Dienstag, 18. Oktober 2016

Nordhausen, Leipzig, Himmel: Die Leichenpredigt für den Exercitienmeister Johann Joachim Hynitzsch

von Jan Schäfer

Unter dem Titel 
„Das Jn der Welt vergeblich=gesuchte in Himmel aber gefundene Vaterland Der Kinder Gottes Aus II. Cor. v. 8. 9. Hat beyder Wohlansehnlichen Leichenbegräbnüs Des Wohl=Edlen / Hochachtbahren= und Wohl=Mannvesten Herren / Herren Joh: Joachim Hynitzsch / Berühmten Krieges Exercitien-Meisters / und Wohlverdienten StadtLieutenants in Leipzig / Welcher am 7. Novemb. a. c. Morgens um 9. Uhr / im 70. Jahr seines Alters / sanfft und seelig verschied / Und am 10. ejusd. Zu seiner Ruhe stätte gebracht worden Jn einer Trauer=Rede gezeiget O. F. Breul. Com-Pastor der Gemeine zu St. Johannes.“ (1)
veröffentlichten seine Vettern für Johann Joachim Hynitzsch dessen Leichenpredigt. 
Johann Joachim Hynitzsch ist uns insbesondere bekannt durch seine Übersetzung des Fabris'schen Fechtbuches 1677 unter dem Titel "Scienza E Pratica D'Arme Di Salvatore Fabris, Capo Dell' Ordine Dei Sette Cuori. Das ist: Herrn Salvatore Fabris Obristen des Ritter-Ordens der Sieben Hertzen, Italiänsche Fecht Kunst." (in Neuauflage 1713 [Digitalisat]).
Vielen Dank an Reinier van Noort für das Ausfindigmachen des Textes. Wichtige Teile der Leichenpredigt werden im folgenden wiedergegeben.

Der Text (in den wichtigen Auszügen):
<4r> … Wohl=Edle / Hochachtbahre und Wohl=Mannveste Herr / Herr Johann Joachim Hynitzsch / berühmter Krieges Exercitien-Meister / und Wohl=verdienter Stadt=Lieutenant / in Leipzig / derselbige fand zwar in der berühmten Stadt Northausen 1638. den 12. Juli sein Vaterland und wurde daselbst in hoffnung / als ein Erbe des Himmlischen Vaterlandes in das Buch des Lebens eingeschriben aber wie bald muste Er als er kaum etwas erwachen / aus demselben fort und in die Fremde sich versuchen / was ihm dereinst nutzen und ergetzen könne. Ob nun gleich wahr ist: Das ein tapfer Mann allenthalben sein Vaterland findet / fand doch der Wohlseelige auch allenthalben / wegen vieler Mühseeligkeiten so Er auff seinen Reisen erduldet / da Er in den Nordlichen Ländern umher Wallete / und seine Wissenschafften auszuüben in Polen Preusen / Moskau und andern mehr sich bekant machte / fast nie ein recht vergnügendes Vaterland. Es schien endlich / ob solte das Weltberühmte Leipzig Jhm ein beständiges Vaterland geben / wie Er denn auch daselbst als ein Mitbürger aufgenommen und durch seine wohlgefassete <4v> Exercitia bei Hohen und Nidrigen / welche seine Profession schätzen konten / beliebt ward. Allein auch in diesem Vaterlande fand er offt / was er nicht wünschte / und was er wünschte / fand Er nicht; Er suchte zu weilen daselbst / was Er nicht antreffen kunte / und traff einiges an / so Er nicht vermeinte gesucht zu haben: Worüber Er denn manches so Gemüths als Leibes=Mißvergnügen empfande / von solchem sich zu erhohlen / hilt Er sich eine Zeitlang zu Halle auff / woselbst Er zwar in grösser vergnügung seinem Gott vermeinet gedienet zu haben / wiewohl Er auch daselbst mit mancherley Kräncklichen Zufällen des Alters angefochten worden. Biß Er endlich sich hiher in unsre Stadt begeben / woselbst Er auch von seinem Herren Bruder und dessen wehrten Angehörigen aufs freundlichste angenommen und nach möglichkeit verpfleget worden / so das Er hier ein nach seinem Gemüthe bequemes Vaterland angetroffen zu haben / sich erfreuet. Er hatte aber solches vergnügen kaum sechs Wochen genossen / da befiel Er mit einer tödlichen Kranckheit / welche nach Gottes Willen / innerhalb 14 Tage ihn nötigte den Leib entseelt zu lassen / und die Seele dem gütigen Gott / der sie gegeben / in Glauben demühtigst anzubefehlen

<4v> … Das die Stadt Valenzia in Spanien so schön und zierlich erbauet / und von so wolgesitteten Jnwohnern besetzet sey / daß die dahin reisende Jhres Vaterlandes darüber vergessen / und gerne alle daselbst sich seshaft niederlassen wollen / können wir wol dem Historien schreiber zu gefallen Glauben / wenn solches durch unsre Landsleute / so die Krigs=Toublen dahin auch getrieben / nicht wieder leget werden wird.

<5v> … Es gieng ihm nahe / daß Er mit dem Duc d'Alba hier so viel offt auf Erden zu thun gehabt / daß Er nach dem Himmel nicht sehen können / doch hoffte Er daß Jhm das irdische Vaterland so verleidet noch werden würde in seiner Kranckheit / daß Er durch dasselbe in das Himmelreich mit seinen Glaubens=Augen brechen könnte.

Zusammenfassung der biographischen Informationen zu Johann Joachim Hynitzsch:
  • Geboren am 12. Juli 1638 in Nordhausen, gestorben am 7. November 1707 in Leipzig
  • mindestens zwei Vettern (vermutl. Cousins): Johann Erasmus Hynitzsch, der sich Königl. Preuß. Hoff=Buchdrucker nennt; der andere ist Johann Christoph Hynitzsch
  • wird in seiner Leichenpredigt nur Kriegs-Exercitenmeister genannt, nicht Fechtmeister bzw. Fecht-Exercitenmeister. Ich nehme aufgrund dessen an, dass er nie ein Fechtmeister war, sondern immer nur ein sehr interessierter und engagierter Fechtschüler von Heinrich von und zum Velde war und sein Interesse und seine Leidenschaft für das Fechten ihn veranlassten, die Übersetzung des Fechtbuches von Fabris 1677 zu veröffentlichen.
  • als Krieges-Exercitenmeister war er in Polen, Preussen, Moskau u.a. (eventuell im Zusammenhang eines der Nordischen Kriege?)
  • nachdem er nach Leipzig kam und das Bürgerrecht erhielt, unterrichtete er hier seine Exercitien
  • auch wird er als Stadtlieutenant von Leipzig bezeichnet
  • er wurde krank, zog nach Halle, um sich auszukurieren, dort ging es ihm eine Zeitlang besser, aber auch hier wurde er wieder krank, er zog zurück nach Leipzig, wo er von seinem Bruder und seinen Verwandten aufgenommen wurde, aber sechs Wochen später starb er hier
  • der  Herzog von Alba wird im Text erwähnt (bezieht man sich auf die Lebensdaten von Hynitzsch, können Fernando Álvarez de Toledo y Mendoza (1595–1667), Antonio Álvarez de Toledo y Pimentel, 7. Herzog von Alba (1615–1690), Antonio Álvarez de Toledo y Beaumont (um 1640–1701), Antonio Martin Álvarez de Toledo Guzmán (1669–1711) oder Francisco Álvarez de Toledo y Silva (1662–1739) (vgl. Herzog von Alba bei wikipedia) angenommen werden), und Hynitzsch schien öfter in seiner Gesellschaft gereist zu sein, doch nähere Zusammenhänge werden nicht erwähnt
  • ob Hynitzsch auch in Valencia war, ist nicht sicher; Valencia wird im Text erwähnt, jedoch ist fraglich, ob es sich hier um eine Allegorie handelt oder nicht; der name Hynitzsch jedenfalls fällt in diesem Abschnitt nicht

Anmerkungen:

(1) Herzog August Bibliothek, Signatur: 12396, Katalog der fürstlich Stolberg-Stolberg'schen Leichenpredigten-Sammlung, Bd. II, Leipzig 1928.

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