Donnerstag, 24. Februar 2011

Übungswaffen für den Fechtunterricht: vom späten 14. bis zum frühen 18. Jahrhundert

Das Fechten wurde lange Zeit vorrangig mit dem Ziel gelehrt und gelernt, einen Gegner innerhalb einer gewalttätigen Auseinandersetzung schnellstmöglich auszuschalten. Doch wie wurde eine Kunst vermittelt, die den Tod des Gegners zum Ziel hatte? Der Schüler wollte während des Unterrichts das Fechten erlernen, doch dabei sein Gegenüber nicht schwer verletzen, denn man kann davon ausgehen, dass auch in früheren Jahrhunderten die Verkrüppelung oder der Tod des Übungspartners während des Fechtunterrichts unter keinen Umständen akzeptabel war (wenngleich es durchaus vorkam). Der folgende Artikel geht dieser Frage nach und beschäftigt sich speziell mit dem Fechtunterricht im Zeitraum vom späten 14. bis zum frühen 18. Jahrhundert.

Bereits 1389 taucht in einem der ältesten Bücher der Fechtkunst die Trennung zwischen ’fechten zu ernst‘ (dem wirklichen Streit) und ’fechten zu schimpf‘ (dem harmlosen Scherz, der Kurzweil) auf und weiter heißt es: ‚übe dich im schimpflichen Kampf, es nützt dir im Ernstfall‘ (vgl. Cod.HS.3227a).

Doch es stellt sich wie eingangs erwähnt die Frage, wie die Stücke einer Fechtlehre korrekt geübt und dabei zugleich schwere Verletzungen im Unterricht vermieden worden sind. Der Fechtlehrer wird hierbei eine große Rolle gespielt haben, war es doch dessen Aufgabe, seinen Schülern das Fechten beizubringen und während dieser Zeit die Verantwortung für seine Schützlinge zu tragen. Das Techniken bewusst langsamer ausgeführt worden sind ist denkbar, jedoch fehlen hierfür die konkreten Belege. Was sich jedoch belegen lässt, ist die Verwendung von speziellen Übungswaffen, so dass schwere Verletzungen zu einem gewissen Grad ausgeschlossen werden konnten.

Die Anzahl von Übungswaffen, die sich in deutschsprachigen Fechtbüchern von 1450 bis ins 18. Jahrhundert als solche identifizieren lassen oder als Originale erhalten geblieben sind, ist vergleichsweise gering, gemessen an der Zahl der in allen Fechtbüchern dargestellten Waffen. Vier Typen von Übungswaffen lassen sich ausmachen: die ‘Fechtfeder‘, der Dolch mit Kugelknopf, die halbe Stange sowie Rapier bzw. später dann Degen mit Kugelknopf.

a.) Die 'Fechtfeder'

Ihr Ursprung ist unbekannt und auch der Name 'Feder', 'Federschwert' oder ’Fechtfeder‘ ist für den Zeitraum des 15. und 16. Jahrhunderts nicht belegt. Er ist eine Wortschöpfung neueren Datums. In den Fechtbüchern jener Zeit tauchen diese Bezeichnungen nicht auf, die Autoren sprechen immer vom Schwert bzw. langen Schwert. Zum allgemeinen Verständnis wird im Folgenden dennoch dieser - ahistorische - Begriff benutzt. Zuerst abgebildet wird eine 'Fechtfeder' in der Fechtsammelhandschrift des Peter von Danzig im Jahr 1452. Da der Ursprung der 'Feder' nicht klar verortet werden kann, ist nicht auszuschließen, dass es diesen Typ Schwert bereits früher gegeben hat. Vermehrt finden sich dann Darstellungen von mit 'Federn' fechtender Personen ab 1500 und die beiden Autoren Paulus Hector Mair und Joachim Meyer, deren Werke auf die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert sind, lassen all ihre Fechterpaare nur noch mit 'Fechtfedern' bewaffnet darstellen.

Denkbar ist, dass die 'Fechtfeder' im 15. Jahrhundert eine Übungswaffe zum Erlernen der Stücke mit dem langen Schwert war. Parallel zum Fortbestand als Übungswaffe entwickelte sich die 'Feder' dann in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch zu einem Sportgerät für Fechtturniere (u.a. die sog. 'Fechtschul'). Im Zuge dieser Entwicklung kamen neue, eigens für die 'Feder' erdachte Stücke auf. Evidente Belege für die Entstehung der 'Fechtfeder' stehen allerdings noch aus.

Darstellungen von 'Fechtfedern' findet man unter anderem in den Werken von Paulus Kal (BSB, Mitte 15. Jhd.), Paulus Hector Mair (SLUB, ca. 1542) und Joachim Meyer (BSB, 1570).

b.) Der Dolch mit Kugelknopf

Der Straßburger Fechtmeister Joachim Meyer zeigt als einziger in seinem Buch Fechter, die auf den Abbildungen größtenteils Dolche mit Kugelknopf verwenden. Die Dolche entsprechen dem Typus des Scheibendolches und sind wahrscheinlich aus Holz und aus einem Stück (inkl. Kugelknopf) gefertigt.

Im vierten Teil von Meyers Werk sieht man Fechterpaare mit solchen Waffen üben.

c.) Die halbe Stange

Ebenfalls im Werk von Joachim Meyer findet sich eine Abhandlung zum Fechten mit der hölzernen halben Stange. Diese wird von Joachim Meyer als eigene Waffe behandelt, zugleich bezeichnet er sie als Fundament für das Fechten mit allen langen Wehren wie der Hellebarde und dem langen Spieß. Die hölzerne halbe Stange könnte eine große Rolle gespielt haben als Übungswaffe für die städtischen Aufgebote, welche die Stangenwaffen Hellebarde und Spiess  in entsprechenden taktischen Formationen nutzen.

Im fünften Teil seines Werkes zeigt Meyer das Fechten mit Stangenwaffen. Neben der halben Stange sieht man auch Fechterpaare mit Hellebarden und langen Stangen.

d.) Rapier und Degen mit Kugelknopf

Der Kugelknopf bei Rapier und Degen war ein an der Spitze der Übungsklinge befestigter kleiner Ball, der verhindern sollte, dass beim Stich die Klinge in den Körper des Übungspartners eindringt.
Der Großteil der in den Rapier- und Degenfechtbüchern des 16.-18. Jahrhunderts dargestellten Fechtstücke wird mit scharfen Waffen gefochten. In einigen Büchern jedoch sind die Waffen mit Kugelknöpfen versehen, so in Michael Hundt’s "Ein new künstliches Fechtbuch im Rappier zum Fechten und Balgen" (1611), in "Der geöffnete Fechtboden" (1706) oder in Kahns "Anfangsgründe der Fechtkunst" (1761). Dagegen zeigen Abbildungen von Fechtsälen, das dort Klingen mit Kugelknopf reihenweise an den Wänden hingen. Willem van Swanenburgs Darstellung des Leidener Universitätsfechtsaales (1610) oder Johann Andreas Schmidt in seinem Fechtsaal  (1713) sind gute Beispiele hierfür.

Eine Bauanleitung für einen Kugelknopf enthält das 1617 veröffentlichte Fechtbuch des jakobinischen Fechtlehrers Joseph Swetnam ("The Schoole of the Noble and Worthy Science of Defence"):
„Um deine Kugelknöpfe herzustellen, nimm Wolle oder Flocken und wickle sie rund zur Größe eines Tennisballs, dann mache eine Einkerbung einen halben Zoll unterhalb der Spitze deines hölzernen ‘foile‘ oder Stab, aber wenn es en eisernes ‘foile‘ ist, dann muss ein eiserner Knopf an der Spitze genietet werden so breit wie zwei Pence, und nimm dann deinen Kugelknopf, gefertigt wie vorher gesagt, und bringe ihn an der Spitze deines Stabes oder ‘foiles‘ an, und dann nimm Leder und ziehe ihn fest darauf und binde ihn mit Schnürsenkel an dem Einschnitt fest und darüber noch ein weiteres Leder, denn nach einigem Gebrauch kann es sonst schnell verschleißen“
In Swetanms Buch selbst sind die Figuren allesamt nur mit scharfen Klingen, d.h. ohne Kugelknopf, dargestellt. Er wie auch viele andere Verfasser von Rapier- und Degenfechtbüchern stellt seine Techniken damit vor dem Hintergrund einer Ernstkampfsituation dar. Dies ist ein stilistisches Mittel und hat natürlich wenig mit dem realen Übungsbetrieb in einem Fechtsaal gemein. Es kann, nicht zuletzt aufgrund vieler Darstellungen der Fechtsäle damaliger Zeit, davon ausgegangen werden, dass die Nutzung solcher durch Kugelknöpfe entschärften Waffen zu Übungszwecken keineswegs ungewöhnlich war.

Dienstag, 8. Februar 2011

Johannes Georgius Bruchius – ein Fechtmeister des 17. Jahrhunderts

Johannes Georgius Bruchius wurde ungefähr 1630 in Zweibrücken (heute Rheinland-Pfalz) geboren (vgl. Live Auctioneers). Er lehrte die Fechtkunst von 1653 bis 1655 in Heidelberg, dann von 1655 bis 1660 in Utrecht und schließlich ab 1660 in Leiden. All diese Städte waren zu jener Zeit berühmte Universitätsstädte.

In Leiden veröffentlichte er im Jahr 1671 sein Buch „Grondige Beschryvinge van de Edele ende Ridderlijcke Scherm- ofte Wapen-Konste“ (Digitalsat in der Raymond J. Lord Collection), zu deutsch „Gründliche Beschreibung der edlen und ritterlichen Fecht- und Waffenkunst“. Gewidmet ist das Buch „den Herren der berühmten Universität von Leiden Friedrich van Dorp (Herr von Maasdam, Mitglied der Ritterschaft von Holland, Deichvogt des Rheinlandes, ehemaliger Botschafter der hocherhabenen und großmächtigen Könige von Polen und Schweden), Johannes van Tilt (Bürgermeister der Stadt Haarlem, Mitglied des Deichdirektoriums des Rheinlandes), Cornelis de Wit (Statthalter von Putten, Bailjuw von Beyerland, Bürgermeister von Dordrecht, Abgesandter des Rats von Holland) und zu gleichen Maßen auch den Bürgermeistern von Leiden, namentlich Johan Meerman (ehemaliger Botschafter des hocherhabenen und großmächtigen Königs von England, Schottland und Irland), Paulus van Swanenburgh, Jacob Maas, Daniel van Alphen und dem achtbaren, weisen Herrn Pieter Burgersdyck (Pensionär der Stadt Leiden und Sekretär der oben erwähnten Akademie)“.

In seinem Werk behandelt Johannes Georgius Bruchius den Duellkampf zu Fuß. Die ersten beiden Bücher enthalten Anweisungen zum Rapier, das dritte Buch geht auf Kampfsituationen linkshändiger gegen rechtshändige Gegner ein, das vierte Buch beinhaltet das Fechten mit Hieben und das fünfte Buch erläutert den Gebrauch des Poignart (auch Poignard, Poniard; ein Dolch) als Beiwaffe. Die in den Kupferstichen dargestellten Rapiere besitzen kein komplexes Gefäß mehr, sondern lediglich ein einfaches Stichblatt  bzw. Schale oder Glocke mit Parierstange, was darauf hindeutet, das es sich hier um eine Übergangsform vom Rapier des 17. Jahrhunderts hin zum Degen des 18. Jahrhunderts handelt.

Mit Herausgabe seines Buches folgt er nach eigener Aussage im Vorwort den Fußspuren der großen Fechtmeister vor ihm, insbesondere dem ‘berühmten Salvatoris Fabri‘ und dem ‘hochangesehenen Gerardus Thibault‘. Zu letzterem bemerkt er, dass zu seinem eigenen Bedauern Thibaults Art des Zirkel-Fechtens wegen dessen Komplexität und des nötigen Zeitaufwandes aus der Mode gekommen sei. Auch beklagt er, dass es nun soweit gekommen sei, dass die Jugend aufgrund ihrer Unerfahrenheit nicht den Unterschied zwischen guter und schlechter Lehre erkennen kann und deswegen leicht auf solche hereinfalle, die die Fechtkunst mehr durch das Reden als durch Fechterfahrung kennen.

Fechten ist für Bruchius eine Kunst, bei der jemand, der sich darin Meister nennt, die gegnerischen Angriffe abwehren kann, dabei selbst an allen Gliedmaßen unverletzt bleibt, aber seinerseit dem Gegner Schaden zufügen kann. Dieses Anliegen teilt er mit einer Vielzahl berühmter Meister vorangegangener und nachfolgender Jahrhunderte.

Johannes Georgius Bruchius soll unter anderem auch Fechtlehrer von Johann Andreas Schmidt gewesen sein.

----------------------------------

Nachtrag: Die School for Historical Fencing Arts um Reinier van Norrt beschäftigt sich intensiv mit der Fechtkunst von Bruchius. Auf ihrer Homepage kann man sich über ihre Rekonstruktionsarbeit informieren. Außerdem finden sich auf der Seite eine Übersetzung der „Scherm-Konste“ in englische Sprache (pdf-Dokument) sowie auch Informationen zu weiteren niederländischen Fechtbüchern.

Zweiter Nachtrag: Rainier van Noort von der School for Historical Fencing Arts hat die Biographieseite von Bruchius um zusätzliche Informationen erweitert.