start und die 500,00 EUR für den jährlichen Betrieb zusammenbekommen. Da bin ich mir sicher."

Fechtgeschichte: Du erwähnst eine jährliche Finanzierung auf Spendenbasis. Ist für euch eine zukünftige Finanzierung des  Projektes auch über Werbung oder Sponsoring denkbar?

Marcus Hampel: Nein, es wird weder Sponsoring, noch gekaufte Werbeplätze geben, was zum Schluss sowieso das Gleiche ist. Erfahrungen, die ich bei der Suche nach Sponsoren für andere Projekte gemacht habe, zeigten mir, dass anfänglich immer alles ganz freundschaftlich und gönnerhaft betrachtet wird. Nach spätestens einem Jahr aber kommen doch Reichweitendiskussionen und “Return on Invest”-Themen auf den Tisch. Klar, diese kann man durch den Einsatz von Monitoringtechniken und gutem Controlling belegen. Aber mal ganz ehrlich, wird dadurch auch nur ein Schlafplatz für ein Training vermittelt? Wollen historische Fechter wirklich von ihrem Geld eine Controllingmaschine gefördert wissen? Ich glaube nicht. Vielmehr gibt es viele andere spannende Ideen, die durch den Paradigmenwechsel Web 2.0 möglich werden. Wenn man genau betrachtet, wer warum welches Interesse an der Plattform haben könnte, dann gibt es viel Stoff für weitere Ausbaustufen. Vereine, Schulen und Events und vielleicht sogar die Hersteller von Fechtmaterialien könnten eine Möglichkeit bekommen, mitzumachen. Auf “Mitmachen” liegt die Betonung. Und dann werden sie wie jeder Swordsurfer Zusprache, gute Bewertungen und Nachfrage erfahren können. Oder eben aber nicht, wenn ihre Angebote nicht in die Szene passen. Da ich fest glaube, dass die Zeit der einseitigen Kommunikation seit Web 2.0 vorbei ist, glaube ich auch, dass es bei Swordsurfing.com nur einen Kommunikationsweg, das Mitmachen, geben sollte. Es soll wie in unserem Hobby zugehen, das wir genau aus diesem Grunde auch so schätzen: Mit dem Schwert in der Hand sind alle gleich, man muss jeden Gegner ernst nehmen. Diejenigen, denen dies etwas wert ist, werden angemessen spenden, egal ob Person, Gruppe, Verein, Schule, Eventausrichter oder Hersteller. Da bin ich mir sicher.

Fechtgeschichte: Wo wird Swordsurfing.com in 3 Jahren stehen?

Marcus Hampel: In drei Jahren werden wir Swordsurfing.com zum einen technisch immer weiter ausgebaut haben. Schon jetzt haben wir rund ein Dutzend sehr guter Ideen in der Szene gesammelt, die wir noch umsetzen wollen. Das sind zum Teil echte Juwelen, die wirklich kein anderer Service bieten kann. Über Themen wie persönliche Sicherheit auf Reisen bis hin zu Vertrauenskonzepten und Anbindungen zu mobilen Geräten sind sehr spannende Dinge mit dabei. Wir selber haben eine Wunschliste von ebenfalls einem weiteren Dutzend abgesegneter Ideen. Ganz oben steht die Umsetzung meiner Erfahrungen, um den Komfort noch zu steigern. Zum anderen werden wir versuchen, Swordsurfing.com in eine Stiftung zu verwandeln. Swordsurfing.com wird dadurch eine eigenständige, juristische Person werden, die auch über das Leben der Gründer hinweg unabhängig bestehen bleiben wird. Swordsurfing.com ist nicht dazu gedacht, irgendjemanden reich zu machen, sondern soll unser Hobby, den Schwertkampf, optimal unterstützen. Austausch ist wichtig, um uns alle in unserem gemeinsamen Hobby voranzubringen. Darauf arbeite ich hin. Über den Start des Projektes hinaus möchte ich im Moment noch nicht langfristig weiterplanen. Denn erst einmal ist es wichtig, dass wir die nötigen Mittel für den ersten Schritt zusammen bekommen. Wenn alles gutgeht, dann können wir im Sommer 2013 weitere Schritte konkret bekannt geben.

Weitere Informationen:

Montag, 29. Oktober 2012

"Persian Archery and Swordsmanship" - Ein Interview mit Dr. Manouchehr Moshtagh Khorasani zur Erforschung der historischen Kampf- und Kriegskünste des Iran

Dr. Manouchehr Moshtagh Khorasani ist Autor der Bücher 'Arms and Armor from Iran: The Bronze Age to the End of the Qajar Period‘, 'Oriental and Arab Antique Weapons and Armour: The Streshinskiy Collection' und 'Lexicon of Arms and Armor from Iran: A Study of Symbols and Terminology“. Im November erscheint sein neues Buch 'Persian Archery and Swordsmanship: Historical Martial Arts of Iran', in welchem er einen Einblick in die historischen Kampf- und Kriegskünste des persisch-iranischen Kulturraumes gibt. Fechtgeschichte hatte die Möglichkeit, im Vorfeld der Veröffentlichung mit ihm zu sprechen.

Fechtgeschichte: Herr Dr. Korashani, 'Persian Archery and Swordsmanship: Historical Martial Arts of Iran' ist Ihr erstes Buch zu den Kampf- und Bewegungskünsten des Iran selbst, nachdem Sie sich in Ihren vorangegangenen drei Werken mit der Waffen- und Rüstungskunde dieser Region befasst haben. Wie kam es zu diesem Schritt von der Erforschung von Waffen und Rüstungen hin zur  Erforschung deren Benutzung?

Manouchehr Moshtagh Khorasani: Als ich über Waffen und Rüstungen forschte, wollte ich auch die genauen metallurgischen Verfahren kennenlernen, mit denen Damaststahl hergestellt wird. Also begab ich mich in den Bibliotheken auf die Suche nach entsprechenden Manuskripten. In den Schriften, die ich fand, entdeckte ich Querverweise auf andere Handschriften, die davon berichteten, wie eine Waffe korrekt zu schärfen ist. Und in diesen Handschriften wiederum entdeckte ich weitere Querverweise, die mich schließlich zu Schriften führten, die erläutern, wie bestimmte Waffen im Kampf zu führen sind.

Fechtgeschichte: Wie sind Sie bei den Arbeiten zu Ihrem Buch vorgegangen?

Manouchehr Moshtagh Khorasani: Die iranische Kultur ist eine sehr reichhaltige Schriftkultur mit über einer Million Manuskripten zu Epik, Poesie, Philosophie, Naturwissenschaften, Medizin und mehr. Ein Fokus meiner Arbeiten für das Buch lag darauf, Kampf- und Schlachtfeldberichte aus Epik und Poesie und die Abertausende von Buchillustrationen zu sammeln und miteinander zu vergleichen. Ich habe mir Körper- und Waffenhaltungen und Treffer in Wort und Bild angesehen und detailliert analysiert. Es ging mir darum, die in Schlachtfeldberichten und Gedichten beschriebenen Handlungen mit den gemalten Buchminiaturen zu vergleichen und daraus Muster für Technikkomplexe abzuleiten. Hinzu kommen ab dem 14. und 15. Jahrhundert eine Vielzahl von Manuskripten mit detaillierten Anleitungen zu Kampftechniken für die unterschiedlichen Waffen. Als Beispiel sei hier das Buch von Ahmad Mehdi Hosseyni aus der Zeit von Šāh Esmā'il Safavid (1502-1524) genannt, dass den Kampf mit Speer, Schwert, das Ringen und Bogenschießen sowie den berittenen Kampf beschreibt. Wir können sagen, dass es für den iranischen Raum eine große Zahl an Schriftquellen gibt. Chronologisch gesehen hat man für die Bronzezeit (in Altpersisch) nur ein paar Steintafeln als Quellen, vom 2. v. Chr. bis zum 6. Jahrundert n. Chr. (in Mittelpersisch) schon gibt es einige mehr Quellen und ab dem 10. Jahrhundert (in Neupersisch) eine wachsende Zahl an Epen, Gedichten und Schlachtfeldbeschreibungen. Ab dem 14. und 15. bis zum 18. Jahrhundert finden wir dann auch Manuskripte mit detaillierten Anleitungen, und ab dem 19. Jahrhundert dann viele Bücher speziell über Feuerwaffen. Doch die Handschriften sind nicht alles. Es gibt weitere interessante Quellen, die ich während meiner Reisen in den Iran neben dem Quellenstudium in Bibliotheken und Museen ebenfalls erforscht habe. Dies sind zum einen die traditionellen Ringformen, dann das sogenannte 'Haus der Stärke‘ sowie einige besonders im Süden des Iran weitverbreiteten Waffentänze. Zu den traditionellen Ringformen lässt sich sagen, dass es im Iran 23 traditionelle Ringformen gibt, von denen sich einige bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Bei manchen dieser Formen sind ausschließlich Ring-, bei anderen daneben auch Fausttechniken erlaubt.  Das 'Haus der Stärke', das ebenfalls seit vielen Jahrhunderten bis in unsere heutige Zeit hinein existiert, ist ein Ort der physischen und spirituellen Stärkung. Hier trainierte die Jugend sich mit entsprechenden Trainingsgeräten für den Kampf und die Schlacht. Dort wurden auch Schwert- und Speerkampfübungen abgehalten, ehe sie im 19. Jahrhundert verboten wurden. Doch Reste davon sind als symbolische Trainingsformen auch in den Übungen mit Trainingsgeräten noch erhalten. Die ebenfalls von mir erwähnten Tänze werden vor allem im Süden des Iran bis heute gepflegt und meist mit Säbel und kleinem Schild oder zwei Säbeln aufgeführt.

Fechtgeschichte: In allen Himmelsrichtungen des Iran liegen andere große und kleine Reiche und Volksgruppen. Darüber hinaus forderten im Laufe der Geschichte unter anderem der Makedone Alexander mit seinem Heer, die Islamische Expansion und die Osmanen das Perserreich heraus. Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund den kulturellen Austausch auf dem Gebiet der Kampf- und Bewegungskünste ein?

Manouchehr Moshtagh Khorasani: Der Iran war immer ein Vielvölkerstaat. Man hat die Einflüsse anderer aufgenommen, aber auch immer die angrenzenden oder eindringenden Kulturen verändert.  Das spiegelt sich natürlich auch in der Vielfältigkeit der Kampfkünste wieder. Ich will dazu ein Beispiel aus dem Ringen geben. Im Norden des Iran ist das Schlagen mit den Fäusten ohne Schutz erlaubt, im Nordosten nicht. Dafür trugen die Kämpfer hier eine Art spezielle Ringerkleidung, ähnlich einem japanischen Gi. Im Süden gab es wieder andere Kampftechniken. Hier bewegte man sich sehr tief und kämpfte auch dementsprechend. Ein anderes Beispiel noch aus der Kriegstechnik. In der Konfrontation mit der gewaltigen Kriegsmaschinerie der Osmanen, die zu einem Großteil aus Artillerie bestand, setzten sich in den persischen Armeen im 15. und 16 Jahrhundert schrittweise die Feuerwaffen durch. Jedoch kann man für die Zeit vom 16. bis Anfang des 19. Jahrhunderts nach heutigen Kenntnisstand sagen, dass sich die Kampf- und Kriegstechniken nur wenig änderten, sondern relativ konstant blieben. Hier kann man gewisse Parallelen zum japanischen Kaiserreich der gleichen Zeitspanne feststellen, in dem Kriegs- und Kampfkünste auf ähnliche Weise über einen längeren Zeitraum relativ konstant überliefert wurden. Dies änderte sich im Iran erst im 19. Jahrhundert wieder, als mehr und mehr europäische Militärberater ins Land kamen. Man muss aber beachten, dass die ersten europäischen Militärberater bereits während der Periode von Shah Abbas Safavid (1571 – 1629) in den Iran kamen.

Fechtgeschichte: Kapitel 2 Ihres Buches trägt den Titel „THE SACRED WEAPON: ARCHERY IN IRAN”. Warum wählten Sie diese Überschrift?

Manouchehr Moshtagh Khorasani: Dem Bogen kommt innerhalb der iranischen Kriegerkultur eine herausragende Stellung zu. Dies wird allein schon deutlich an der Anzahl der erhaltenen Manuskripte. Über das Bogenschießen sind wesentlich mehr Manuskripte erhalten als über jede andere Waffe des persischen Raumes. Derzeit kennen wir 22 Handschriften, manche von ihnen sind 100 Seiten stark. Allesamt sind sie überaus detailliert ausgearbeitet und beschreiben von der Ausrüstung wie Daumenschutz und unterschiedliche Pfeilsorten über Auszugtechniken bis zu Trefferzonen und dem Schuss vom Pferderücken aus so gut wie jeden Aspekt des Bogenschießens. Die Techniken unterscheiden sich teilweise von Handschrift zu Handschrift. Viele der Autoren haben eigene Techniken, die man ausschließlich bei ihnen findet. Die Vielzahl der Quellen zum Bogenschießen lässt sich mit Rückgriff auf den kulturell-mythologischen Hintergrund erklären. In der Mythologie wie auch der Frühgeschichte des Iran nahm der Bogen immer eine Sonderrolle ein. Er war die Waffe von Göttern und Helden der iranischen Mythologie und damit immer auch ein Symbol der Herrschaft. Zum Beispiel ist der mythologische Held Ārasch mit dem Bogen bewaffnet, und die Perserkönige der Archämeniden und Parther wurden auf Münzen immer mit einem Bogen in der Hand abgebildet.

Fechtgeschichte: Vielleicht noch stärker als den Bogen verknüpft man das Ringen mit der persisch-iranischen Kultur. Zufällig unterhielt ich mich erst neulich mit einem Iraner, der mir dies wie selbstverständlich bestätigte, indem er sagte: „Ja, wir Iraner werden in Sachen Sport von der ganzen Welt vor allem als Ringer wahrgenommen.“ Welchen Stellenwert hat das Ringen in der heutigen und in der historischen iranischen Kampfkunst?

Manouchehr Moshtagh Khorasani: Das Ringen genießt sowohl heute wie auch in der Historie sehr hohes Ansehen. Noch heute werden nach meinen Forschungen 23 traditionelle Ringstile im Iran gepflegt, von denen manche viele hundert Jahre in die Vergangenheit zurückreichen. In den historischen Kampfkünsten ist das Ringen ein integraler Bestandteil. Das Ringen ist zum einen eine eigene Disziplin und findet in sportlichem Wettkampf und Krieg seine Anwendung. Drei überaus bedeutende Handschriften zur Ringkampfkunst des Iran bespreche ich in meinem Buch. Die Handschrift von Šarif Mohammad, dem Sohn von Ahmad Mehdi Hosseyni aus der Zeit von Šāh Esmā'il Safavid enthält 43 Techniken, die Handschrift des Tumār-e Puryā-ye Vali zählt 47 Techniken und die Handschrift Masnavi-ye Golkošti-ye Mirnejāt beinhaltet 35 Techniken, die bemerkenswerterweise in Form eines Gedichtes vermittelt werden. Doch auch im Waffenkampf ist das Ringen ein fester Bestandteil. Aus einer weiten Distanz arbeiteten sich die Kämpfer mit ihren Waffen in eine mittlere Distanz vor. Von dort aus können sie jetzt ihren Gegner mit der Waffe töten oder einen Eingang ins Ringen suchen. Ein gutes Beispiel dafür, dass das Ringen im Kampf immer eine Option ist, ist die Konstruktion eines typischen persischen Schildes. Dieser Schild, aus Büffel- oder Nashornhaut und teilweise aus Stahl bestehend, wird auf eine spezielle Art gehalten, so dass man den Schild drehen und mit der Schildhand die Waffenhand des Gegners greifen kann. In dieser Situation kann der Gegner, da seine Waffenhand fixiert ist, mit der Waffe angegriffen oder geworfen werden.

Fechtgeschichte: Das Buch von Ahmad Mehdi Hosseyni aus der Zeit von Šāh Esmā'il Safavid (1502-1524), von dem Sie weiter oben bereits sprachen, ist ein sehr umfangreiches Manuskript. Es behandelt den Kampf mit Speer, Schwert, das Ringen und Bogenschießen sowie den berittenen Kampf. Können Sie unseren Lesern etwas mehr über Geschichte, Inhalt und Struktur des Werkes erzählen?

Manouchehr Moshtagh Khorasani: Ahmad Mehdi Hosseyni bekam den Auftrag, für seinen Herrn ein Buch zu schreiben, dass ausführlich darstellt, wie man mit welcher Waffe kämpfen sollte. Es enthält sowohl Anweisungen zur Waffenpflege wie z.b. das Schärfen der Waffen, als auch detaillierte Kampftechniken. Zu den Kampftechniken zählen 43 Stücke aus dem Ringen, 40 Stücke aus dem Speerkampf, außerdem Anweisungen zum berittenen Kampf und zum Bogenschießen. Das Manuskript enthält auch einen Teil zum Schwert. Interessanterweise steht darin nur geschrieben, wie man das Schwert schärft, nicht aber wie man damit kämpft. Ich gehe davon aus, dass Teile des Manuskripts verloren gegangen sind, denn für die Lanze zum Beispiel schreibt Ahmad Mehdi Hosseyni sowohl zum Schärfen wie auch zum Kämpfen. Wenn die Handschrift wirklich unvollständig ist, dann hoffe ich, dass wir irgendwann in einer Bibliothek eine vollständige Abschrift des Werkes finden werden, die auch den Teil zum Schwertkampf enthält.

Fechtgeschichte: Sie sagen,  Ahmad Mehdi Hosseyni bekam den Auftrag, für seinen Herrn ein Buch über Kampftechniken zu verfassen. Was ist über ihn sonst bekannt? Was ist über die Autoren anderer Schriftquellen bekannt? Und kann man aus den Quellen erkennen, welchen sozialen Status die Autoren innehatten?

Manouchehr Moshtagh Khorasani: Leider wissen wir nicht sehr viel mehr über die Entstehungsgeschichte des Werkes und den Autor Ahmad Mehdi Hosseyni. Es ist nur bekannt, dass er ein Mitglied der Armee war und das Buch  für die Spezialeinheiten des Šāh geschrieben hat. Über einen anderen Autor, der damit beauftragt wurde, eine Bogenhandschrift anzufertigen, besitzen wir ebenfalls ein paar Informationen. Sein Vater war ein Philosoph, er selbst war Ausbilder für das Bogenschießen. Bei vielen der übrigen Handschriften ist leider oft nicht einmal der Autor klar. Das ändert sich erst im 18. und 19. Jahrhundert mit den Büchern über das  Vorderladerschießen. Hier sind die Autoren gut bekannt, und meist sogar, in welchem Regiment sie dienten.

Fechtgeschichte: Waren die Kampfkünste, die Sie in ihrem Buch untersuchen, ausschließlich für den Krieg gedacht oder gab es auch zivile Kampfkünste?

Manouchehr Moshtagh Khorasani: Viele der von mir untersuchten Quellen deuten auf einen überwiegend militärischen Gebrauch der Kampfkünste hin. Es waren für den Krieg trainierte Kampftechniken. Als eine zivile Kampfkunst würde ich aber auf jeden Fall das Ringen bezeichnen, und zwar dann, wenn es in Form von Wettkampfsport ausgeübt wurde. Außerdem sind für das 18. und 19. Jahrhundert zwei- und ein einschneidige Kurzschwerter belegbar mit Namen „Qama” und „Qaddare”. Diese werden ohne Schild geführt, was auf eine zivile Trageweise hindeutet, da sonst jede Waffe im militärischen Kontext nur zusammen mit Schild genutzt wurde. Wenn es vor dieser Zeit noch andere Waffen für eine zivile Kampfkunst gegeben haben sollte, dann sind diese im im Moment nicht belegbar.

Fechtgeschichte: Zum Abschluss noch die Frage: Haben Sie bereits Pläne für ein neues Buch?

Manouchehr Moshtagh Khorasani: Ja, ich arbeite bereits an einem Buch über persische Vorderladerfeuerwaffen. Außerdem wird bald ein Buch über das persische Bogenschießen folgen, das 26 aus dem persischen übersetzte Manuskripte beinhalten wird. Auch zum berittenen Kampf plane ich eine Publikation. Wir müssen immer weiter forschen, denn wir stehen erst ganz am Anfang.

Fechtgeschichte: Viel Erfolg bei ihrer weiteren Arbeit und vielen Dank für das Interview.


Das Buch 'Persian Archery and Swordsmanship: Historical Martial Arts of Iran' erscheint im November 2012 bei Niloufar Books.


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Montag, 20. August 2012

"Heraus aus dem Schattendasein der Archive" - Ein Interview mit Andreas Meier über Fechtbücher, deren Transkription und die 'Gesellschaft für Pragmatische Schriftlichkeit'

Andreas Meier beschäftigt sich seit mittlerweile mehr als 20 Jahren mit der Erschließung und Erforschung historischer europäischer Fecht- und Fachbücher. Er ist außerdem Mitglied der 'Gesellschaft für Pragmatische Schriftlichkeit', die es sich zur Aufgabe gemacht hat,  die mittelalterliche Fachliteratur (= pragmatische Schriftlichkeit) aus ihrem "Schattendasein der Archive" zu befreien. Fechtgeschichte sprach mit ihm.

Fechtgeschichte: Hallo Andreas. Wir haben nicht schlecht gestaunt, als wir im Vorfeld zu diesem Interview erfuhren, dass du dich persönlich bereits seit 1990 mit Fechthandschriften beschäftigst. Wie bist du seinerzeit dazu gekommen?

Andreas Meier: Hallo. Nun wie kommt man zu so einer Leidenschaft? Zum einen war mein Interesse für Geschichte schon immer sehr ausgeprägt. Hinzu kam meine Vorliebe für Kampfkünste. Irgendwann stellte ich mir die Frage, ob es bei uns eine hochentwickelte Kampf- und Fechtweise gab und so machte ich mich auf die Suche. Ernsthaft wurde es im Jahr 1992, mit dem Kauf des Buches von Hans-Peter Hills „Meister Johann Lichtenauers Kunst des langen Schwertes“ (Anm. d. Red.: Hans-Peter Hils: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes, Frankfurt a.M./Bern/New York 1985).

Fechtgeschichte: Ein wichtiges Element der Fechtbuchforschung ist die Transkription jener alten Texte. Kannst du unseren  Lesern kurz umreißen, was eine  Transkription eigentlich ist und was sie beinhaltet?

Andreas Meier: Das ist einfach erklärt. Eine Transkription ist das Übertragen einer alten Schrift in unsere heute verwendete Schrift. Darüber hinaus werden bei einer Transkription auch andere Texterscheinungen beschrieben. Das können z. B. Beschädigungen des Papiers sein oder Abkürzungen, die heute nicht mehr bekannt sind. Auch werden heute nicht mehr verwendete Ortsnamen, Maßeinheiten, Abkürzungen, Worte in einem Anhang oder in einer Fußnote erklärt. Für gewöhnlich wird der Transkription auch eine Beschreibung der Handschrift vorangestellt, in der man alles Wissenswerte zum Autor, der Handschrift selbst, der Schrift usw. aufführt. Wichtig für andere Bearbeiter ist es, dass man seine Regeln, die man für die Transkription angewandt hat, mit angibt.

Fechtgeschichte: Blicken wir noch einmal in deine Vergangenheit. Was war dein erstes Transkriptions-Projekt?

Andreas Meier: Mein erstes wirkliches, also auf wissenschaftlicher Grundlage basierendes  Transkriptions-Projekt, war die Handschrift ms.germ.quart 16 „Gladiatoria“. Sie wird aufbewahrt in der Jagellonischen  Bibliothek von Krakau.

Fechtgeschichte: Warum wähltest du die ms.germ.quart 16 „Gladiatoria“?

Andreas Meier: Da muss ich etwas ausholen. Im Jahr 2002/03 startete der erste Unterricht "Seminar Fechtbücher - Sprache, Paläographie, Handschriftenpraxis", den ich zusammen mit Frau Freundl, einer ehemaligen Mitarbeiterin der Bayerischen Staatsbibliothek organisiert habe. Im Verlauf der Lektionen keimte die Idee, dass Erlernte gleich in einer Transkription umzusetzen. Nach einigem Überlegen entschieden wir uns für die „Gladiatoria“, da sie uns als digitale Kopie vorlag und der Text von einem professionellen Schreiber stammt und daher gut lesbar war.

Fechtgeschichte: Welche Erfahrungen konntet ihr aus dieser ersten Transkription für euch mitnehmen?

Andreas Meier: Das waren eine ganze Menge. Wichtig war unter anderem, dass wir erfahren haben, wo man Informationen zu einer Handschrift bekommen kann und welche Lexika und Wörterbücher hilfreich sind zum Textverständnis. Auch mussten wir lernen, dass eine gute Koordination unerlässlich ist, wenn man mit mehreren Personen an einem Dokument arbeitet. Da haben wir doch einiges durch zeitlichen Mehraufwand ausgleichen müssen.

Fechtgeschichte: Wenn du dir ein neues Transkriptions-Projekt vornimmst, womit beginnst du deine Arbeit?

Andreas Meier: Zunächst gilt es eine Handschrift ausfindig zu machen. Dieser Schritt, Heuristik genannt, ist dank den Arbeiten von Herrn Wirschin (Anm. d. Red.: Martin Wierschin, Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens. München, 1965) und Herrn Hills (Anm.: s. o.) glücklicherweise sehr vereinfacht worden. Sie führen in Ihren Katalogen die meisten bekannten Handschriften zu diesem Thema auf. Die Auswahl hängt von meiner Vorliebe ab. Entscheidend ist natürlich auch, ob bereits eine gute Transkription/Edition vorliegt. Anschließend trage ich alles zusammen, was über die Handschrift und den Autor bereits bekannt und veröffentlicht ist. Dies können Aufsätze, Abhandlungen in Fachbüchern, Handschriftenkataloge, Archivdokumente, Steuerlisten und vieles mehr sein. Handelt es sich um mehrere Handschriften eines Autors, wird nun eine Leithandschrift für die Transkription ausgewählt. Anhand dieser beginne ich mit der Transkription und gleiche Sie, vereinfacht ausgedrückt, mit den anderen Handschriften des Autors ab.

Fechtgeschichte: Auf welche Besonderheiten - und möglicherweise auch Probleme - wird man bei der Transkription eines Textes aus dem 15. oder 16. Jahrhundert treffen?

Andreas Meier: Zunächst hat man es mit den Eigenarten des Schreibers zu tun. Die Bandbreite reicht von sehr gut leserlichen Handschriften bis zu grausig hingeschmierten Texten, die eine echte Herausforderung darstellen. Hierzu fällt mir insbesondere die Handschrift von Hans Folz Q566 der Herzog Anna Amalia Bibliothek ein. Bei Texten des Spätmittelalters stellt sich das Problem, dass es damals keine Vereinheitlichung der Rechtschreibung und der Grammatik gab. Eine Interpunktion war mehr oder weniger unbekannt, Groß- und Kleinschreibung oft sehr schwer zu ermitteln und wurde ohne eine zu Grunde liegende  Regel eingesetzt. Es kommt immer wieder vor, dass dasselbe Wort in einem Satz verschieden geschrieben wurde. Kurz gesagt, man schrieb wie man sprach. Das aber lässt Rückschlüsse auf die Herkunft der Handschrift zu, da man den Dialekt gut einordnen kann. Auch wird man sehr bald bemerken, dass oft mit Abbreviaturen, also Auslassungszeichen, gearbeitet wurde. Hierbei kürzt der Schreiber Buchstaben mit bestimmten Zeichen ab. Es gibt natürlich noch viel mehr Besonderheiten, die aber weit über den Rahmen dieses Interviews hinausgehen würden. Ich gebe jedoch sehr gerne Hilfestellung, wenn jemand Fragen zu bestimmten Texterscheinungen hat.

Fechtgeschichte: Du bist auch ein Mitglied der 'Gesellschaft  für Pragmatische Schriftlichkeit'. Erzähle unseren Lesern doch bitte ein wenig mehr von eurer Gruppe.

Andreas Meier: Im Jahr 2002/03 organisierte ich den anfangs bereits erwähnten Unterricht. Es nahmen acht Personen an den insgesamt zwei halbjährigen Blöcken teil. Während des Unterrichtes keimte die Idee auf, eine Plattform zum Veröffentlichen unserer Arbeit und der anderer Autoren ins Leben zu rufen. Da die Fechthandschriften zu dem Komplex der Pragmatischen Schriften zählen, kam es, dass wir uns den Namen 'Gesellschaft für pragmatische Schriftlichkeit' gaben. Von den ursprünglich acht Personen sind heute noch vier aktiv tätig. Erfreulicherweise konnten wir auch andere Forscher, wie z. B.  Herrn Dupuis (Anm.d.Red.: HEMA-Mitglied aus Frankreich), für unsere Projekte gewinnen. Grundsätzlich kann jeder, der seine Transkription auf einer wissenschaftlichen Basis erstellt, seine Arbeit bei uns veröffentlichen.

Fechtgeschichte: Die 'Gesellschaft  für Pragmatische Schriftlichkeit' hat bereits acht Handschriften des 15. und 16. Jahrhunderts transkribiert. Kannst du bitte ein Projekt davon auswählen und an diesem eure Arbeitsweise etwas näher erläutern?

Andreas Meier: Genaugenommen haben wir sogar 12 Handschriften bearbeitet. Sieben davon als Transkription und eine als Edition. Bei der Edition handelte es sich um das Werk von Paulus Kal, das alle seine bekannten Handschriften umfasste. Insgesamt waren es fünf Stück, die wir im Zuge der Arbeit transkribiert haben. Nehmen wir doch auch gleich mein Lieblingsprojekt, den Paulus Kal, um unsere Arbeitsweise zu erläutern. Bei diesem Projekt haben wir mit vier Personen gearbeitet. Die Handschriften wurden aufgeteilt und nach vorher festgelegten Transkriptions-Richtlinien bearbeitet. In einem Masterdokument wurden dann die Ergebnisse jedes einzelnen zusammengeführt. Anschließend kam die wichtigste, aber zugleich auch anstrengendste Arbeit: das Korrekturlesen. Jeder der Mitwirkenden las die gesamte Transkription und korrigierte Fehler. Schwierige Textstellen wurden in gemeinsamen Treffen erörtert. Insgesamt wurde dieses Korrekturlesen fünfmal wiederholt. Zeitgleich begann die Arbeit an dem Vorwort und der Beschreibung der Handschriften. Mühsam gestaltete sich hierbei die Kommunikation mit der Universität in Bologna. Die Antworten auf meine Anfragen kamen grundsätzlich in Italienisch zurück, aber auch das konnten wir lösen. Bei dieser Edition konnten wir erstmals alles nutzen, was wir seinerzeit bei Frau Freundl gelernt hatten: die Erstellung eines textkritischen  Apparats zum Beispiel, oder aber Rückschlüsse auf einen Archetyp zu ziehen, um nur einiges zu nennen.

Fechtgeschichte: Auf welche Weise werden die abgeschlossenen Projekte veröffentlicht?

Andreas Meier: Zumeist stellen wir die Arbeiten kostenfrei auf unserer Hompage zur Verfügung. Einige Arbeiten sind auch als Buch oder in Form eines Aufsatzes veröffentlicht worden.

Fechtgeschichte: Auch im Moment wird bei der 'Pragmatischen Schriftlichkeit' an einigen Projekten gearbeitet. Kannst du über diese Projekte bitte etwas mehr erzählen?

Andreas Meier: Da bei uns jeder eigenverantwortlich an seinen Projekten arbeitet,  kann ich zu den Arbeiten meiner Kollegen nicht allzu viel sagen. Die Transkription zu der Handschrift des Juden Lew Cod.I.6.40.3 aus der Universitätsbibliothek Augsburg ist beinahe abgeschlossen, hier habe ich Herrn Brunner (Anm.d.Red.: Mitglied der "Pragmatischen Schriftlichkeit") mit Korrekturlesen unterstützen können. Der Stand zu den Arbeiten des Roßarzneibuch cpg406 aus der Universitätsbibliothek Heidelberg sowie des Kriegsbuches Cod.3069 aus der Österreichischen Nationalbibliothek entziehen sich meiner Kenntnis, da Herr Brunner diese bearbeitet. Die Transkription zu Jörg Wilhalm ist ebenfalls in Arbeit, aber zurzeit etwas ins Stocken geraten. Ich selbst suche momentan jemanden, der mir bei der Bearbeitung eines Lateinischen Textes helfen kann.

Fechtgeschichte: Kannst du uns verraten, um was für einen lateinischen Text es sich dabei handelt?

Andreas Meier: Da hab ich mich jetzt aber etwas verplappert. Ich möchte noch etwas hinterm Berg halten, da der Text weitgehend unbekannt ist. Aber so viel sei gesagt, dass es sich um eine Fechthandschrift aus den 16 Jhd. handelt, die aus dem deutschsprachigen Raum stammt. Sobald ich jemanden habe, der mir damit helfen kann, werde ich eine Ankündigung auf unserer Seite machen.

Fechtgeschichte: Wir sind sehr gespannt auf die Ankündigung und werden die Seite der 'Pragmatischen Schriftlichkeit' aufmerksam verfolgen. Doch jetzt erst einmal zu etwas anderem. Du hältst auch Vorträge über die Transkription alter Texte. Wie baust du diese Vorträge auf?

Andreas Meier: Der Vortrag ist in folgende Bereiche unterteilt: Heuristik, Lesen und Entziffern von Texten, Transkription und Editionspraxis sowie Handschriftenbeschreibung. Der gesamte Vortrag dauert ca. 6-7 Stunden (mit Übungen zum Lesen und Entziffern). Sinnvollerweise teile ich das auf zwei Tage auf, da so viel Theorie doch sehr anstrengend ist.

Fechtgeschichte: Welche Fragen werden dir bei deinen Vorträgen besonders häufig gestellt?

Andreas Meier: Die meisten Fragen werden zu den Komplexen 'Lesen und Entziffern' gestellt. Hier geht es meist darum, wie bestimmte Worte oder Buchstaben übertragen werden. Aber gleichermaßen gibt es auch zu Groß- und Kleinschreibung und Interpunktion häufig Fragen.

Fechtgeschichte: Welchen Tipp würdest du einem Anfänger mit auf dem Weg geben, der seine erste Transkription anfertigen möchte?

Andreas Meier: Zuerst sollte er sich mit der Schrift des gewählten Zeitabschnittes vertraut machen. Das ist sozusagen das Grundgerüst, auf dem er aufbauen kann. Auch sollte er darauf achten, alle recherchierten Fakten gut zu dokumentieren. Dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen, denn man glaubt Anfangs gar nicht, wie schwierig es ist, bei den vielen Fundstücken, Lebensdaten und Textbelegen zum Text und oder dem Autor den Überblick zu behalten.

Fechtgeschichte: Und zu guter Letzt: Du beschäftigst dich seit mehr als 20 Jahren mit alten Handschriften. Gab es auch mal Zeiten, an denen du Abbreviaturen, Majuskeln, Minuskeln und dergleichen einfach mal nicht mehr sehen konntest?

Andreas Meier: Das könnte man vermuten, aber das Interesse an den Fechthandschriften ist einfach zu groß, als dass es mir langweilig wird. Einzig das Korrekturlesen stellt mich ab und an auf eine harte Probe.

Fechtgeschichte: Vielen Dank für dieses ausführliche Interview.

Weitere Informationen:




Donnerstag, 26. Juli 2012

'Gründtliche Beschreibung der freyen ritterlichen unnd adelichen Kunst des Fechtens' - Eindrücke aus Leipzig

Unser Leser Cornelius Berthold von den Blossfechtern zu Chemnitz hatte vor kurzem die Gelegenheit, sich den Leipziger ‘Joachim Meyer’ (Bibliotheca Albertina- Sondersammlung, Signatur Milit. 111, veröffentlicht in Straßburg bei Thomas Berger, 1570) vor Ort in der Leipziger Universitätsbibliothek näher anzusehen. 

Hier seine Eindrücke:
Während es inhaltlich keine Überraschung gab, zeigte sich die Form sehr  bedeutsam. Sämtliche Abbildungen sind nachträglich aufwändig illuminiert worden. Der Arbeitsauftrag und Preis pro "Figur" (vermutlich 2 Thaler pro Stück, aber dieser Eintrag war kaum zu entziffern) steht im vorderen Innenspiegel des Einbandes. Dieser Eintrag ist laut Bibliotheksmitarbeiter nicht älter als das 17. Jahrhundert, womöglich näher dran am Erscheinungsjahr 1570. Weiter oben im Innenspiegel steht die Jahreszahl 1574, ein abgekürzter (Leit-?) Spruch "L. (oder T?) W. D. G. M. F." sowie der Name "Dietrich Görge Bricke (?) von D(unleserlich/ausgekratzt)", gefolgt von einem Gedicht: "O du edler greiff, schwing auf die feder und gefieder, las ?ierg die Bruderschafft (?) von dank ajanx (??) mit druckem nieder, und stos ihn in den rachen, das im d[as?] Herz im leibe thet krarsten (??, sieht nicht nach "barsten" aus, aber "krachen" ist es mMn nicht)".

Davon abgesehen besitzt das ganze Buch kleine eingeklebte Registerzettelchen am Rand, die mit den Buchstaben der zugehörigen Figuren beschriftet sind (alle bis auf die letzten zwei). Wenn Meyer also eine "Figur G" erwähnt, greift man sich das Zettelchen mit G, schlägt es nach links um und schon hat man die illuminierte Figur. Wenn andere Meyer-Ausgaben nicht auch vier Schließbeschläge dran hatten, dann wäre das ein weiteres "Alleinstellungsmerkmal" der Leipziger Ausgabe und ihrer Gebrauchsspuren.