Donnerstag, 8. September 2011

Fechtschulen für einen gefangenen Kurfürsten

von Jan Schäfer

Der kaiserliche Notar und spätere Bürgermeister von Stralsund Bartholomäus Sastrow (1) hinterließ eine umfangreiche Biographie seines Lebens. (2) Darin berichtet er auch von der Zeit nach dem Schmalkaldischen Krieg, als der Kurfürst Johann Friedrich I.  1546 (3) in kaiserlicher Gefangenschaft in Augsburg saß, aber dank vieler Freiheiten hohe höfische Gesellschafter empfangen, in die Stadt ausreiten und sich die Zeit mit Reitspielen, Schach, Büchern und dem Halten von Fechtschulen vertreiben durfte.

"Cap. II. Wan vnnd wie der Key. Mytt. einzug; wo die gefangenen Churfürst von Sachsen vnnd Landtgraue von Hessen gelassen, gehalten vnnd tractiret worden, vnnd die Key. Maytt. hawen vnnd vorfertigen ließ, das zum Gebrauch ernstlicher Straffe Miszhandlung (Anm. des Hg.: für: zum Gebrauch bei Ausuebung ernstlicher Strafen) dienlich.

Am Endes des Hewmonats ist die Key. Maytt. mit dem gantzen exercitu heran kommen; den Landtgrauen hat er mit eim Haufen Spannier zu Donauwerde gelassen, aber der gefangen Churfursten hettt er mit in Augszburg gebracht, vnnd furieren lassen in dem Welser Haus belegen am Weinmarkede, zwei Hauser von des Keysers Palast, vnnd dan ein kleines Gäszlein hart an meiner Herbergen; durch die Rebenheuser hette der Keyser brechen vnnd vber das Gäszlein eine Brugge legen lassen, das man aus des Keysers Losament in des Churfursten gehen konnte. Der Churfurst hett sein eigen Kuchen gehalten, auch seinen Cantzler Minkenitzen, vnnd sonst sein eigen Gesinde, so auf ihn gewartet, bei sich gehabt, so dasz die Spannier in seiner Stuben vnnd Schlafkammer nicht haben kommen mussen. Der Herzog von Alba und andere große Herren am kaiserlichen Hause, auch sonst, sein zu ihm ein und ausgegangen, haben mit freundlichem Gespräch, auch allerlei Kurzweil, ihm gute Gesellschaft geleitet; hatte im Hause seiner Herberge (so zwar herrlich und fürstmäßig gebaut und zugerichtet ist) einen Rennplatz, da sie über die Stangen gestochen; ihm ist erlaubt, in der Stadt an lustige Orte, zierlich mit sonderlicher Kunst zugerichtete Gärten (deren zu Augsburg ettliche sein) zu reiten; auch (dieweil er von Jugend auf Lust zum Fechten gehabt, und, als er jung und beruriger gewesen, auf allen Wehren gerne gefochten hat) ihm zugefallen, Fechtschulen zu halten, bestellen lassen, jedoch sein die spanischen Soldaten vor ihm gangen und gefolgt; ihm ist nicht gewert fast bis zum Ende des Reichstages (als er sich gewehrt, das Interim anzunehmen) Bücher, die er gewollt, zu lesen."(4)


Rücklick: Illustration der Schlacht bei Mühlberg, in der Johann Friedrich I. gefangen genommen wurde.


Schlacht bei Mühlberg, Holzschnitt aus dem Jahr 1547 von Virgilius Solis d. Ä.
(Rechts im Bild: Kaiserliche Truppen überqueren die Elbe; Bildmitte und links: die sächsichen Truppen werden bei Mühlberg geschlagen, Kurfürst Johann Friedrich wird in einem Wald bei Falkenberg von gegnerischen Truppen umzingelt und gefangengenommen) Bildquelle: zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH



Anmerkungen:
(1) Bartholomäus Sastrow; geboren  1520 in Greifswald, gestorben 1603 in Stralsund; zur Biographie siehe Pyl, Theodor: Sastrow, Bartholomäus. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 30, Duncker & Humblot, Leipzig 1890, S. 398–408.
(2) u.a. als Ausgabe von Mohnike, Gottlieb (Hrsg.): Bartholomäus Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens, auch was sich in dem Denckwerdiges zugetragen, so er mehrentheils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, von ihm selbst herausgegeben. Band 1-3. Universitäts-Buchhandlung, Greifswald 1823-24.
(3) Johann Friedrich I.; geboren 1503 in Torgau, gestorben 1554 in Weimar; siehe zur Biographie Klein, Thomas: Johann Friedrich (I.) der Großmütige. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974. Hier auf einer Abbildung im sächsischen Stammbuch: SLUB Mscr.Dresd.R.3, Blatt 108r.
(4) zit. n. Mohnike, Gottlieb (Hrsg.): Bartholomäus Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens, auch was sich in dem Denckwerdiges zugetragen, so er mehrentheils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, von ihm selbst herausgegeben. Band 1-3. Universitäts-Buchhandlung, Greifswald 1823-24.

Literatur:

Das Sächsische Stammbuch - Mscr.Dresd.R.3. Sammlung von Bildnissen sächsischer Fürsten, mit gereimtem Text; aus der Zeit von 1500 – 1546. Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek. Sammlung Handschriften Saxonica. Illustrator: Cranach, Lukas. [Digitalsat SLUB]

Klein, T.: Johann Friedrich (I.) der Großmütige. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot 1974, S. 524 f.

Klueting, Harm: Das konfessionelle Zeitalter. Europa zwischen Mittelalter und Moderne. Primus Verlag, 2007.

Sastrow, B.: Bartholomäi Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens: auch was sich in dem Denckwerdiges zugetragen, so er mehrentheils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, Band 1-3. Herausgegeben von Gottlieb Mohnike. Verlag Universitäts-Buchhandlung 1823.

Mentz, G. (Hrsg.): Johann Friedrich der Grossmütige 1503–1554. Festschrift zum 400jährigen Geburtstage des Kurfürsten namens des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde; Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens, 1. Verlag G. Fischer 1903.

Moeller, B.: Deutschland im Zeitalter der Reformation (Deutsche Geschichte 4). Vandenhoeck & Ruprecht 1999.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen