Samstag, 1. November 2014

„…Vnd mit der rechten faust ein Mordstück“. Eine Rezension zur Edition des Cod. I.6. 4° 2

von Thore Wilkens

Vor zwölf Jahren verdeutlichte Rainer Welle mit seiner Dissertation „vnd wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen…“ der (akademischen) Öffentlichkeit die Komplexität und den wissenschaftlichen Wert der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ringhandschriften und Drucke. Seine langjährige Erfahrung als aktiver Ringer und Bundestrainer für das Freistilringen ermöglichten es dem studierten Germanisten und Sportwissenschaftler, eine völlig neue Perspektive bei der Quellenuntersuchung einzunehmen. Er betrachtete die Traktate nicht nur als aus philologischer Perspektive, sondern auch aus der Perspektive des praktizierenden Ringers. Das Ergebnis war ein Werk, welches methodisch und argumentativ in der Zweikampftraktatforschung neue Maßstäbe setzte und auch den Historischen Fechtern viele Fragen zu den Quellen beantworten konnte. Dennoch ist es nach der Veröffentlichung um Rainer Welle still geworden. Nach zwölf Jahren tritt er mit seiner Edition des Cod. I.6. 4° 2 (in der Szene als „Codex Wallerstein“ bekannt) wieder in Erscheinung. Und es stellt sich nun die Frage, ob Welle den qualitativen Standard seines ersten Werkes halten kann und ob die Historischen Fechter wieder Antworten auf ihre ganz speziellen Fragen finden.

Zur Handschrift

Der Cod. I. 6.4° 2 besteht aus zwei eigenständigen Zweikampftrakten. Die ältere Lehre wird von Welle auf den Zeitraum um 1420 datiert. Das andere Traktat ist gut fünfzig Jahre jünger und wird auf die Zeit zwischen 1465 und 1470 bestimmt. Die Handschriften wurden erst Mitte des 16. Jahrhunderts zum heute vorliegenden Codex zusammengebunden.

Die Edition

Die Edition des Cod.I.6. 4° 2 besteht aus zwei Bänden. Band I umfasst die wissenschaftliche Untersuchung der Handschrift, während Band II, die Originalabbildung der Handschrift und die Koperts beinhaltet.

Band I

Welles wissenschaftliche Untersuchung der Handschrift lässt kaum Wünsche offen und deckt sowohl den kodikologischen als auch den kunstwissenschaftlichen und den praktisch perspektivierten Forschungsbereich ab. Im Rahmen der kodikologischen Untersuchung liefert er eine ausführliche Provenienzgeschichte, Papiersorten- und Wasserzeichenanalyse und eine Untersuchung zur Foliierung und Lagenbeschreibung. Darüber hinaus geht er auf die sprachlichen Besonderheiten der Handschrift ein und schlüsselt die Eigenheiten der Schreiberhände und der Zeichner nachvollziehbar auf. Ebenso verhält es sich bei der kunstwissenschaftlichen Analyse. Welle geht jedem Detail nach und liefert auf diese Weise nicht nur wertvolle Einblicke in den vermutlichen Entstehungs- und Bearbeitungsprozess der Handschrift, sondern schafft es auch, den älteren Teil der Handschrift geographisch zu verorten. Sowohl im kodikologischen als auch im kunstwissenschaftlichen Bereich beschränkt er sich nicht auf die Fächergrenzen, sondern zieht Erkenntnisse aus anderen Fachbereichen wie etwa der Realien- und Kostümkunde heran. Die gesamte Untersuchung ist von einer bemerkenswerten Gründlichkeit bestimmt. Der Codex wird im wahrsten Sinne des Wortes seziert. Ob es sich nun um die Beifügungen in Rötel oder um die verschiedenen Schreibweisen des Buchstaben „e“ handelt. Nahezu alles, was für den Forscher von Relevanz sein könnte, wird einer deskriptiven Analyse unterzogen.

Im Bereich der praktisch perspektivierten Analyse und Argumentation legt Welle leider weniger Sorgfalt an den Tag. So äußert er sich etwa zur richtigen Darstellung der Langschwerttechniken oder zu falschen Zeichnungen von Ringtechniken im Harnischkampf. Leider bleiben diese Bewertungen für den Leser intransparent, da Welle sich weder zum Analyseprozess noch zur Methodik seiner Interpretationen äußert. Hier hätte der Autor einen wichtigen Schritt zur Etablierung praktisch perspektivierter Analysemethoden im Forschungsdiskurs leisten können. Es muss jedoch gesagt, werden, dass die praktische Natur der Zweikampftraktate und die damit verbundenen Probleme für den (modernen) Leser von Welle thematisiert werden. Im Kapitel zur Funktion von Bild und Text in den Zweikampftraktaten liefert er eine aufschlussreiche Einführung in die Vermittlungsstrategien und Problemfelder der Zweikampftraktate und ermöglicht auf diese Weise dem praktisch Unkundigen, sich einen Eindruck von der Verstehensproblematik zu verschaffen. Vor dem Hintergrund dieses Kapitels stellt sich die Frage nach Welles methodischen Vorgehensweisen allerdings umso mehr.

Die anschließende Bildkonkordanz dokumentiert die Überlieferung der Handschrifteninhalte in späteren Zweikampftraktaten und ist für einen schnellen Vergleich zwischen den unterschiedlichen Handschriften äußerst hilfreich. Die Transkription besticht nicht nur durch ihre Sorgfalt und Transparenz, sondern auch durch eine kritische Auseinandersetzung mit früheren Transkriptionsversuchen seitens der akademischen Forschung. Den Abschluss des ersten Bands bilden eine tabellarische Auflistung aller Beifügungen, die auf den Blättern zu finden sind, sowie eine Auflistung der Entsprechungen von Text und Bild der jeweiligen Techniken.

Band II

Der zweite Band beinhaltet Originalabbildungen der Handschrift und des Koperts. Alle Blätter sind vollständig und qualitativ hochwertig abgebildet. Jedes Blattdetail ist zu erkennen und die Texte ohne Probleme lesbar. Die jeweilige Folionummer wurde oben rechts auf der Buchseite noch einmal abgedruckt und erleichtert auf diese Weise die Navigation. Allerdings ist die Trennung von Transkription (Band I) und Originaltext (Band II) nicht ganz unproblematisch: Für eine problemlose Lektüre werden stets beide Bücher benötigt. Allerdings ist Welles Entscheidung nachvollziehbar. Die Inhalte des Codex sind nicht fehlerfrei und weisen eine Reihe von Text-Bild-Vertauschungen auf. Diese sind jedoch von den Produzenten der Handschrift entdeckt worden und so finden sich immer wieder eingemalte Zeigefinger oder schriftliche Hinweise, welcher Text zu welchem Bild gehört. Wenn einem der Codex in seinem Originalformat vorliegt, sind diese Verweise wesentlich leichter nachzuvollziehen. Zudem werden in diesem Format die Ausstrahlung und die Struktur des Codex und der einzelnen Lehren wesentlich klarer.

Stil

Wie bereits in seinem ersten Buch hält sich Welle auch in dieser Arbeit mit Lob und Tadel nicht zurück. Wenn ein Forscher in seinen Augen unzureichende Arbeit geleistet hat, fließt dieses Urteil unverblümt in den Text ein. Dem Text kommt diese Ehrlichkeit zugute, er liest sich flott und ist nicht von jener emotionslosen Distanz beherrscht, die das Lesen deutscher akademischer Texte oft so anstrengend macht.

Fazit

Vierundsiebzig Euro sind zwar ein stolzer Preis, aber die Bücher sind es wert. Welles Edition des Cod. I. 6 4° 2 ist in vollem Umfang gelungen. Er öffnet die Quelle für Experten und Laien gleichermaßen und liefert neue Erkenntnisse zum Inhalt der Handschrift, ihrer Entstehung und ihren Eigenheiten und Problemen. Akademiker finden hier eine zuverlässige Quellenedition, die für nahezu jeden Forschungsbereich einen Ansatzpunkt bereithält. Für Historische Fechter ist dieses Buch ebenfalls geeignet. Wer sich als Fechter mit dieser Quelle auch nur halbwegs seriös auseinandersetzt, wird früher oder später auf Probleme stoßen. Die Frage nach der Genauigkeit der Bilder, der Vollständigkeit des Codex, der Überlieferung in anderen Handschriften und nach der Vermittlungsstrategie der Texte sind für die Erarbeitung einer Interpretation essentiel. Welle liefert verlässliche und verständliche Antworten und bietet Historischen Fechtern nicht nur Impulse für ihre Interpretationsarbeit, sondern auch Argumente, um ihre Erkenntnisse in der Diskussion zu verteidigen. Meiner Meinung nach dürfen die Bücher deshalb in keinem Regal fehlen.

Übersicht

Titel: „… Vnd mit der rechten faust ein mordstuck. Baumanns Fecht- und Ringkampfhandschrift.
Autor: Rainer Welle
Verlag: Herbert Utz Verlag
Seiten: 472 in zwei Bänden
Preis: 74 Euro


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