Dienstag, 23. August 2011

Ein Lobspruch auf die Fechtkunst – das Fechtgedicht des Dresdner Bürgers und Marxbruders Christoff Rösener

von Jan Schäfer

Christoff Rösener, Bürger der Stadt Dresden und Marxbruder, veröffentlichte 1589 in Dresden sein „Ehren Tittel vnd Lobspruch Der Ritterlichen Freyen Kunst der Fechter, auch jhrer Ankunfft, Freyheiten vnd Keyserlichen Priuilegien etc.“.

Die Marxbrüder, deren Mitglied der Autor Christoff Rösener im Rang „Meister des Schwerts“ nach eigener Aussage zu Lebzeiten ist, waren eine durch kaiserlichen Erlass privilegierte Bruderschaft von Fechtmeistern und –schülern, die ihre Blütezeit im späten 15. und während des 16. Jahrhunderts erlebte (vgl. zur Geschichte der Marxbrüder Karl Wassmannsdorff: Sechs Fechtschulen. Groos 1870).

Eine Reise zur Meisterprüfung der Marxbrüder nach Franfurt bildet die Rahmung für den ersten und umfangreichsten Teil  in Röseners Werk. Jener erste Teil trägt den Namen „Bericht vom Fechten“. Die anderen beiden Teile sind der „Gesang der Ritterlichen Fechtkunst / ihren Ursprung / Fundament, und begriff Aller heimligkeit“ und eine „Underrichtunge auch Nützliche anweisung des Fechtens / sampt dem gantzen Fundament im Dussacken.“

Röseners „Bericht vom Fechten“ kopiert stellenweise das 1545 von Hans Sachs gedichtete „Ankunfft und freyheyt der kunst“ (vgl. Hans Sachs: „Ankunfft und freyheyt der kunst“).

Der zweite Teil der „Gesang der Ritterlichen Fechtkunst / ihren Ursprung / Fundament, und begriff Aller heimligkeit“ ist eine Dichtung von Paulus Roth, welche dieser Christoff Rösener geschenkt hatte. Der Text benennt die einzelnen Stücke der Fechtkunst mit dem langen Schwert, indem es in freier Weise die Lehrverse des Johannes Lichtenauer aufnimmt.

Der letzte Teil, die „Underrichtunge auch Nützliche anweisung des Fechtens / sampt dem gantzen Fundament im Dussacken“ ist nur wenige Zeilen lang.

Der aus diesen drei Teilen bestehende „Ehren Tittel vnd Lobspruch Der Ritterlichen Freyen Kunst der Fechter“ wurde 1589 in der kurfürstlichen Stadt Dresden durch Simel Bergen gedruckt. Der Autor Christoff Rösener widmet sein Werk „Dem Edlen und Wolgebornen Herrn / Herrn Wentzelao auff Schmirsitzky / Herr auff Nacht vnd Quartz“. Welche Beziehung zwischen dem Bürger der Stadt Dresden und Marxbruder Christoff Rösener und dem Herrn Smiřický bestand, lässt sich nicht genau sagen. Aus Röseners Widmung geht jedoch hervor, "das E. Gn. (Anm.: gemeint ist Smiřický) Selbst diese Ritterliche Kunst üben / vnd an derselben Hoff täglich durch eigene Fechter brauchen lassen".

Folgend die Transkription von Röseners Werk. Die Verwendung der Buchstaben ‘i‘, ‘j‘, ‘u‘, ‘ü‘, ‘v‘, ‘w‘ und ‘y‘ in der Transkription wurde weitgehend dem heutigen Sprachgebrauch angepasst, wo es der Verständlichkeit diente und den Reimfluss nicht störte.

Ehren Tittel und Lobspruch Der Ritterlichen Freyen Kunst der Fechter, auch ihrer Ankunfft, Freyheiten vnd Keyserlichen Privilegien etc.
gestellet durch 
Christoff Rösener Bürger in Dreßden /
und durch  Keys: May: Freyheit /

Meister des Schwerts.

Anno 1589. 

Welcher begert berichts genung /
Der Fechter Kunst unnd ihrn Ursprung /
Der less mit felis dieses Tractat,
Dann er drinn schönen bericht hat.
Wer die Fechtkunst hat angefangn /
Auch ihr Befreyhung / und wie lang /
Solche Fechtkunst erfunden ist /
Steht alles hierinn / wer fleißig list.
Der wird sich auch verwundern sehr /
Was Fechten bringt für grosse Ehr /
Denn die Fechtkunst bey grossen Herrn /
Geruhmet wird / vnd bringt zu Ehrn /
Den / der das Fechten sehr wol kan.
Er kan bey grossen Potentatn,
Hierdurch in grosse gnad gerathn.

Zu Ehren
Dem Edlen und Wolge-
bornen Herrn / Herrn Wentzelao
auff Schmirsitzky / Herr auff Nacht
und Quartz / etc. Deinem gnedigen Herrn.
Gottes gnad und segen durch Christum
Unsern Erlöser / Amen.

Wolgeborener /
Gnediger Herr /
Das ich dieses Tractetlein, die Ritterliche unnd weit-
berühmte Kampff un
Fechter Kunst be-
Treffend (Der sich
Keyer / König /
Fürsten vnd Herrn
Gebrauchen / auch
Alle die jenigen / so sich derer Kunst üben / mit
Provision unnd unterhalt vorsehen und befordern)
in Druck gegeben und Publiciren lassen (ist nicht
ohn erhebliche ursach geschehen / Sondern die-
weil wie gemelt / grosse Herren und Potentaten
diese Ritterliche Kunst ehren und fordern / Also /
das sie von etlichen Keysern mit Privilegien unnd
Freyheiten begnadet worden / das die jenigen /
welche diese Ritterliche Kunst gelernetuvnnd ge-
brauchen / was Marxbrüder sein (Die Feder-
Fechter ausgeschlossen) einen offenen Helm / ne-
ben einem starcken Lewen führen mügen. Weil
mir dann wissend / das E. Gn. selbst diese Ritter-
liche Kunst üben / vnd an derselben Hoff täg-
lich durch eigene Fechter brauchen lassen / also hab
ich dieses Tractetlein (neben einem angehengten
Gesangk) darinn das gantze Fundament der löb-
lichen Fechtkunst begriffen / E. Gn. zu Ehren in
Druck vorfertigt. Bin demnach in unterthe-
niger hoffnung / E. Gn. werden ich dieses Tractet-
lein gnedigst gefallen und lieb sein lassen (wie ich
auch hierumb underthenig bitten thue.) Dann
E. Gn. Ich sonst mit nichts besser zu dem mahl
Zu vorehren vermüglichen. E. Gn. Wollen als
zu diesem mahl gnedigst vor lieb nehmen / Mein
Gnediger Herr / wie bishero geschehen / sein und
bleiben. Befehl E. Gn. In Gottes schutz vnd
schirm. Geben in Dreßden / den 1. Julij / im
1589 Jar.

E. Gn.
Underthen.

Christoff Rösener
Meister des Schwerts.

Bericht vom Fechten.
Einsmals gieng ich spatzieren weit /
Ins ebne Feldt / und sah zur seidt /
Ein hübschen Jüngling her spatziern /
Der fraget mich: Kan ich auch irrn:
Auff diesem Weg / da ich jetzt bin:
Da fieng ich an und grüsset ihn:
Er dancket mir züchtiger massn /
Balt trat er zu mir an die strassn.
Da fragt ich ihn / wo er hin wolt /
Dasselb er mich berichten solt.

Er sprach: Ich will hin an den Meyn /
Mich zu Franckfurt da lassen freyn.
Denn ich vor lengst hab begert /
Meister zu sein im langen Schwerdt.
Auch sunst in aller Fechter Wehrn /
Denn dadurch kom ich bald zu Ehrn.

Da sagt ich / Ja ihr geht hie recht /
Bleibt auff dem Weg / er ist gar schlecht /
Der wird euch bringen an den orth /
Da ihr hin wolt / geht immer forth.
Er führt euch in die Stadt hinein /
Welch ihr genandt / Franckfurt am Mayn.

Ich ging mit ihm eine gute Eck /
Der Jüngling redet frisch und keck.
Da nam ich ursach ihn zu fragn /
Und bat ihn das er mir wolt sagn.
Wo doch her kem: der Fechter Kunst /
Und ihr Ursprung / denn ich ihr sunst /
Von jugent auff hett gunst getragn /
Der Jüngling thet bald zu mir sagn.
Ja / wenn ich hett mein sach verricht /
Ich wolt euch geben fein bericht.
Wer die Fechtkunst erfunden hat /
Aber ich fürcht / ich kom zu spat /
Gen Franckfurt hin / denn ich hab zeit /
Mich dünckt / der weg sey zimlich weit.
Wann ich jetzund vorseumpt die Mess /
So würde ich durchaus vorgessn.
Und must noch warten ein gantz Jar /
Das ich euch jetzundt sag / ist war.

Ich sagt zu ihm / ey ich weis rhat /
Morgen frü fahr ich in die Stad /
Da kan ich euch fein nehmen mit /
Bleibt heut bey mir / das ist mein bitt.
Ja wenn ich dieses wer gewis /
Ich mich hierzu vermügen lies.

Ich sprach / gleubt mir ohn allen spot /
Lest mich leben der liebe Gott /
So fahr ich Morgen gwiss hinein /
Kompt nur her und kert bey mir ein.
Im namen Gotts / ich lass geschehn /
Ich will mit euch jetzt hinein gehen.
Seit mir willkomen in mein Haus /
Leget nur ab / und thur euch aus.
Man sol euch ein Handwasser gebn /
Auch ein bißlein essen da nebn.
Ey mein Herr Wirt / spart ir die müh /
Ich danck / das ich hab Herberg hie.
Esst ihr frey und last euch nicht graun /
Ihr mügt euch heint mir gantz vertraun.
Morgen wöllen wir weiter redn /
Von den Fechtern und ihrn geberdn.
Ja wils Gott / Morgen will ich bald /
Berichten recht / doch in einfalt.
Ein guten Morgen mein Herr Wirth /
Ihr habt mich recht wol angefürth /
Ich hab geruhet mechtig wol /
Itzt sag ich euch was ich nur sol.
Ja / Jung Gesel ich höre es gern /
Was ihr mir sagt / ich möchts wol lern.

Die Ritter Fechtkunst ist auffkom /
Und hat ihren Ursprung genomn /
Eh denn Troia zerstöret war /
Ettwas mehr denn Eillf hundert Jar /
Vor des Herren Christi geburt /
Vom Hercule erfunden wurdt.
Der Olimphische Kampff mit Nam /
In dem Lande Arcadiam.
Bey Olimpo dem hohen Berg /
In diesem Ritterlichen werck.
Kempfften zu Roß / nackende Heldt /
Wie Herodotus uns erzelt
Welcher nun Ritterlichen kempfft /
Die andern mit seinm Schwerte dempfft /
Derselbe wurd begabet gantz /
Von Oilbaum / mit eim schönen Krantz.
In dem Kampff Hercules erfacht /
Gross Lob und Preis / durch Heldes macht.
Gebot / das man den Kampff solt gar /
Halten allweg im fünfften Jar /
Mit grosser Herrlichkeit allmahl /
Nach dieser Olimpischen zaal /
Die Griechen hielten diese zeit /
Wie Polidorus urkund geit.

Als aber nun Hercules starb /
Dieser Olimpische Kampff verdarb /
Das er ein zeitlang von den Alltn /
Im Griechenland / nicht wurd gehaltn.
Jedoch hat Ipitus sein Sohn /
Solches wider auff richten thon.
Eben gleich in voriger arth /
Nachdem Troia zerstöret ward /
Der lang war bey den Griechen bliebn /
Wie Solinus uns hat beschriebn:
Nach dem sind auch in Griechenland /
Mancherley arth Kampffspiel entstanden /
Etlich gar nackt allenthalben /
Thetn sich mit dem Baumöll salben /
Und Kampffweis mit ein ander rungen /
In Schrancken / Wetlauffen / und sprungen.
Da erfand König Phyrus gros /
Den gwapneten Turnir zu Rosz /
Und wie man solt in Ordnung reittn /
Genannt der Pirrich sprung vorzeittn /
In dem Kempffen vor langer zeit /
Hat Mercurius zubereit /
Die jungen Kempffer in Kampff stückn /
Auff das ihn thet der Sieg gelückn /
Hat so die erst Fechtschul gehaltn /
Wie uns des bezeugen die Altn.
Diodrus und andre mehr /
Hielten dis für die größte ehr /
Wann einer da einn Crantz erfacht /
Rhümtens vor Reichtum / Gwalt un pracht.
Von dannen auch das Kampffspiel kom /
In die Grosmechtige Stad Rom /
Da Staurus ein Theatrum baut /
Darin das Volck dem Kampff zuschaut /
Auff Marmelstein Seulen gefundrt /
An der Zahl Sechtzig und drey hundert /
Dis ward das gröste Werck genant /
So je gemacht durch Menschen hand /
Darinn mit grosser prechtigkeit /
Brauchten die kampffspiel lange zeit.
Das offt in eim Kampff Kempffer warn /
Auch mehr dann in die Tausent par /
Sie fochten aber alle scharff /
Einer den andrn hieb / stach und warff /
Mit Schwertern / Kolben / Spies und Pfeil /
Jeder hat ein Schild zu seim theil /
Damit er sich schützt in der noth /
Viel blieben auff dem Kampffplatz tod /
Viel hart verwund / die sich ergabn /
Mancher art sie da Kempffet haben /
Das mus ich auch sagen ist war /
Das etliche Kampff bestellet warn /
Mit Elephanten / Thygertirn /
Mit Parden / Lewen / wilden Stirn /

Mit wilden Pferden / und mit Bern /
An den must man sein Kunst bewern /
Ohn schaden gieng der Kampff nicht ab /
Bey Fidena sich eins begab /
Zu des Keysers Tyberi zeit /
Das ein Spielhaus einfiel / war weit /
Zwantzig Tausent Menschen erschlan /
Welche solchem Kampffspiel zu sahn.

Nach dem aber die gros Stadt Rom /
Zu dem Christlichen Glauben kam /
Wurden abgeschafft die Kampffspiel /
Weil es also galt Blutes viel.
Wider Christlich Ordnung und Lieb /
Dannoch ein stück vom Kampffe bleib.
Viel Helden Kempffen im freyen Feld /
Ritten zusammen in die Wäld /
Als Eck / und der altt Hillebrandt /
Laurin / der Hürnen Seyfrid genant.
König Fasolt / Dietrich von Bern /
Theten ein ander Kampff gewehrn /
Nur zu erlangen Preis und Ehr /
Dergleichen vor kurtzer zeit mehr /
War noch der brauch beim Deutschen Adll /
Wann einer fand am andrn ein tadll /
So fordert er ihn bald zum Kämpffn /
Da einer thet den andern dempffn /
Gerüst zu Roß / im Feld odr Schranckn /
Wer lag der lag ohn alles zanckn.

Zu der zeit auch zu fuss man kempfft /
Gerüst einer den andern dempfft /
In drey Wehren / Schwert / Tolch und Spies /
Wo einer auff den andern sties /
Verwundet oder gar umbbracht /
Deßgleichen man scharrf und facht /
In Wammest / Hembd und mit eim Schild /
Solches alles ist nun gar gestilt /
Das solche Kampff vorbohten hat /
Römisch Keyserlich Mayestat
MAXMILIANUS der theur /
Aus Christenlicher liebe Feur /
Das dis wer ein unchristlich that /
Weil daraus kem / so viel unrath /
Am Leib / und an der Seelen schadn /
Und hat mit Freyheit thun begnadn /
Fechten / die Ritterliche Kunst /
Darzu er denn trug sondern gunst.
Weil er selbst kund zu guter mass /
Darumb Privilegirt er das.

Das die Meister von der Geschicht /
Ein Ordnung haben auffgericht /
Sanct Marxen Brüderschaft genandt /
In Deudschland jetzt sehr wol bekand.
Und ist nicht ohn gefehr geschehn /
Denn / weil bey S. Marxen thut stehn /
Ein Lew / wie das die Schrift beweist /
Darumb S. Marcus wird gepreist /
Das er mit gar freudigem muth /
Gottes Wort rein auslegen thut /
Und schewet da gar niemand nicht /
Wie der Lew / mit fröhlichem gsicht.
Kein Thier nicht fürcht / sondern ohn schaw /
Erwischt er eins / mit seiner Klaw /
Er helts / es sey jung oder alt /
Auch zureist etliches gar bald.

Also hatt S. Marcus ein sinn /
Predigt Gottes wort immer hin /
Sicht durchaus kein Person nicht an /
Fürcht sich auch nicht für keinen Man /
Gleich wie der Lew mit frischem muth /
Sich nicht scheut / so S. marcus thut.

Gleicher gestalt die Marxbrüder auch /
Haben jetzo gleich diesen brauch /
Das sie auch gar mit frischem muth /
Umb sich schlan / wie der Lewe thut.
Scheuen kein Kempffer oder Helt /
Der nehst der best / ihn wol gefelt /
Nemens mit einem jeden an /
Nur frisch frölich / thun sie zu schlan /
Drümb führen sie ein starken Lewn /
Thun sich dessen / für niemand schewn.

Wer nun Meister sein will des Schwerts /
In diesem Ritterlichen schertz /
Derselb in der Herbst mess allein /
Zieh hin gen Franckfurt an den Meyn /
Alda wird er Examinirt /
Von den Meistern / des Schwerdts probirt /
In allen Wehren / hie berürt /
Was einem Meister zu gebürt.
Fechtens Kunst / den verborgnen Kern /
Kan er das Meisterlich gewern /
Als denn man ihn zum Meister schlecht /
S. Marxen Brüderschaft empfeht.
Also habt ihr jetzt fein vernommn /
Wo die Marxbrüder sein herkomn.

Nachdem mag er nun Fechtschuel haltn /
Auch Schüler leren und vorwaltn /
In allen Ritterlichen Wehrn /
Erstlich / mit langem Schwerdt in Ehrn /
Messer / Spies und der Stangen wardtn /
Im Dollich und auch Hellebartn /
Jedes nach arth / mit seinen stückn /
So mag in Ehren ihm gelückn.
Wo er Schul helt im gantzen Reich /
In den Fürstlichen Städten gleich /
Durch aus in gantzem Deudschem Landt /
Ich sprach / wie sind die stück genant /
Die man mus leren im anfang /
Er sprach / der Kunst / zu dem eingang /
Lert man öber und unter Hau /
Mittel und Flügel Hau / genau.
Auch gschlossen und ein fachen sturtz /
Den trit lert man darzu auch kurtz.
Den Possen und auch ein auff hebn /
Ausgeng: und nider stellen ebn /
Ich bat: Mein jung Gesell zeigt an /
Wie heist man die stück für dem Man.

Er sprach / Ob ichs euch gleich thet nenn /
Könt ihr die stück / ohns werck nicht kenn /
Weil ihr nicht habt gelernt die Kunst /
Doch ich euch aus besondrer gunst /
Etlich hieb und stück nennen wil /
Die sind Meisterlich und subtill.
Den Zornhau und krumbhau den schau /
Zwerchhau / Schillhau und Scheitlerhau.
Wunder versatzung: und nach reisn /
Uberlauff durch wechssel etlich heissn.
Schneiden / hauen / stich in Winden /
Abschneiden / hengen / und anbinden.
Die Kunst helt in vier Läger klug /
Alber / Tag / ochsse und den Pflug.
Noch sind der stück viel alle sändr /
Das immer eines bricht das andr.
Doch in dem alln ein Fechter merck /
Auff die vier blös / auff schwech und sterck.
Der höchsten rhur all mahl war nehm /
Seinen Zorn / selber brech und zem.

Noch sind vorhanden viel Kampffstück /
Wie man ein werffen sol in rück.
Beinbruch / Gmechtstös und Arm brechen /
Mordtstöß / Fingrbruch / zum gsicht stechen.

Ich sagt / Ich bitt bericht mich auch /
Weil Kempffen nicht mehr ist im brauch.
Was ist die Kunst: des Fechtens nütz?
Er sprach: Euer frag ist gar unnütz /
Laß Fechtn gleich nur ein kurtzweil sein /
Noch ist die Kunst lönlich und fein.
Adlich / wie Stechen und Turnirn /
Als Seitenspiel / singn und quintirn.
Für Frauen / Rittern und Knechten /
Wo man ein lustig Spiegel fechtn /
Sieht / zierts manchen Adlichen sprung /
Das erfrewet alte und jung /
Auch macht Fechten / wer es wol kan /
Hurtig und rundt / leicht und gering /
Gelengk / fertig zu allem ding.
Gegm Feind behertzt und unvorzagt /
Tapfer und keck / wers Mannlich wagt.
Kühn und großmütig in dem Krieg /
Zu gewinnen Lob / Ehr und Sieg.
Macht neben ihm frisch etlich Hundrt /
On noth des Fechtens Kunst euch wundrt.

Weil auch erlangt die ehrlich kunst /
Bey Fürstn und Herrn / genad und gunst,
Provision und diens allzeit /
Auch wird mancher Fechter gefreyt.
Von Fürstn / oder Königlich Maiestat /
Das er Macht: Schul zu halten hat.
Als er ein gschlagner Meyster sey /
Nun habt ihr fein gemerckt hierbey /
Mit kurtzen worten gar genug /
Der Fechter Kunst / und ihrn ursprung.
In grosser würd gehalten lang /
Auch wie sie jetzund geht im schwang.
Damit auch mancher Meister mehr /
Durch die Fechtkunst erlangt gros ehr.
Drumb zieh ich jetzund hin allein /
Auff die Mess / gen Franckfurt am Mayn.
Wil mich da von den Fechtern werdt /
Lassen schlan zum Meister im Schwerdt.
Sie werden mich öffentlich führn /
In ihren Platz / und da Probirn.
Wann ich da auff der Prob besteh /
So vorhindert mich denn nichts mehr.
Werd als dann zum Meister erkorn /
Und wann ich ihnen hab geschworn.
So zich ich wider meine strassn /
Und thu mich des Fechtens an massn.
Mag das brauchen durchs gantze Landt /
Und wenn ich gleich bin unbekand /
Dennoch brauch ich die Ritterkunst /
Und krieg also durchs Land viel gunst.

Mein jung Gesell sagt mir dich auch /
Was helt man denn für einen brauch /
Zu Franckfurt in der werden Stad /
Darvon ihr mir viel gesagt hat.
Wann nun ein Fechter kompt hinein /
Wolt gern ein Meister im Schwerdt sein.
Bey wehm mus er sich geben an /
Der ihn kan zu eim Meister schlan.
Was helt man denn für ein Proces /
Zu Franckfurt in der grossen Mess.

Mein lieber Wirth / ich will euch ebn /
Auf euer Frag gut antwort gebn.
Ob ichs schon selbst gesehen nicht /
Doch gebn mir die Alten bericht.
Das: wann ein Fechter hinein kümpt /
Und derselb den bericht nimpt /
Wo er antreffe den Hauptman /
Mus er sich bey ihm geben an.
Und mus werden zun Vier Meistern /
Die werden ihn alsbald heissen.
Das er mus thun die Proben hau /
Die Fünff thun ihm alle zuschaun.
Wann er besteht in solcher Prob /
So wird die Sach da auff geschobn.
Bis auff den Sontag in der Mess /
Da wird er denn mit nicht vorgessn.
Sondern er wird da vorgestelt /
Für alle Meister / wie ein Heldt.
Die mus er da alle bestehn /
Keiner lest ihn für über gehen.
Er mus mit jedem aus dem Schwert
Fechten / wers nur an ihn begert.
Wann er in der Prob ist bestandn /
So nimpt man ihn als dann zu handn.
Und lest ihn knien auff die Erdt /
Da wird er mit dem Parat Schwerdt.
Von seiner lenden Creutzweis:
Geschlagen / auffs Hauptmanns geheis.
Er mus auch wie die andern pflegn /
Zween Goltgülden auff das Schwerd legn.
Da thut man ihn ein Fechter nennen /
Und für den Meister im Schwerd erkennen.
Wann er nun dieses hat gethan /
Mus er auch schweren dem Hauptman.
Das er die zeit bey seinem leben /
Sein Meisterschaft nicht wil ubergebn.
Wann er nun durchaus so besteht /
Druff er die heimligkeit empfeht /
Und bleibt also Meister im Schwerdt /
Die Fechter haltn ihn Lieb und werdt.
Nun werdt ihr haben vernommen recht /
Wie man einen zum Meister schlegt.

Ja / ich habe recht genommen ein /
Ich möchte wol selbst dabey sein.

Mein halt mir noch zu gut ein frag /
Mein grobheit mit gedult vortrag.
Weil das denn sonst kein Keyser mehr.
Die Marxbrüder befreyen kan /
Denn der theur maximilian.

Nach dem theuren Maximilian /
Hat sichs ungefehr zugetragn.
Das der loblich Keyser Friedrich /
Wie ich euch geb jetzo bericht.
Im Tausent und Vierhundert Jar /
Sieben und achtzig dis ist war.
Am Zehenden Monats tag May /
Zu Nüremberg / wie ich meld hie.
Dis Privilegium thun verneurn /
Nach Maximilian dem theurn.
Aso man Tausend fünffhundert zalt /
Und zwölf Jar / ich eich nicht verhalt /
Den Siebn und zwantzigstn September /
Hat auch mit lust ohn all beschwer.
Die Keyserliche Mayestat /
Zu Cöllen in der grossen Stadt /
MAXIMILIAN genennet wird /
Die Marxbrüder auch Privilegirt.

Zu dem / als man auch hat gezalt /
Tausent / Fünffhundert / und als bald /
Sechs und sechtzig / im Monat Mey /
Den sechsten / ich euch sag hierbey /
Sind die Marxbrüder nach der Wahl /
Privilegiret noch ein mahl.
Vom Keyser Maximilian /
Wie ich euch jetzo zeige an.
Ist in Augsburg der Stad geschehn.

Jetzt nun mehr hat Rudolf der Keysr /
Den Marxbrüdern die gnad thun bewisn /
Weil sies haben vor wenig zeit /
Gesucht in underthenigkeit /
Die ersten Brieff neu Confirmirt,
Und sie wider Privilegirt.
Geschach im Nein und siebntzigstn Jar /
Der wenger Zahl sag ich fürwar /
Den Zehenden tag Julii /
Das hab ich müssen melden hie.
Auff des Keysers Burg der Stadt Prag /
Drümb merckt mit fleis / was ich auch sag.
Hieraus künd ihr nun schliessen fein /
Das die Fechtkunst geehrt mus sein.

Weil ihr mir denn auff mein frag ebn /
So richtigen bescheid hat gebn.
So dörfft ihr mich bereden bald /
Wann ich nun mehr nicht weer zu alt /
Das ich lernet die Fechterkunst /
Weil sie bringt Ehr und grosse gunst.

Dis thu ich gern / wolt ihr nu sein /
Was ich euch weise gehorsam fein.

Das will ich thun zu jeder zeit /
Euch folgen mit bescheidenheit.
Ihr werdet aber zuvor ebn /
Gar ein wenig anleitung gebn.
Wie ich mich drein verhalten soll /
Das ich die Fechtkunst lerne wol.

Weil ihr denn die jetzt thut begern /
So wil ich euch hierin gewern.
Merckt nur fleißig / was ich euch sag /
Und lernets heut / auff diesen tag.

Gott geb und Glück zur Fechter Kunst /
Den sie bey grossen Herrn hat gunst.
In Gottes gwalt wolln wir uns gebn /
In seim Namen zu Fechtn anhebn.

HERR Gott vorley uns Gnad und Gunst /
Recht zu gebrauchn die Ritterkunst.
Das ihr dieselbe mögt wol lern /
Damit euch grosse Herren ehrn.
Wolt ihr lernen Fechten künstlich /
Solt ihr mit fleis fürsehen euch.

Zum ersten schempft euch nicht zu lernn /
Sondern thut stetts übung begern.
Wenn ihr wolt gehen zu der Lehr /
So grüst die Meister und Schüler.
Und wann ihr auff die Schule kompt /
Schaut das kein frembder mit euch kümpft.
Er kan denn ein Schulrecht bestehn /
Mit dem Meister drey Genge gehen.
Balt ihr euchs Fechten nemet an /
Kein Nestel sol sein zugethan /
Auch kein Dolch an der seiten dran /
Und gar nichts auf dem Heupte han.
Nempft keinem aus der hand sein Wehr /
Bit erst vorlöbnis vom Meister.
Halt fest die Wehr laß keine falln /
Falt auch selbst nicht / seid bedacht in alln.
Auch mit ungstüm kein Wehr zerschlagt /
Mit sitten eur arbeit vortragt.
Solt auch durch aus keins andern spottn /
In der übung / es ist verbottn.
Auch solt ihr keinen blutig schlan /
Der erst zu fechten sehet an.
Wann auch nun frembde Schüler kemn /
Auff den lehrplatz / solt ihr vornemn.
Das ihr keinen verspotten wollt /
Umb ein par streich ihr Fechten sollt.
Oder umb einen schönen Crantz /
Macht euch nur her an diesen Tantz /
Oder nach erkentnis der Massn /
Von Meister und Schulr euch straffen lassn.
Wer nicht will ein gehen den inhalt /
Der pack sich von der Schule bald.
Er sol die Schüler und Platz meidn /
Uneinig Gsellschaft sol man nicht leidn.
Werd ihr euch haltn nach der Lehr /
Ihr werdt des Fechtens haben Ehr.

Ey ich bin jetzt nun fein bericht /
Durch aus ich mich nun eich vorpflicht /
Will euch auch meinen Meister nenn /
Wolt ihr mich euren Schüler kenn.
Ich will euch thun gar kein vordreis /
Lernt mich das Fechten nur gewis.
Was ihr als denn begert fürs lohn /
Sol euch gereichet werden schon.
Nun wie gefelt euch jetzt der strich /
Meister ich durch aus gar nicht weich.
Das springen steht mir zimlich an /
Wil aber sonst künstlich zuschlan.

Ich will euch jetzt noch mehr stück weisn /
Das man euch sol ein Fechter preisn.
Mein Schwerd thu ich jetzt auff heben /
Hau durch aus unten oder oben.
Denn gar recht Fechter brauch treib ich /
Und könt also probiren mich.
Aus recht artlicher Meisterschafft /
Auch aus der rechten Künste krafft.
Hierzu brauch ich auch das Rappir /
Stumpff / scharff / wie mans begert von mir.
Damit thu ich mein Feinde putzen /
Und auch mein Leib damit zu schützen.

Jetzt habt ihr nun mehr gantz und gar /
Die Fechtkunst weg / sag ich vorwar.
Ihr wird nun geben mir ein Lohn /
Ich will forth / denn ich muss darvon.
Ich möchte sonst zu lange sein /
Der Weg ist lang bis hin an Meyn.

Meister / da habt ihr euren Solt /
Weil ihr denn nun mehr gar fort wolt /
Nempt auch für gut was ich euch gthan /
Im zurück ziehn / sprecht mich widr an.
Doch sagt mir vor / wie ich zu mahl.
Schul zu halten anschlagen sol.

Ich thu euch aber jetzo eben /
Auff die Frag richtig antwort gebn.
Ettlich Keyser an der Zahl /
Dieselben haben allzumahl.
Die Marcusbrüder thun begbn /
Mit Schild und Helm / die wir noch haben.
Durch Ritters that von ihn benomn
Nenten uns Marxbrüder die fromn.
Gaben uns auch die grosse macht /
S. Marx zu führn mit schönem pracht.
Und auch den Lewen wol bericht /
Das erlangt kein Fedr Fechter nicht.

Das sie sich abr des Greiffen rhümn /
Sind sie hierin gar viel zu kühn.
Denn ein Hertzog von Mecklenbergk /
Hat nicht mehr denn einen / dis merck /
Der sich im Fechtn gehalten wol /
Geben den Greiff / den er führn sol.
Und sonst kein Feder Fechter mehr /
Haben nun mehr des Greiffs kleine Ehr.
Weil sie hierin haben geirrt /
Und sind nicht privilegirt.
Noch mehrthun sie sich understahn /
Lassen ein offnen Helm machen.
Führen den in ihrem anschlag &
Mein Feder Fechter dis mir sag.
Wo her ist dir die macht gegebn /
Wer hat dich gewappnet / sag mirs ebn.
Du wirst nun mehr mit keinem Newn /
Und vortreiben / den starken Lewn.
Denn er hat Keyserliche freyt /
Last ihr den Lewen ungeheidt.
Also habt ihr den anschlag fein /
Nempt ihn nur recht in sinn hinein.
Wann ihr nun aus rufft eure Schul /
Lernt diesen Vers / und braucht sie wol.

Ich schwing mich auff in Gottes glück /
In diesem Kampffplatz offt und dick.
Das Greiffen Gschlecht / mus heint heruntr /
Wir Marxbrüder sind feind frisch und munter.
Mit euch zu Fechten ist mein freud /
Frisch her / ihr Fedr Fechter es ist zeit.
Ob man mir gleich wolt iomer sagn /
Wie ihr mir wolt stössen und schlagn /
Ich fürcht nicht / wie wilt ihr mügt sein /
Ist doch euer Haut so weich als mein.
Wird ihr mich treffn / ich lass geschehn /
Wird ich euer fehln / ihr solts wol sehn.

Ein anders.
Du elder Lew schwing dein Kraus haar /
Nim dir des greiffen eben war /
Der mit seim stoltzen muth und pracht /
Die gfreyte Marxbrüder all voracht /
Den soltu für dir hauen nidr /
Und zu reissen all sein gefidr /
Das ihn sein Gselln müssen weg tragn /
Die wolln wir auch auff die Köpff schlagn.

Jetzund seid ihr berichtet fein /
Ich gdenck ihr werdt zu frieden sein /
Mit der Lehr die ich auch gethan /
Ich wil nun mehr auff und davon /
Braucht nur die Kunst fein Ritterlich /
Ich ziehe dahin / Gott behütt euch.
Ich thu euch hievor jetzt danck sagn /
Ich hab lan fertig machen den Wagn /
Da farth ihr mit mir in die Stadt /
Hab ichs euch doch vor gesagt /
Ihr dürfft ja eilen nicht so hardt /
Jtzundt wolln wir sein auf der farth /
Wir fahren gar geschwind hinein /
Ey nun / wann es denn ja sol sein /
So fahre ich mit euch davon /
Und geb dem Kutzschn Trinckgelt zu lohn.

Nun span an / und fahr nur sacht /
Wir kommen doch wol nein vor nacht /
GOTT geb uns auff die reis viel glück /
Hört / wann ihr werdt zihen zu rück /
Und seit zum Meister wordn geschlan /
So mögt ihr mich frey sprechen an /
Und zu mir in mein Haus einkern /
Ich will euch Herbrigen und ehrn.
Wil euer durchaus nicht vorgessn /
Zur notturfft gebn trinckn und essn.
Wil euer so warten und pflegn /
Darnach euch in ein gut Bett legn.

Ich sag euch nun mehr grossen danck /
Für euer Fuhrwerg / Speis und Tranck.
Als bald ich wider zieh vom Meyn /
So kehr ich wider bey euch ein.

Christoff Rösener / Meister
des Schwerdts.

Wann wüchsse Laub und Gras /
So gschwind als Zeit und Hass /
So hetten Schaff und Rindr /
All Jar ein guten Wintr.

Nun folget der Gesang der Ritterlichen Fechtkunst / ihren Ursprung / Fundament, und begriff Aller heimligkeit.
In der Denne weis Wolfframs / oder
Pentzenawers Thon.

Von Ritterlichen Künsten / so will ich heben an / Singen mit der Fechter günste / wie ichs gelernet han / Bitt auch ihr Meister alle / Ihr wolt mich recht vorstan / Und last euch nicht misfallen / was ich getichtet han.
Mein Schwerd hab ich erhaben / nach Künsten Meisterlich / Hau unten oder oben / den rechten brauch treib ich / Und wil dich auch probiren / aus rechter meisterschaft / Schweche und sterck vorführen / aus rechter Künsten krafft.
Wenn muth zu fechten were / der neme sein Schwerd in die hand / Das Wort (indes) schneit sehre / dem es ist recht bekandt / Und wer erschrickt gerne / das ist mein bester Rath / Das er nicht Fechten lehrne / denn es übel anstaht.
Nun merckt (in des) das Worte / da alle Kunst an ligt / Zornhau dgeht mit orte / behend aus langer schneid / Aus Gülden kunst ich treibe / den Flügel ins hangend orth / im Triangel nicht bleibe / des Püffels nicht erwart.
Dabey soltu auch mercken / die vor und nach / Darzu schweche und stercke / einlauffen sey dir nicht jach / Dein Schwerd zu beiden henden / die Zeckruhr nicht verlass / Treib die stück behende / so findestu ihn blos.
Scheitelhau der Kunst ortte / den Schilhau nicht durch lauff / Und die eiserne Pforte / fürbas so merck auff / Wiltu von dannen tragen / den Meisterlichen Krantz / Vier hütten mustu haben / gehören auch an Tantz.
Die wil ich dir jetzt nennen / so soltu sein bericht / Ochs / Alber / Pflug / lern kennen / Von Dach auch nicht vornicht / Die viere soltu fechten / und davon halten allein / So hastu die Gerechten / und pfleg die in gemein.
Viere sind die vorsetzen / und vier blos an den Man / Die viere auch sehre letzen / ein stück heist man die Kron / Wiltu dieselb vortreiben / nim den Schnid für die Hand / Die Kron mag nicht lang bleiben / ist dir der Schnit bekand.
Der krumphau ist noch hinden / die zwerch und auch der schnit / Im Dupliren lerne finden / Mutiren nim auch mit / Durch wechssel ich dir sage / trit nahend an den Bund / Weiter darfft du nicht fragen / wiltu nicht werden wund.
Durch fehler ich dir rathe / die hengen hab in Hutt / Das sprechfenster so drate / einwinden ist auch gut / Von beiden seittn absetze / sein schwerd mit deinem Schild / Nach reisen auch sehr letzet / der gegen dir ist mildt.
Ob man wird weiter fragen / wer das gedichtet hat / Das darff man ihm nachsagen / Er heist der Paulus Roth / Das Lied das thut er schencken / Eim Fechter wolgemuth / Christoff Rösener zugedencken / der nams von ihm vor gut.
Und solt er alles rechnen / was in der Kunst mag sein / Sein Kopff möchte er zerbrechen / Er trinckt gerne Wein / Er bitt die Edelen Fechter / woln ihm nicht für übel han / Ob er ihn nicht thet rechte / dann er nicht tichten kan.

Ende.

Underrichtunge auch Nützliche anweisung des Fechtens / sampt dem gantzen Fundament im Dussacken.

Mit dieser Wehr reich weit und lang / Dem Hau für sich uberhang / Mit deinem Leib / darzu tritt ferr / Dein Hand führ gwaltig umb ihm her / Zu all vier enden / las die fliegen / Mit geberden / zucken / kanst ihn btriegen /
In die sterck soltu vorsetzen /
Mit der schwech zu gleich ihn letzen /
Auch neher soltu kommen nicht /
Dann das ihn langest mit eim tritt /
Wann er dir wolt einlauffen schier /
Das vorder orth / treibt ihn von dir /
Wer er dir aber glauffen ein /
Mit greiffen / ringen / der erst solt sein /
Der sterck und schwech nimm eben war
Indes / die blös / macht offenbar /
Im vor / und nach / darzu recht trit /
Merck fleiszig auff die rechte zeit /
Und las dich bald erschrecken nicht.

Ende.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Paulus Hector Mair: Prachtkompendium Mscr.Dresd. C.93 / C.94 vollständig digitalisiert

von Jan Schäfer

Das Prachtkompendium Mscr.Dresd.93/94 des Augsburger Bürgers Paulus Hector Mair (1517-1579)  liegt nun vollständig digitalisiert in der Staats- und Universitätsbibliothek Dresden vor.
Das auf um 1540 datierte Werk ist eines von drei Prachtkompendien (alle zweibändig), die der Augsburger Bürger Paulus Hector Mair um die Mitte des 16. Jahrhunderts im Abstand mehrerer Jahre anfertigen ließ. Die anderen Ausgaben liegen heute in München (Cod.icon. 393(1 und Cod.icon. 393(2) und Wien (Cod. 10825 [pdf]  und Cod.10826).  (1)

Alle drei Kompendien sind sehr umfangreich und enthalten jeweils eine Vielzahl an Waffenstücken zum langem Schwert, Dussack, Stange, langem Spieß, Hellebarde, Sense, Dreschflegel, Knüppel, Dolch, Ringen, Rapier, Mordaxt sowie dem Fechten im Harnisch zu Fuss und zu Roß und dem Fechten ungleicher Waffen gegeneinander.

So prächtig und opulent die Kompendien sind, ihre Anfertigung hat eine dunkle Seite: Da alle drei Werke Unsummen an Geld kosteten, veruntreute Paulus Hector Mair Geld aus der Stadtkasse (aber nicht nur für die Herstellung der Bücher, sondern auch für seinen teuren Lebensstil). Der Betrug flog auf und Mair wurde im Alter von 62 Jahren 1579 in Augsburg gehängt. (2) (3)

Anmerkungen

(1) Vgl. zur Geschichte der Mair-Werke: Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters Band 4/2, Lfg. 1/2: 38: 38. Fecht- und Ringbücher. Bayerische Akademie der Wissenschaften 2009.
(2) Vgl. zum Leben von Paulus Hector Mair: Hills, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Verlag Peter Lang, 1985.
Aktualisiert (vielen Dank an Eric Wiggins, Ben Floyd und Roger Norling):
(3) Kolorierte Federzeichnung „Am 10. Dezember 1579 wurde der Finanzminister der Stadt Augsburg wegen Veruntreuung hingerichtet“, aus der Handschrift des Johann Jakob Wick: Sammlung von Nachrichten zur Zeitgeschichte aus den Jahren 1560-87. [Quelle]

Dienstag, 5. Juli 2011

Jéann Daniel L'Ange - ein Fechtmeister aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts

von Jan Schäfer

Jéann Daniel L'Ange (hier auf einer Abbildung in seinem Fechtbuch), geboren in Darmstadt, war Fechtmeister der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der in Heidelberg und später in Marburg unterrichtete.

Zu seinen Lebensdaten ist wenig bekannt. In Darmstadt ist er in unbekanntem Jahr geboren worden.  Sicher scheint, dass er sich einige Zeit lang in Italien aufhielt, denn in seinem Fechtbuch schreibt er im Kapitel über das Caminiren (Anm.: eine besondere Fechttechnik): "Dieses caminiren hab ich vor diesem in Italien gelernet / auch offtermahls practicirt" (vgl. Kapitel 31 seines Werkes).

Vermutlich um 1655 wurde er von Karl Ludwig I. von der Pfalz (1617-1680) zum kurfürstlich pfälzischen Hof- und Universitätsfechtmeister bestellt (als Universitätsfechtmeister womöglich in der Nachfolge von Johann Georg Bruch). In seinem Amt als Hof- und Universitätsfechtmeister unterrichtete Jéann Daniel L'Ange an der Universität Heidelberg die Studenten und in gleicher Weise am kurpfälzischen Hof den Prinzen Karl II. von der Pfalz und die Edelpagen in der Fechtkunst. Während seiner Zeit in Heidelberg gab er auch sein Fechtbuch mit dem Titel „Deutliche und gründliche Erklärung der Adelichen und Ritterlichen freyen Fecht-Kunst“ [zum Digitalsat im Göttinger Digitalisierungszentrum] in Druck.

Jéann Daniel L'Ange hat bis zum Jahr 1664 (dem Erscheinungsjahr seines Fechtbuches) mit eigenen Worten „nicht nur etliche wenige / sondern etliche hundert“ hohe und niedere Standespersonen „an unterschiedlichen Orthen / in dieser Adelichen Fechtkunst informiret, und zu guten Fechtern gemacht“ und „mit dieser Adelichen Fechtkunst / bereits auff dreyzehn mahl meine Probe in gegenwarth vieler grosser Herren / an unterschiedlichen Orten gethan / und allemahl glücklich obgesieget“.

Der Fechtmeister L'Ange war neben dem Degenfechten auch „in anderen exercitiis, als mit der Picque, Musqueten, wie auch Voltisiren und Fahnen schwingen [...] erfahren / darzu auch einen lernen kan / wie man ein Regiment zu Fuß ins Feldt soll stellen / welches ich nicht allein auff underschiedlichen Academien exercirt, sondern auch im Felde practicirt“. In seinem Fechtbuch, dass er „nechst Göttlicher Hülffe / auß selbst erlangter erfahrung / Reisen / Kosten und fleiß in meiner Jugend / anjetzo nach einer guten ordnung / Meinen Herrn Scholaren, auch andern meinen sonderbahren Freund und Gönnern schuldigst communiciren wollen“, behandelt er jedoch nur den Zweikampf zu Fuß mit dem Degen.

Sein Werk wurde erstmals im Jahr 1664 bei Adrian Weingarten in der Heidelberger Universitätsdruckerei aufgelegt. Es erhielt den Titel „Deutliche und gründliche Erklärung der Adelichen und Ritterlichen freyen Fecht-Kunst / Lectionen auff den stoß / und deren gebrauchs eigentlicher Nachricht. Auff die rechte Italianische Art und manir, in dieses Tractätlein verfaßt / und mit nothwendigen Kupfferstücken nach möglichkeit gezieret und vor Augen gestelt“. Das Buch ist Karl II. von der Pfalz zum Dank dafür gewidmet, dass ihn dessen Vater Karl Ludwig I. als Hof- und Universitätsfechtmeister vor vielen Jahren in Dienst genommen hatte.

Das Buch ist 145 Seiten stark (81 Seiten Text, 61 Abbildungen). Auf diesen stellt L'Ange eine Vielzahl von Lektionen wie das Stossen in den Handhaltungen Quart, Terz und Second (jedoch nicht in Prim), das Stringiren, Caviren,  Parieren, Faintieren, Passiren, Voltiren, Legiren sowie auch Entwaffnungen und Ringstücke mit dem Degen vor. L’Ange erwähnt weiterhin, auch außergewöhnliche Stücke zu beherrschen, etwa „wie man mit einem Degen gegen einen Puniar, Picque, Hellepart, Partisan und andere dergleichen Gewehr / auch wie man zu Fuß mit dem Degen in einer / und eine Pistol in der andern Hand sich verhalten / seinem Feinde begegnen / auch gar mit blossen Händen gegen einem stillet sich defendiren und wehren“ oder wie man „mit einem Degen der noch in der Scheyden steckt / seinem Feind zubeschädigen / ehe Er mit einer Pistoll einen Schuß thun mag. Und dan letztens / daß fast ohnglaublich scheinet / wie man einem den Degen kan an der seyten nehmen / ihne über den Kopf schlagen / oder gar in Leib stossen / und daß man ihn doch nicht auß der Scheiden ziehe“. Damit diese Stücke allerdings nicht zu vielen Menschen bekannt gemacht werden, hat L'Ange sie nicht schriftlich festgehalten. Man kann sie aber „underdessen gleichwohl zu seiner zeit in geheim“ von ihm erfahren, wie er an gleicher Stelle im Buch noch mitteilt.

Ein anderes Thema dagegen findet Eingang ins Buch: es ist die Wahl eines geeigneten Orts für das scharfe Duellfechten vor den Toren der Stadt. Weil seine Hinweise hierfür interessant zu lesen sind und es eine Seltenheit ist, dass in einem Fechtbuch solche Informationen zur Sprache kommen, wird das entsprechende Kapitel im Folgenden vollständig wiedergegeben.

"Cap. XXXVI.
Von einem bequemen Orth / im scharpff fechten zugebrauchen.

Demnach Ich nunmehr von allen Lectionibus auffs möglichst und nützlichste abgehandelt / auch deren application allen und jeden Liebhabern dieser Kunst / verhoffentlich zur gnüge / zwar kurz / jedoch verständlich zu erkennen gegeben / so ist dieses einige noch übrig / daß man von einem principal und nothwendigen stücke etwas meldung thue / nemblich / von einem bequemen orth / da man dem Adversario begegnen will / und soll man vornemlich auff vier Stück wohl achtng geben / wan man vor das Thor kombe und sich mit einem schlagen soll; Vorst Erste auff die Sonne / daß man sie auff den Rücken / der Adversarius aber selbige ins Angesicht bekomme / wodurch seine Augen geblendet werden / und man ihn desto eher verletzen kan.

Zweytens / auff die Berge / so man einen Berg hindersich vermerckt / so suche man bald einen sprng auff die lincke seiten zuthun / und den Feind dahin zu treiben / den vortheil wieder zu gewinnen / Ihme aber den seinen zubenehmen / wie dan bekand ist / daß man sich den Berg herab nicht defendiren kan mit dem Degen / aber gegen Berg kan man wohl einen treiben / biß er etwan verletzt oder zufall kommen ist.

Drittens / auff Wasser / Mauren oder Hecken; So man sich an deren einem mit dem Rücken befindet / muß man ebenmässig resolvirt sein / sich mit dem seyten sprung zu salviren, den Feind aber dahin zutreiben / welches ein grosses avantage ist.

Viertens / auff Pflasterstein / oder Kieselsteineren Wege / dan daselbst ist es nicht gut / man hat sich wohl zu hüten / daß man nicht an stosse / oder im langen außstossen nicht etwan zu fall komme / und dardurch verletzt werde. Welches aber der bequemste Ort sey / so man anderst die zeit haben kan / dem Feind zubegegnen / so hält mancher viel von einer grünen Wiesen / es ist aber nicht allzeit gut / besonders nachmittags / in deme die Sonne mit ihren Strahlen das Graß glatt gemacht hat / viel besser könte es Morgens an solchem orth seyn / wan das Graß noch naß ist; Aber meines, theils halte ich einen gepflügten / auch Saamen- oder Stoppel-Acker / oder Sandfeld das gleich ist / vor den besten und bequemsten platz / welches ich vielmals selber practicirt, und stäts gut zu sein befunden. So ist hierher zur nachricht beyzufügen wollen / ein jeder mag thun nach seinem bleiben / und wie es die zeit wird ertragen können."

Nachdem seine Anstellung in Heidelberg geendigt hatte, bekleidete Jéann Daniel L'Ange von 1678 bis 1682 das Amt des Fechtmeisters an der Universität Marburg. Seine Kinder und Enkel setzen die Familientradition fort und folgen ihrem Vater im Fechtmeisterberuf nach. In Marburg sind von 1705 bis 1738 Johann Moritz Lange und von 1738–1754 Dieterich Peter Lange als Fechtmeister (und Exercitienmeister) angestellt (vgl. die Liste der Fechtlehrer an der Universität Marburg bei Nail und Berschin, Seite 18).

Am Düsseldorfer Hof des Kurfürsten Johann Wilhelm Joseph Janaz von der Pfalz (1658-1716) diente Charl L'Ange (höchstwahrscheinlich ein Sohn von Jéann Daniel) als kurfürstlich pfälzischer Major und Exercitienmeister. Er legte im Jahr 1708 das Buch „Deutliche und gründliche Erklärung der Adelichen und Ritterlichen freyen Fecht-Kunst [...]“ in Düsseldorf neu auf.

Donnerstag, 7. April 2011

Die Gesellschaft Liechtenauers

von Jan Schäfer

In der Handschrift Cgm 1507 von Paulus Kal, die auf um 1470 datiert wird, findet sich auf Blatt 2r eine Liste von 18 Namen, die der Autor als Liechtenauer und dessen Gesellschaft bezeichnet. Im Originalwortlaut heißt es: „Hier hebt sich an die Kunst die Liechtenauer mit seiner Gesellschaft gemacht und gepraucht hat in aller ritterlicher Wehr das ihm Gott gnädig sei“.

Die Personen der Gesellschaft Liechtenauers

Genannt werden von Paulus Kal auf Blatt 2r:
  • Meister Johannes Liechtenauer
  • Meister Peter aus Danzig
  • Meister Lamprecht aus Prag
  • Meister Andreas Liegnitzer
  • Meister Sigmund Amring
  • Meister Martin Huntzfeld
  • Meister Philip Berger
  • Meister Peter Wildigans aus Glatz
  • Meister Hans Spindler aus Znaim
  • Meister Hans Seidenfaden aus Erfurt
  • Meister Jacob Liegnitzer
  • Meister Hartmann aus Nürnberg
  • Meister Hans Pegnitzer
  • Meister Virgili aus Krakau
  • Meister Dietrich aus Braunschweig
  • Meister Ott
  • Meister Stettner
  • Meister Paulus Kal
Doch was wissen wir über die genannten Personen im Einzelnen? Allgemein kann man sagen: über einige viel, über manche ein wenig, und über wieder andere gar nichts. Offensichtlich ist nur: dieser Personenkreis hat zusammen mit Johannes Liechtenauer eine Kunst des Fechtens „in aller ritterlicher Wehr“ „gemacht und gebraucht“.

Es folgt eine Darstellung der Meister und der über sie bislang bekannten Einzelheiten, zusammengetragen:


Eine Karte der Gesellschaft Lichtenauers 

Alle verfügbaren geographiebezogenen Daten habe ich zur besseren Übersicht in eine google map eingetragen und dort mit Kommentaren versehen.


Viele offene Fragen

Letztlich wirft Blatt 2r viele neue Fragen auf.

Wir kennen zwar nun dank Paulus Kal die Namen einer Gruppe von Personen, die einen direkten Bezug zu Johannes Liechtenauer hatten und der Art, dass sie gemeinsam die Kunst „gemacht und gebraucht“ haben. Doch wer genau waren diese Personen, die aus teilweise so weit voneinander entfernten Regionen Europas stammten? Von wenigen haben wir biographische Daten, die über den vermuteten Geburtsort hinausgehen, und von einigen fehlt selbst diese Information.

Von einer Handvoll der genannten Personen sind uns Handschriften über die Fechtkunst erhalten, nämlich von Peter aus Danzig, Siegmund Amring, Andreas Liegnitzer, Martin Huntzfeld, Paulus Kal.

Mit jener „Gesellschaft um Liechtenauer“ öffnet sich das Feld zu einem weiteren Fragekomplex. Die von Paulus Kal genannte Gruppe von 18 Einzelpersonen hat die Fechtkunst „gemacht und gebraucht“. Aber welcher Art war die Gesellschaft genau? In welcher Beziehung stand jede dieser Personen einzeln zu Johannes Liechtenauer, und wie war ihr Verhältnis untereinander? Wer hat die Lehre „gemacht“ und wer hat sie „gebraucht“? Es ist gut möglich, dass all diese von Kal als Meister bezeichneten Personen Schüler und Schülerschüler von Johannes Liechtenauer waren. Wenn dem so war, dann haben einige dieser Personen eine große Wegstrecke auf sich genommen, um von Meister Liechtenauer persönlich oder womöglich einem seiner direkten Schüler zu lernen.

Was zu der daran anschließenden Frage führt: Wer von den genannten Personen war direkter Schüler von Meister Lichtenauer, und wer womöglich Schülerschüler? Und wie eng war der Kontakt nach der Ausbildung? Wie eng war die „Gesellschaft um Lichtenauer“ vernetzt? Und zuletzt auch die Frage: Warum fehlen Zeitgenossen wie z.B. Hans Talhoffer oder der Jude Lew, die sich in ihren Handschriften ebenfalls auf Johannes Liechtenauer beziehen?

Forschungsliteratur:

Hagedorn, Dierk: Peter von Danzig: Transkription und Übersetzung der Handschrift 44 A 8. VS Books, 2008.

Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Peter Lang, 1985.

Welle, Rainer: "und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen": Der Ringkampf als adelige Kunst im 15. und 16. Jahrhundert. Centaurus, 1993.

Wierschin, Martin: Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens. Beck, 1965.

Dienstag, 8. März 2011

Rühmliche Exercitien: Der Fechtmeister in Christoph Weigels Ständebuch von 1698

von Jan Schäfer

Ein überaus interessantes zeitgenössisches Dokument über den Fechtmeisterberuf, das nicht aus der Hand eines Fechtmeisters selbst stammt, ist das Ständebuch „Der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände Von denen Regenten Und ihren So in Friedens- als Kriegs-Zeiten zugeordneten Bedienten an, biß auf alle Künstler Und Handwercker“ von 1698. Der Autor des Werkes, Christoph Weigel d. Ä. (1654-1725) war ein deutscher Kupferstecher und Kunsthändler, der seine Werkstatt in Nürnberg hatte (vgl. Rée, Paul Johannes, „Weigel, Christoph“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 41 (1896), S. 464-465).

Das Buch der "Gemein-Nützlichen Haupt-Stände" enthält in 14 Kapiteln die Beschreibungen zu 204 Berufen, jeder davon mit einem eigenen Kupferstich illustriert. Der Abschnitt über den Fechtmeister ist mit Abschnitten zu den Berufen Bereiter, Tanzmeister, Ballmeister und Jäger in dem Kapitel der „in rühmlichen Exercitien sich übenden Stände“ zusammengefasst. All diese Berufe zählt der Autor zu den adeligen Exercitien.

Das Kapitel über den Fechtmeister (Kap. VII, S. 175-178) ist in drei Teile gegliedert: (1) „Ursprung, Erfindung und Alterthum“, (2) „vornehmste Verrichtungen und Denkwürdigkeiten“, (3) „deroselben Notwendigkeit und Nutzbarkeit“.

Der Fechtmeister in Postur
Den Siegt erringt / wer sich bezwingt.
Den Lastern ihre Kräfte brechen,
und böse Lüste niederstechen,
ist eine Kunst weit über Geld.
Kein Sieg nützt ohne dieses Siegen
Wer anders ficht muß unten ligen
Lob-frönt ihn gleich die blinde Welt.
Was den Menschlichen Cörper schützet / und für die andringende Gefahr sichert / ist sicherlich werth / daß man es hoch schätze / und vor allen ungegründeten Verleumbdungen schütze. Dieses bewerckstelligt die Fecht-Kunst / welche ihre Lehr-Schüler tüchtig und tauglich macht / die angebrachte Stöß und Streiche ihrer Gegner und Feinde abzuwenden / und dadurch ihren Leib / ja gar öffters das Leben zu retten; So muß ihr ja warlich auch ihr gehöriges Lob gesprochen / und solche denen Adelichen Übungen mit beygezehlet werden.

Ihr Ursprung scheint so alt zu seyn / als die Erfindung der Waffen / indem vermuthlich / so gleich als selbige zum tödtlichen und schädlichen Gebrauch gewendet worden / man auch begonnen / auf Mittel und Wege zu gedencken / solche angedrohte Schläge und Streiche auszunehmen / und zu verwehren. Die Kriege haben diese Kunst befördert / und die Zwey-Kämpff nach und nach eine Vollkommenheit ihr zugewendet. Bey denen Griechen erhielt sie die erste Kunst-Regeln / und vergnügte man sich Anfangs mit den blossen Schatten / Pfahl und unempfindlichen Stöcken einen Gegen- und Wett-Streit zu halten / biß endlich diese zu Abtreibung feindlicher Gewalt gewiedmete Kunst gemißbraucht / und zur schädlichen Verletzung seines Gegners / und schändlichen Gewinnsucht angeführet und verleitet worden. Dann gleich wie der Mißbrauch alles das Gute verschlimmert / und das nützlichste in das schlimmste verwandelt / so ist es auch mit dieser Kunst der Beschützung des Menschlichen Cörpers dahin gediehen / daß die Griechen Fechter und Fecht-Plätze angestellet / worinnen sich einige um eitle Ehr der Überwindung / ja gar umb schnöden Gewinns willen / biß auf das Blut gebalget / und zum scheußlichen Schauspiel dargestellet.

Die Thorheit der Griechen gerieth endlich so weit hinaus / daß sie kein Gastmahl für stattlich noch wohlbewirtet hielten / wo nicht solche Fechter zugegen gewesen / und nebst dem Mund / auch die Augen bey der Gastung vergnüget worden. Rom / gleichwie es von denes Griechen andere Laster geerbet / als schliche auch dieses mit ein / und wurden die Fechter / nach Erbauung der Stadt Rom / in 490. Jahr unter dem Bürgermeister-Amt Ap. Claudii und M. Fulvii öffentlich eingeführet / jedoch unter dem scheinbaren Vorwand / als ob die Söhne M. und D. Bruti die Asche ihres Vaters damit beehren wolten. Unerwogen es folglich auch dahin gediehen / daß man bey Einäscherung Römischer hohen Standes-Personen / so wohl männlich als weiblichen Geschlechts / verschieden Paar solcher Fechter bestellet / die mit Vergiessung ihres Bluts / die Einäscherun des todten Leichnams verherrlichen müssen.

Es nahm endlich die Anzahl dieser Fechter in Rom ungemein überhand / und wuchs auch bey ihrer Anzahl ihre Grausamkeit / daß sie öfters nicht abliessen / biß beyde todt zur Erden hinfielen; und so ja das Glück einem das Leben gönnte / so fiel der Überwinder auf den Überwundenen / soge in vollem Grimm das noch übrige Blut aus den Adern / und verschluckte die übrige Lebens-Geister des mit dem Tod Ringenden.

Ich achte vor unnöthig / die Arten dieser Fechetr zu beschreiben / indem man sie in Secutores, Retiarios, Threces, Myrmillones, Hoplomachos, Samnites, Dimachaeros, Laquearios, Suppofiticios, Meridianos, und weiß nicht was vor Arten entsondert / wovon der geneigte Leser genugsamen Bericht in des höchst-fürtrefflichen Lipsii Saturnal. Serm. Libr. II. einziehen kann.

Ja das weibliche Geschlecht entblödete sich so gar nicht / auch mit in die Fecht-Zunfft einzumischen / und da sie sonst das kalte Eisen scheuen / trieb sie der Hochmuth darzu / daß sich offentlich / und zwar nicht etwan nur gemeines und heßliches / sondern das schönste Frauenzimmer in Fecht-Plätzen / mit den schärffsten Schwerdtern versehen / blicken liessen / biß endlich ein Rathschluß unter Kayser Servero diesen Hochmuth der Weiber in Fechten gedämpffet.

Es kam aber bey den Römern dieses Fechten in solche eine Hochachtung / daß so gar Kayser Commodus sich nicht gescheuet / mit Hindansetzung seiner Kayser-Würde / selst auf dem Kampff-Platz zu erscheinen / und vor allem das Volck gleich einem gemeinen Fechter sich herumb zu schlagen / wie Julius Capitolinus solche verzeichnet gelassen.

So sind auch in den Büchern und Schriften der Poeten und Geschichts-Schreiber die Namen vieler Fechtmeister / so selbige Zeiten geblühet / und viel Lehrling erzogen / berühmt / worunter wir nur Martianum, Vejanium, Hersennium & Pacidianum berühren wollen. Endlich ward der fromme Kayser Antoninus bewogen / nach Dions Bezeugnuß / den Fechtern zu verbieten / daß sie hinführo nicht mehr mit scharfen / sondern mit stumpffen Schwerdtern fechten sollten / um wo nicht einige Verwundungen / doch wenigstens Beschädigungen an dem Leben zu verhüten.

Nerva war gleichfalls kein Liebhaber von ihnen / und hat / wann Zonarae zu glauben wäre / sie abgeschafft / welches aber andere Geschicht-Schreiber zu vernichtigen / und dahero vermuthen machen / es habe Nerva nur ihre Anzhal verringert / und die grosse Geschenke / so man ihnen gereichet / abgeschafft. Biß endlich Constantinus der grosse und Christliche Kayser diesen heydnischen Mißbrauch / nach Sozomeni und Eusebii Zeugnüß / gänßlich vertilget. Wiewohl nach und nach immer dieser Zunfft sich gerühret / auch noch heut zu Tag in denen so genannten Klopf-Fechtern / die sich in Feder-Fechter und Marx-Brüder entsondern / übrig und lebendig zu seyn scheinen.

Es ist aber durch diese abgeschaffte Fechter-Zunft die zierliche und zu Beschützung des Leibs benöthigte Fecht-Kunst eben so wenig verwiesen worden / als die Artzney-Kunst von der Stadt Rom / wie von einigen ungegründet vorgeben werden wollen / welche die Servos Medicos, oder Handlanger der Ärtzte / von den Medicis selbst nicht zu entscheiden gewust / sondern grosse Herren haben sie jederzeit geliebt / und der Adel sich trefflich darinnen geübt; Dahero dann an grosser Potentaten und Printzen Höfen sowohl als berühmten Academien für ein hochnöthiges Werk geachtet worden / erfahrne Fechtmeister zu halten / und mit erklecklichen Besoldungen zu versehen / welche die adeliche Jugend in dem Degen auf den Stoß und Hieb unterweisen / und nicht so wohl zur Verletzung ihres Gegners / als Ausnehmung dessen Streichs und Stosses belehren möchten.

Ist demnach eines treuen Fechtmeisters Amt / seinem Lehrling vor allem / ein seiner Statur und Beschaffenheit des Cörpers anständiges und vortheilhaftes Läger und Positur anzugewöhnen / folglich dessen Stärcke und Vorthei klüglich auszuforschen / und so dann seine Lectionen darnach einzurichten. Ferner seinen Lehrlingen alle Streich und Stösse zu zeigen / damit sie die rechte von den falschen entscheiden / und im Gegenfechten gehöriger massen ausnehmen und parieren können; Über das auch ihnen anzugewöhnen / niemahls ohne gebührliche Vorsicht und Hut sich aus den Vortheil zu geben / und sich zu blösen / sondern so gleich / nach angebrachtem Hieb oder Stoß / in hurtiger Stellung sein gehöriges Lager zu wehlen / seines Gewehrs Spitze seines Gegners Augen zu bieten / und durch seine vortheilhaffte Postur selbigen von sich abzuhalten. Ingleichen ist auch höchstnotwendig / das durch Geschwindigkeit und Vorteilhafte Hurtigkeit zu bewerckstelligen / was den andern die Stärcke von sich selbst darbeut. Ich gehe mit allem Fleiß die bey denen Fechtmeistern bekannte Französische und Italiänische Kunst-Wörter vorbey / weil selbige vielleicht bey dem Teutschen Liebhaber einen Eckel erregen / und dieses Werk so lediglich zu des geneigten Lesers Ergötzen / nicht aber zur Unterweisung einer Kunst angesehen / dadurch verdrüßlich machen möchten. Doch wird ein Liebhaber hievon sich in verschiedenen Fechtbüchern in allerhand Sprachen / so offentlich an den Tag liegen / sich Raths erholen können.

Was den Nutzen dieser Kunst anbelanget / entdeckt sich selbiger schon aus bißher-erwehnten / daß sie nemlich den Cörper des Menschen bequem mache / denen feindlichen Anfällen zu begegnen / und die versetzende Streich gebührlich auszunehmen / anbey auch / so es die Noth erfordert / sich gegen mehr als einen zu wehren / und die angedrohte Gefahr auf der androhenden selbst-eigenen Nacken zu wetzen. Ferner bringt auch diese Kunst eine nicht geringe Stärcke und Fertigkeit den Körper zu weeg / so daß offt ein / dem Ansehen nach / schwache Person / die aber des Fechtens wohl kundig / den stärcksten Mann durch fertige Geschwindigkeit zu bemeistern fähig.

Letztlich ist auch diese Übung der Gesundheit / so sie anderst nicht überässig getrieben wird / beförderlich / indem es den Umlauff des Geblüths desto mehrers befördert / die unempflindliche Ausdufftung zu weiterer Ausstossung der unnützlichen Feuchtigkeiten nöthigt / und dadurch verhindert / daß die Feuchtigkeiten in dem Cörper sich nicht anhäuffen / und entweder zu Verstopffungen / oder zu einer unbequemen Dickleibigkeit Anlaß geben.