Donnerstag, 28. Juli 2011

Paulus Hector Mair: Prachtkompendium Mscr.Dresd. C.93 / C.94 vollständig digitalisiert

von Jan Schäfer

Das Prachtkompendium Mscr.Dresd.93/94 des Augsburger Bürgers Paulus Hector Mair (1517-1579)  liegt nun vollständig digitalisiert in der Staats- und Universitätsbibliothek Dresden vor.
Das auf um 1540 datierte Werk ist eines von drei Prachtkompendien (alle zweibändig), die der Augsburger Bürger Paulus Hector Mair um die Mitte des 16. Jahrhunderts im Abstand mehrerer Jahre anfertigen ließ. Die anderen Ausgaben liegen heute in München (Cod.icon. 393(1 und Cod.icon. 393(2) und Wien (Cod. 10825 [pdf]  und Cod.10826).  (1)

Alle drei Kompendien sind sehr umfangreich und enthalten jeweils eine Vielzahl an Waffenstücken zum langem Schwert, Dussack, Stange, langem Spieß, Hellebarde, Sense, Dreschflegel, Knüppel, Dolch, Ringen, Rapier, Mordaxt sowie dem Fechten im Harnisch zu Fuss und zu Roß und dem Fechten ungleicher Waffen gegeneinander.

So prächtig und opulent die Kompendien sind, ihre Anfertigung hat eine dunkle Seite: Da alle drei Werke Unsummen an Geld kosteten, veruntreute Paulus Hector Mair Geld aus der Stadtkasse (aber nicht nur für die Herstellung der Bücher, sondern auch für seinen teuren Lebensstil). Der Betrug flog auf und Mair wurde im Alter von 62 Jahren 1579 in Augsburg gehängt. (2) (3)

Anmerkungen

(1) Vgl. zur Geschichte der Mair-Werke: Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters Band 4/2, Lfg. 1/2: 38: 38. Fecht- und Ringbücher. Bayerische Akademie der Wissenschaften 2009.
(2) Vgl. zum Leben von Paulus Hector Mair: Hills, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Verlag Peter Lang, 1985.
Aktualisiert (vielen Dank an Eric Wiggins, Ben Floyd und Roger Norling):
(3) Kolorierte Federzeichnung „Am 10. Dezember 1579 wurde der Finanzminister der Stadt Augsburg wegen Veruntreuung hingerichtet“, aus der Handschrift des Johann Jakob Wick: Sammlung von Nachrichten zur Zeitgeschichte aus den Jahren 1560-87. [Quelle]

Dienstag, 5. Juli 2011

Jéann Daniel L'Ange - ein Fechtmeister aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts

von Jan Schäfer

Jéann Daniel L'Ange (hier auf einer Abbildung in seinem Fechtbuch), geboren in Darmstadt, war Fechtmeister der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der in Heidelberg und später in Marburg unterrichtete.

Zu seinen Lebensdaten ist wenig bekannt. In Darmstadt ist er in unbekanntem Jahr geboren worden.  Sicher scheint, dass er sich einige Zeit lang in Italien aufhielt, denn in seinem Fechtbuch schreibt er im Kapitel über das Caminiren (Anm.: eine besondere Fechttechnik): "Dieses caminiren hab ich vor diesem in Italien gelernet / auch offtermahls practicirt" (vgl. Kapitel 31 seines Werkes).

Vermutlich um 1655 wurde er von Karl Ludwig I. von der Pfalz (1617-1680) zum kurfürstlich pfälzischen Hof- und Universitätsfechtmeister bestellt (als Universitätsfechtmeister womöglich in der Nachfolge von Johann Georg Bruch). In seinem Amt als Hof- und Universitätsfechtmeister unterrichtete Jéann Daniel L'Ange an der Universität Heidelberg die Studenten und in gleicher Weise am kurpfälzischen Hof den Prinzen Karl II. von der Pfalz und die Edelpagen in der Fechtkunst. Während seiner Zeit in Heidelberg gab er auch sein Fechtbuch mit dem Titel „Deutliche und gründliche Erklärung der Adelichen und Ritterlichen freyen Fecht-Kunst“ [zum Digitalsat im Göttinger Digitalisierungszentrum] in Druck.

Jéann Daniel L'Ange hat bis zum Jahr 1664 (dem Erscheinungsjahr seines Fechtbuches) mit eigenen Worten „nicht nur etliche wenige / sondern etliche hundert“ hohe und niedere Standespersonen „an unterschiedlichen Orthen / in dieser Adelichen Fechtkunst informiret, und zu guten Fechtern gemacht“ und „mit dieser Adelichen Fechtkunst / bereits auff dreyzehn mahl meine Probe in gegenwarth vieler grosser Herren / an unterschiedlichen Orten gethan / und allemahl glücklich obgesieget“.

Der Fechtmeister L'Ange war neben dem Degenfechten auch „in anderen exercitiis, als mit der Picque, Musqueten, wie auch Voltisiren und Fahnen schwingen [...] erfahren / darzu auch einen lernen kan / wie man ein Regiment zu Fuß ins Feldt soll stellen / welches ich nicht allein auff underschiedlichen Academien exercirt, sondern auch im Felde practicirt“. In seinem Fechtbuch, dass er „nechst Göttlicher Hülffe / auß selbst erlangter erfahrung / Reisen / Kosten und fleiß in meiner Jugend / anjetzo nach einer guten ordnung / Meinen Herrn Scholaren, auch andern meinen sonderbahren Freund und Gönnern schuldigst communiciren wollen“, behandelt er jedoch nur den Zweikampf zu Fuß mit dem Degen.

Sein Werk wurde erstmals im Jahr 1664 bei Adrian Weingarten in der Heidelberger Universitätsdruckerei aufgelegt. Es erhielt den Titel „Deutliche und gründliche Erklärung der Adelichen und Ritterlichen freyen Fecht-Kunst / Lectionen auff den stoß / und deren gebrauchs eigentlicher Nachricht. Auff die rechte Italianische Art und manir, in dieses Tractätlein verfaßt / und mit nothwendigen Kupfferstücken nach möglichkeit gezieret und vor Augen gestelt“. Das Buch ist Karl II. von der Pfalz zum Dank dafür gewidmet, dass ihn dessen Vater Karl Ludwig I. als Hof- und Universitätsfechtmeister vor vielen Jahren in Dienst genommen hatte.

Das Buch ist 145 Seiten stark (81 Seiten Text, 61 Abbildungen). Auf diesen stellt L'Ange eine Vielzahl von Lektionen wie das Stossen in den Handhaltungen Quart, Terz und Second (jedoch nicht in Prim), das Stringiren, Caviren,  Parieren, Faintieren, Passiren, Voltiren, Legiren sowie auch Entwaffnungen und Ringstücke mit dem Degen vor. L’Ange erwähnt weiterhin, auch außergewöhnliche Stücke zu beherrschen, etwa „wie man mit einem Degen gegen einen Puniar, Picque, Hellepart, Partisan und andere dergleichen Gewehr / auch wie man zu Fuß mit dem Degen in einer / und eine Pistol in der andern Hand sich verhalten / seinem Feinde begegnen / auch gar mit blossen Händen gegen einem stillet sich defendiren und wehren“ oder wie man „mit einem Degen der noch in der Scheyden steckt / seinem Feind zubeschädigen / ehe Er mit einer Pistoll einen Schuß thun mag. Und dan letztens / daß fast ohnglaublich scheinet / wie man einem den Degen kan an der seyten nehmen / ihne über den Kopf schlagen / oder gar in Leib stossen / und daß man ihn doch nicht auß der Scheiden ziehe“. Damit diese Stücke allerdings nicht zu vielen Menschen bekannt gemacht werden, hat L'Ange sie nicht schriftlich festgehalten. Man kann sie aber „underdessen gleichwohl zu seiner zeit in geheim“ von ihm erfahren, wie er an gleicher Stelle im Buch noch mitteilt.

Ein anderes Thema dagegen findet Eingang ins Buch: es ist die Wahl eines geeigneten Orts für das scharfe Duellfechten vor den Toren der Stadt. Weil seine Hinweise hierfür interessant zu lesen sind und es eine Seltenheit ist, dass in einem Fechtbuch solche Informationen zur Sprache kommen, wird das entsprechende Kapitel im Folgenden vollständig wiedergegeben.

"Cap. XXXVI.
Von einem bequemen Orth / im scharpff fechten zugebrauchen.

Demnach Ich nunmehr von allen Lectionibus auffs möglichst und nützlichste abgehandelt / auch deren application allen und jeden Liebhabern dieser Kunst / verhoffentlich zur gnüge / zwar kurz / jedoch verständlich zu erkennen gegeben / so ist dieses einige noch übrig / daß man von einem principal und nothwendigen stücke etwas meldung thue / nemblich / von einem bequemen orth / da man dem Adversario begegnen will / und soll man vornemlich auff vier Stück wohl achtng geben / wan man vor das Thor kombe und sich mit einem schlagen soll; Vorst Erste auff die Sonne / daß man sie auff den Rücken / der Adversarius aber selbige ins Angesicht bekomme / wodurch seine Augen geblendet werden / und man ihn desto eher verletzen kan.

Zweytens / auff die Berge / so man einen Berg hindersich vermerckt / so suche man bald einen sprng auff die lincke seiten zuthun / und den Feind dahin zu treiben / den vortheil wieder zu gewinnen / Ihme aber den seinen zubenehmen / wie dan bekand ist / daß man sich den Berg herab nicht defendiren kan mit dem Degen / aber gegen Berg kan man wohl einen treiben / biß er etwan verletzt oder zufall kommen ist.

Drittens / auff Wasser / Mauren oder Hecken; So man sich an deren einem mit dem Rücken befindet / muß man ebenmässig resolvirt sein / sich mit dem seyten sprung zu salviren, den Feind aber dahin zutreiben / welches ein grosses avantage ist.

Viertens / auff Pflasterstein / oder Kieselsteineren Wege / dan daselbst ist es nicht gut / man hat sich wohl zu hüten / daß man nicht an stosse / oder im langen außstossen nicht etwan zu fall komme / und dardurch verletzt werde. Welches aber der bequemste Ort sey / so man anderst die zeit haben kan / dem Feind zubegegnen / so hält mancher viel von einer grünen Wiesen / es ist aber nicht allzeit gut / besonders nachmittags / in deme die Sonne mit ihren Strahlen das Graß glatt gemacht hat / viel besser könte es Morgens an solchem orth seyn / wan das Graß noch naß ist; Aber meines, theils halte ich einen gepflügten / auch Saamen- oder Stoppel-Acker / oder Sandfeld das gleich ist / vor den besten und bequemsten platz / welches ich vielmals selber practicirt, und stäts gut zu sein befunden. So ist hierher zur nachricht beyzufügen wollen / ein jeder mag thun nach seinem bleiben / und wie es die zeit wird ertragen können."

Nachdem seine Anstellung in Heidelberg geendigt hatte, bekleidete Jéann Daniel L'Ange von 1678 bis 1682 das Amt des Fechtmeisters an der Universität Marburg. Seine Kinder und Enkel setzen die Familientradition fort und folgen ihrem Vater im Fechtmeisterberuf nach. In Marburg sind von 1705 bis 1738 Johann Moritz Lange und von 1738–1754 Dieterich Peter Lange als Fechtmeister (und Exercitienmeister) angestellt (vgl. die Liste der Fechtlehrer an der Universität Marburg bei Nail und Berschin, Seite 18).

Am Düsseldorfer Hof des Kurfürsten Johann Wilhelm Joseph Janaz von der Pfalz (1658-1716) diente Charl L'Ange (höchstwahrscheinlich ein Sohn von Jéann Daniel) als kurfürstlich pfälzischer Major und Exercitienmeister. Er legte im Jahr 1708 das Buch „Deutliche und gründliche Erklärung der Adelichen und Ritterlichen freyen Fecht-Kunst [...]“ in Düsseldorf neu auf.

Donnerstag, 7. April 2011

Die Gesellschaft Liechtenauers

von Jan Schäfer

In der Handschrift Cgm 1507 von Paulus Kal, die auf um 1470 datiert wird, findet sich auf Blatt 2r eine Liste von 18 Namen, die der Autor als Liechtenauer und dessen Gesellschaft bezeichnet. Im Originalwortlaut heißt es: „Hier hebt sich an die Kunst die Liechtenauer mit seiner Gesellschaft gemacht und gepraucht hat in aller ritterlicher Wehr das ihm Gott gnädig sei“.

Die Personen der Gesellschaft Liechtenauers

Genannt werden von Paulus Kal auf Blatt 2r:
  • Meister Johannes Liechtenauer
  • Meister Peter aus Danzig
  • Meister Lamprecht aus Prag
  • Meister Andreas Liegnitzer
  • Meister Sigmund Amring
  • Meister Martin Huntzfeld
  • Meister Philip Berger
  • Meister Peter Wildigans aus Glatz
  • Meister Hans Spindler aus Znaim
  • Meister Hans Seidenfaden aus Erfurt
  • Meister Jacob Liegnitzer
  • Meister Hartmann aus Nürnberg
  • Meister Hans Pegnitzer
  • Meister Virgili aus Krakau
  • Meister Dietrich aus Braunschweig
  • Meister Ott
  • Meister Stettner
  • Meister Paulus Kal
Doch was wissen wir über die genannten Personen im Einzelnen? Allgemein kann man sagen: über einige viel, über manche ein wenig, und über wieder andere gar nichts. Offensichtlich ist nur: dieser Personenkreis hat zusammen mit Johannes Liechtenauer eine Kunst des Fechtens „in aller ritterlicher Wehr“ „gemacht und gebraucht“.

Es folgt eine Darstellung der Meister und der über sie bislang bekannten Einzelheiten, zusammengetragen:


Eine Karte der Gesellschaft Lichtenauers 

Alle verfügbaren geographiebezogenen Daten habe ich zur besseren Übersicht in eine google map eingetragen und dort mit Kommentaren versehen.


Viele offene Fragen

Letztlich wirft Blatt 2r viele neue Fragen auf.

Wir kennen zwar nun dank Paulus Kal die Namen einer Gruppe von Personen, die einen direkten Bezug zu Johannes Liechtenauer hatten und der Art, dass sie gemeinsam die Kunst „gemacht und gebraucht“ haben. Doch wer genau waren diese Personen, die aus teilweise so weit voneinander entfernten Regionen Europas stammten? Von wenigen haben wir biographische Daten, die über den vermuteten Geburtsort hinausgehen, und von einigen fehlt selbst diese Information.

Von einer Handvoll der genannten Personen sind uns Handschriften über die Fechtkunst erhalten, nämlich von Peter aus Danzig, Siegmund Amring, Andreas Liegnitzer, Martin Huntzfeld, Paulus Kal.

Mit jener „Gesellschaft um Liechtenauer“ öffnet sich das Feld zu einem weiteren Fragekomplex. Die von Paulus Kal genannte Gruppe von 18 Einzelpersonen hat die Fechtkunst „gemacht und gebraucht“. Aber welcher Art war die Gesellschaft genau? In welcher Beziehung stand jede dieser Personen einzeln zu Johannes Liechtenauer, und wie war ihr Verhältnis untereinander? Wer hat die Lehre „gemacht“ und wer hat sie „gebraucht“? Es ist gut möglich, dass all diese von Kal als Meister bezeichneten Personen Schüler und Schülerschüler von Johannes Liechtenauer waren. Wenn dem so war, dann haben einige dieser Personen eine große Wegstrecke auf sich genommen, um von Meister Liechtenauer persönlich oder womöglich einem seiner direkten Schüler zu lernen.

Was zu der daran anschließenden Frage führt: Wer von den genannten Personen war direkter Schüler von Meister Lichtenauer, und wer womöglich Schülerschüler? Und wie eng war der Kontakt nach der Ausbildung? Wie eng war die „Gesellschaft um Lichtenauer“ vernetzt? Und zuletzt auch die Frage: Warum fehlen Zeitgenossen wie z.B. Hans Talhoffer oder der Jude Lew, die sich in ihren Handschriften ebenfalls auf Johannes Liechtenauer beziehen?

Forschungsliteratur:

Hagedorn, Dierk: Peter von Danzig: Transkription und Übersetzung der Handschrift 44 A 8. VS Books, 2008.

Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Peter Lang, 1985.

Welle, Rainer: "und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen": Der Ringkampf als adelige Kunst im 15. und 16. Jahrhundert. Centaurus, 1993.

Wierschin, Martin: Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens. Beck, 1965.

Dienstag, 8. März 2011

Rühmliche Exercitien: Der Fechtmeister in Christoph Weigels Ständebuch von 1698

von Jan Schäfer

Ein überaus interessantes zeitgenössisches Dokument über den Fechtmeisterberuf, das nicht aus der Hand eines Fechtmeisters selbst stammt, ist das Ständebuch „Der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände Von denen Regenten Und ihren So in Friedens- als Kriegs-Zeiten zugeordneten Bedienten an, biß auf alle Künstler Und Handwercker“ von 1698. Der Autor des Werkes, Christoph Weigel d. Ä. (1654-1725) war ein deutscher Kupferstecher und Kunsthändler, der seine Werkstatt in Nürnberg hatte (vgl. Rée, Paul Johannes, „Weigel, Christoph“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 41 (1896), S. 464-465).

Das Buch der "Gemein-Nützlichen Haupt-Stände" enthält in 14 Kapiteln die Beschreibungen zu 204 Berufen, jeder davon mit einem eigenen Kupferstich illustriert. Der Abschnitt über den Fechtmeister ist mit Abschnitten zu den Berufen Bereiter, Tanzmeister, Ballmeister und Jäger in dem Kapitel der „in rühmlichen Exercitien sich übenden Stände“ zusammengefasst. All diese Berufe zählt der Autor zu den adeligen Exercitien.

Das Kapitel über den Fechtmeister (Kap. VII, S. 175-178) ist in drei Teile gegliedert: (1) „Ursprung, Erfindung und Alterthum“, (2) „vornehmste Verrichtungen und Denkwürdigkeiten“, (3) „deroselben Notwendigkeit und Nutzbarkeit“.

Der Fechtmeister in Postur
Den Siegt erringt / wer sich bezwingt.
Den Lastern ihre Kräfte brechen,
und böse Lüste niederstechen,
ist eine Kunst weit über Geld.
Kein Sieg nützt ohne dieses Siegen
Wer anders ficht muß unten ligen
Lob-frönt ihn gleich die blinde Welt.
Was den Menschlichen Cörper schützet / und für die andringende Gefahr sichert / ist sicherlich werth / daß man es hoch schätze / und vor allen ungegründeten Verleumbdungen schütze. Dieses bewerckstelligt die Fecht-Kunst / welche ihre Lehr-Schüler tüchtig und tauglich macht / die angebrachte Stöß und Streiche ihrer Gegner und Feinde abzuwenden / und dadurch ihren Leib / ja gar öffters das Leben zu retten; So muß ihr ja warlich auch ihr gehöriges Lob gesprochen / und solche denen Adelichen Übungen mit beygezehlet werden.

Ihr Ursprung scheint so alt zu seyn / als die Erfindung der Waffen / indem vermuthlich / so gleich als selbige zum tödtlichen und schädlichen Gebrauch gewendet worden / man auch begonnen / auf Mittel und Wege zu gedencken / solche angedrohte Schläge und Streiche auszunehmen / und zu verwehren. Die Kriege haben diese Kunst befördert / und die Zwey-Kämpff nach und nach eine Vollkommenheit ihr zugewendet. Bey denen Griechen erhielt sie die erste Kunst-Regeln / und vergnügte man sich Anfangs mit den blossen Schatten / Pfahl und unempfindlichen Stöcken einen Gegen- und Wett-Streit zu halten / biß endlich diese zu Abtreibung feindlicher Gewalt gewiedmete Kunst gemißbraucht / und zur schädlichen Verletzung seines Gegners / und schändlichen Gewinnsucht angeführet und verleitet worden. Dann gleich wie der Mißbrauch alles das Gute verschlimmert / und das nützlichste in das schlimmste verwandelt / so ist es auch mit dieser Kunst der Beschützung des Menschlichen Cörpers dahin gediehen / daß die Griechen Fechter und Fecht-Plätze angestellet / worinnen sich einige um eitle Ehr der Überwindung / ja gar umb schnöden Gewinns willen / biß auf das Blut gebalget / und zum scheußlichen Schauspiel dargestellet.

Die Thorheit der Griechen gerieth endlich so weit hinaus / daß sie kein Gastmahl für stattlich noch wohlbewirtet hielten / wo nicht solche Fechter zugegen gewesen / und nebst dem Mund / auch die Augen bey der Gastung vergnüget worden. Rom / gleichwie es von denes Griechen andere Laster geerbet / als schliche auch dieses mit ein / und wurden die Fechter / nach Erbauung der Stadt Rom / in 490. Jahr unter dem Bürgermeister-Amt Ap. Claudii und M. Fulvii öffentlich eingeführet / jedoch unter dem scheinbaren Vorwand / als ob die Söhne M. und D. Bruti die Asche ihres Vaters damit beehren wolten. Unerwogen es folglich auch dahin gediehen / daß man bey Einäscherung Römischer hohen Standes-Personen / so wohl männlich als weiblichen Geschlechts / verschieden Paar solcher Fechter bestellet / die mit Vergiessung ihres Bluts / die Einäscherun des todten Leichnams verherrlichen müssen.

Es nahm endlich die Anzahl dieser Fechter in Rom ungemein überhand / und wuchs auch bey ihrer Anzahl ihre Grausamkeit / daß sie öfters nicht abliessen / biß beyde todt zur Erden hinfielen; und so ja das Glück einem das Leben gönnte / so fiel der Überwinder auf den Überwundenen / soge in vollem Grimm das noch übrige Blut aus den Adern / und verschluckte die übrige Lebens-Geister des mit dem Tod Ringenden.

Ich achte vor unnöthig / die Arten dieser Fechetr zu beschreiben / indem man sie in Secutores, Retiarios, Threces, Myrmillones, Hoplomachos, Samnites, Dimachaeros, Laquearios, Suppofiticios, Meridianos, und weiß nicht was vor Arten entsondert / wovon der geneigte Leser genugsamen Bericht in des höchst-fürtrefflichen Lipsii Saturnal. Serm. Libr. II. einziehen kann.

Ja das weibliche Geschlecht entblödete sich so gar nicht / auch mit in die Fecht-Zunfft einzumischen / und da sie sonst das kalte Eisen scheuen / trieb sie der Hochmuth darzu / daß sich offentlich / und zwar nicht etwan nur gemeines und heßliches / sondern das schönste Frauenzimmer in Fecht-Plätzen / mit den schärffsten Schwerdtern versehen / blicken liessen / biß endlich ein Rathschluß unter Kayser Servero diesen Hochmuth der Weiber in Fechten gedämpffet.

Es kam aber bey den Römern dieses Fechten in solche eine Hochachtung / daß so gar Kayser Commodus sich nicht gescheuet / mit Hindansetzung seiner Kayser-Würde / selst auf dem Kampff-Platz zu erscheinen / und vor allem das Volck gleich einem gemeinen Fechter sich herumb zu schlagen / wie Julius Capitolinus solche verzeichnet gelassen.

So sind auch in den Büchern und Schriften der Poeten und Geschichts-Schreiber die Namen vieler Fechtmeister / so selbige Zeiten geblühet / und viel Lehrling erzogen / berühmt / worunter wir nur Martianum, Vejanium, Hersennium & Pacidianum berühren wollen. Endlich ward der fromme Kayser Antoninus bewogen / nach Dions Bezeugnuß / den Fechtern zu verbieten / daß sie hinführo nicht mehr mit scharfen / sondern mit stumpffen Schwerdtern fechten sollten / um wo nicht einige Verwundungen / doch wenigstens Beschädigungen an dem Leben zu verhüten.

Nerva war gleichfalls kein Liebhaber von ihnen / und hat / wann Zonarae zu glauben wäre / sie abgeschafft / welches aber andere Geschicht-Schreiber zu vernichtigen / und dahero vermuthen machen / es habe Nerva nur ihre Anzhal verringert / und die grosse Geschenke / so man ihnen gereichet / abgeschafft. Biß endlich Constantinus der grosse und Christliche Kayser diesen heydnischen Mißbrauch / nach Sozomeni und Eusebii Zeugnüß / gänßlich vertilget. Wiewohl nach und nach immer dieser Zunfft sich gerühret / auch noch heut zu Tag in denen so genannten Klopf-Fechtern / die sich in Feder-Fechter und Marx-Brüder entsondern / übrig und lebendig zu seyn scheinen.

Es ist aber durch diese abgeschaffte Fechter-Zunft die zierliche und zu Beschützung des Leibs benöthigte Fecht-Kunst eben so wenig verwiesen worden / als die Artzney-Kunst von der Stadt Rom / wie von einigen ungegründet vorgeben werden wollen / welche die Servos Medicos, oder Handlanger der Ärtzte / von den Medicis selbst nicht zu entscheiden gewust / sondern grosse Herren haben sie jederzeit geliebt / und der Adel sich trefflich darinnen geübt; Dahero dann an grosser Potentaten und Printzen Höfen sowohl als berühmten Academien für ein hochnöthiges Werk geachtet worden / erfahrne Fechtmeister zu halten / und mit erklecklichen Besoldungen zu versehen / welche die adeliche Jugend in dem Degen auf den Stoß und Hieb unterweisen / und nicht so wohl zur Verletzung ihres Gegners / als Ausnehmung dessen Streichs und Stosses belehren möchten.

Ist demnach eines treuen Fechtmeisters Amt / seinem Lehrling vor allem / ein seiner Statur und Beschaffenheit des Cörpers anständiges und vortheilhaftes Läger und Positur anzugewöhnen / folglich dessen Stärcke und Vorthei klüglich auszuforschen / und so dann seine Lectionen darnach einzurichten. Ferner seinen Lehrlingen alle Streich und Stösse zu zeigen / damit sie die rechte von den falschen entscheiden / und im Gegenfechten gehöriger massen ausnehmen und parieren können; Über das auch ihnen anzugewöhnen / niemahls ohne gebührliche Vorsicht und Hut sich aus den Vortheil zu geben / und sich zu blösen / sondern so gleich / nach angebrachtem Hieb oder Stoß / in hurtiger Stellung sein gehöriges Lager zu wehlen / seines Gewehrs Spitze seines Gegners Augen zu bieten / und durch seine vortheilhaffte Postur selbigen von sich abzuhalten. Ingleichen ist auch höchstnotwendig / das durch Geschwindigkeit und Vorteilhafte Hurtigkeit zu bewerckstelligen / was den andern die Stärcke von sich selbst darbeut. Ich gehe mit allem Fleiß die bey denen Fechtmeistern bekannte Französische und Italiänische Kunst-Wörter vorbey / weil selbige vielleicht bey dem Teutschen Liebhaber einen Eckel erregen / und dieses Werk so lediglich zu des geneigten Lesers Ergötzen / nicht aber zur Unterweisung einer Kunst angesehen / dadurch verdrüßlich machen möchten. Doch wird ein Liebhaber hievon sich in verschiedenen Fechtbüchern in allerhand Sprachen / so offentlich an den Tag liegen / sich Raths erholen können.

Was den Nutzen dieser Kunst anbelanget / entdeckt sich selbiger schon aus bißher-erwehnten / daß sie nemlich den Cörper des Menschen bequem mache / denen feindlichen Anfällen zu begegnen / und die versetzende Streich gebührlich auszunehmen / anbey auch / so es die Noth erfordert / sich gegen mehr als einen zu wehren / und die angedrohte Gefahr auf der androhenden selbst-eigenen Nacken zu wetzen. Ferner bringt auch diese Kunst eine nicht geringe Stärcke und Fertigkeit den Körper zu weeg / so daß offt ein / dem Ansehen nach / schwache Person / die aber des Fechtens wohl kundig / den stärcksten Mann durch fertige Geschwindigkeit zu bemeistern fähig.

Letztlich ist auch diese Übung der Gesundheit / so sie anderst nicht überässig getrieben wird / beförderlich / indem es den Umlauff des Geblüths desto mehrers befördert / die unempflindliche Ausdufftung zu weiterer Ausstossung der unnützlichen Feuchtigkeiten nöthigt / und dadurch verhindert / daß die Feuchtigkeiten in dem Cörper sich nicht anhäuffen / und entweder zu Verstopffungen / oder zu einer unbequemen Dickleibigkeit Anlaß geben.