Mittwoch, 8. Oktober 2014

Erzieher der Aufklärung: Johann Bernhard Basedow über das Tanzen, Ringen und Fechten

von Jan Schäfer

Johann Bernhard Basedow (1) gab 1774 in Dessau ein vierbändiges Werk über die Erziehung unter dem Titel
Ein geordneter Vorrath aller nöthigen Erkenntniß; Zum Unterrichte der Jugend, von Anfang, bis ins academische Alter, Zur Belehrung der Eltern, Schullehrer und Hofmeister, Zum Nutzen eines jeden Lesers, die Erkenntniß zu vervollkommnen ; In Verbindung mit einer Sammlung von Kupferstichen, und mit französischer und lateinischer Uebersetzung dieses Werks.
heraus. Im zweiten Band (2) erläutert der Autor die “Kunst der Stellungen, des Tanzens, des Ringens, und des Fechtens."

Der Text
[Seite 485]  15) Von der Kunst der Stellungen, des Tanzens, des Ringens, und des Fechtens. Tab. LXI.

Die obigen Begriffe von der Musik muss man in der Jugend nach und nach, und zwar, wenn sie die beschriebenen Gegenstände hört und sieht, hören und sehen soll, oder gehört und gesehen hat, zu erregen und zu befestigen suchen. Zu gleicher Zeit muss man sie mit den Italiänischen Kunstwörtern der Teutsch gesagten Sachen bekannt machen. Weil die Flöte und Geige nicht zugleich Discant und Bass hat, wie die Harfe und das Clavier: so scheinen jene Instrumente zum Anfange musikalischer Uebungen die tauglichsten. Vielleicht aber sollte die Singübung die erste seyn, wobey der meister auf dem Clavier accompagniren könnte. Vornehmlich wünschte ich, dass das Frauenzimmer sich im Singen übte, und zugleich in der Wahl der Stücke nach der jedesmaligen Absicht. Eine Strophge zu rechter Zeit könnte manche schädliche Laune unterbrechen.

Vom

[Seite 486] Vom Tanzen sehe man das Methodenbuch; besonders von Erziehung der Töchter. Ich glaube, das menschliche Geschlecht wäre glücklicher, wenn alles im Hause wöchentlich wenigstens einmal tanzte. Besonders sollten sich dieses empfohlen seyn lassen die Studirenden, und alle Personen, die im Sitzen entweder viel arbeiten, oder oft müssig sind. Wenn die Meister oder Eltern die Kunst des Tanzens, des Ganges und der anständigen Stellungen in mancherley Umständen so elementarisch zu lehren wüsten, wie die preussischen Officire das Exerciren der Recruten: so würde sie sehr bald und auf eine ordentliche Art gelernt, besonders da Verweise, Flüche, Scheltwörter und Prügel hieher nicht gehören. Was der Tanzmeister von ihnen lernen sollte, ist die Theilung einer jeden Übung in ihre Elemente.

Auf der obersten Haelfte sieht man nach einer einzigen Geige zwey Personen Menuet tanzen. Die Stellung der einen ist gut, der andern aber fehlerhaft. So unterscheide man auch in der sitzenden Gesellschaft und in den stehenden Zuschauern diejenigen, welche eine fehlerhafte Stellung haben.

In alten Zeiten uebte man die Jugend in der Ringekunst. Dieses ist ohne gueltige Ursachen, bloß des Misbrauchs wegen, aus der Mode gekommen. Denn, der zuweilen noethigen Gegenwehr zu geschweigen, giebt diese Kunst dem Koerper eine groessere Geschicklichkeit, und lehrt am besten, welche Bewegungen und Zufaelle ihm von aussen her schaden. Also wuensche ich, daß sie mit einigen andern Theilen der vormals ueblichen Gymnastik oder Leibesuebung wieder hergestellt werde. Hiezu gehoerte auch das Fechten, ob ich gleich sowohl

[Seite 487] wohl die ausfodernden als ausgefoderten Duellanten tadle.

Diesem Rathe einen sinnlichen Eindruck, und einige der ersten begriffe zu geben, habe ich die zweyte Haelfte mit folgenden Vorstellungen angefuellt. Die beyden ersten Figuren zur Linken sind Ringer. Der Kleinste derselben weis, an welchen Stellen des Leibes er seinen Gegner ergreifen muß, um den wenigsten Widerstand zu finden. Er weis, daß derselbe an der Brust, an den Obertheilen der Arme und an den Seiten des Kopfes, am staerksten, aber an den Knien, an den Gelenken der Ellbogen, oder vielmehr der Haende, und hinten am Kopfe am schwaechsten seyn werde. Auf die hier vorgestellte Weise, soll ein gewisser starker Herkules einmal einen ihn angreifenden Riesen im Ringen ueberwunden, und nachher erdrueckt haben. – Weiter hin sind Fechter. Die beiden ersten schlagen sich auf den Stoß, die beyden zur Rechten aber auf den Hieb. Wenn ein Fechter mit einem Rappier, (woran vorn ein Ball ist,) oder mit einem Degen in einer der vier Lagen, welche Prime, Secunde, Terzie und Quarte heissen, auf seinen Gegner ausfaellt, so muß derselbe die Klinge pariren, daß ist, ihr weder zur Linken noch zru Rechten, weder oben noch unten einen Zugang zu seinem Leibe verstatten, oder Blösse geben. Wenn der Gegner cavirt oder Blösse sucht; so muß ihm gegencavirt werden; wenn er durch Finten es zweifelhaft macht, wo er hinstoßen will; so muß man

[Seite 488] man entweder seine Klinge auspariren, oder auch mit eben der List gegenfintiren. Wenn er im Battiren die Klinge wegschlagen, oder im Ligiren das ganze Gewehr aus der hand winden will; so muß man auf seiner Hut seyn, und gegencaviren. Ueberhaupt muß man auf den Leib, die Füsse, die rechte Hand und die Augen des Gegners Acht haben, um seinen naechsten Absichten zu entdecken, und sich selbst gegen ihn zu wehren. Die sicherste Lage des Fechtens ist, da er nur die rechte Schulter dem Gegner entgegensetzt, und die andre links abwendet, den rechten Arm ueber das rechte Bein ausstrecket, in eben der Flaeche den linken Fuß zuruecksetzt, und die linke Hand gegen das Gesicht in die Hoehe haelt, um mit ihr im Notfalle einen Stoß zu pariren. Das Fechten auf den Hieb geschicht auf eine etwas andere Weise, mit besondern Haudegen oder Saebeln, und wird vornehmlich von den Kriegsleuten ausgeuebt. Zuweilen wird Eine von Vielen angegriffen. Alsdann sucht er den Ruecken sicher zu stellen und die Angriffe durch fortgesetzte Schwuenge seines degens, das ist, durchs Schwadroniren abzuwehren.

Anmerkungen

(1) , Johann Bernhard Basedow (1724-1790), zur Biographie siehe: Bollnow, Otto Friedrich, „Basedow, Johann Bernhard, “, in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 618 f. [Onlinefassung]

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