Mittwoch, 28. Dezember 2011

Aus einem Bücherverzeichnis der Enslin'schen Buchhandlung von 1824: Fechtkunst

von Jan Schäfer

Der aus Süddeutschland stammende Theodor Johann Christian Friedrich Enslin (1787-1851) war gelernter Buchhändler und später auch selbstständiger Verleger. Seine bibliographischen Recherchen als Buchhändler sind für die Erforschung der Fechtgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts von hohem Wert.

Über sein Leben gibt die die Allgemeine Deutsche Biographie Auskunft: Lülfing, Hans, „Enslin, Theodor Johann Christian Friedrich“, in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 539 f.

Enslin interessierte sich aus Berufsgründen natürlich für alle Arten von Büchern. In jahrelangen Recherchen stellte er als Berliner Buchhändler die Mehrzahl der seinerzeit verfügbaren Bücher in thematisch geordneten Katalogen zusammen und veröffentlichte sie als Bücherverzeichnisse der Enslin‘schen Buchhandlung.

Eine Auswahl:
  • Bibliothek der schönen Wissenschaften [Scan]
  • Bibliothek der Forst- und Jagdwissenschaft [Scan]
  • Bibliothek der Handlungswissenschaften [Scan]
  • Bibliothek der Kriegswissenschaften [Scan]

In der erwähnten „Bibliothek der Kriegswissenschaften oder Verzeichniß aller brauchbaren, in älterer und neuerer Zeit, bis zur Mitte des Jahres 1824 in Deutschland und Frankreich erschienenen Bücher über die Kriegskunst und Kriegsgeschichte, und über deren nöthigste Hülfswissenschaften, ...“ hat Enslin dem Leser auf 99 Seiten zu den Themen Kriegswissenschaft und Kriegsgeschichte, Fechtkunst, Reitkunst, Pferdewissenschaft, Schwimmkunst und Mathematik an Büchern zusammengetragen, „was in deutscher Sprache, besonders in neueren Zeiten erschienen ist“ [n. Enslin].

Für die Fechtkunst listet Enslin 20 Werke von überwiegend deutschen Autoren auf, die sich entweder mit dem Fechten auf den Stoß oder auf den Hieb befassen (einige wenige Bücher behandeln sowohl das eine als auch das andere). Alle Fechtbücher lassen sich dem Universitäts- oder dem Militärfechtwesen zuordnen. Bemerkenswert ist, dass die ältesten der Fechtbücher bereits im 18. Jahrhundert das erste Mal aufgelegt worden sind: Johann Andreas Schmidt 1713 in Nürnberg (s. auch Artikel über Johann Andreas Schmidt), Anton Friedrichs Kahn 1739 in Heidelberg und Siegmund Carl Friedrich Weischner 1765 in Weimar.

Enslins Liste zur Fechtliteratur ermöglicht es uns, im einzelnen zu überblicken, welche Fechtbücher im Jahr 1824 auf dem deutschsprachigen Büchermarkt erhältlich waren und wie viel Geld man in einer damaligen Buchhandlung wie der Enslin'schen auf den Ladentisch legen musste, um ein Exemplar zu erwerben. Enslin konnte in seiner Berliner Buchhandlung, so berichtete er selbst im Vorwort, jedes der aufgelisteten Bücher zu den angegebenen Preisen für seine Kunden beschaffen. Die Preise im Verzeichnis gibt er sowohl nach der üblichen Berechnung zu 24 guten Groschen und nach preußischen Silbergroschen (30 auf einen Thaler) an.

Hier die Liste mit allen Büchern:
  • Duval, J.: Theoretische Anweisung zur Fecht- und Voltigirkunst; mit 60 Figuren. München: Verlag Fleischmann. 2 Reichstaler 15 Silbergroschen oder 2 Reichstaler 12 gute Groschen. [Scan]
  • Eiselen, C. W. B.: Das deutsche Hiebfechten. Berlin: Verlag Dümmler. 12½ Silbergroschen oder 10 gute Groschen
  • Unbekannt: Die Fechtkunst auf Universitäten; mit Kupfern. Kothen: Verlag Aue. 11½ Silbergroschen oder 9 gute Groschen.
  • Kahn, A. F.: Anfangsgründe der Fechtkunst; mit vielen Kupfern. Leipzig: Verlag Weygand. 2 Reichstaler 5 Silbergroschen oder 2 Reichstaler 4 gute Groschen.
  • v. Pöllnitz, G. L.: Das Hiebfechten zu Fuß und zu Pferde; ein nöthiges Handbuch für alle diejenigen, welche jungen Cavalleristen Unterricht in der Fechtkunst zu geben haben, so wie auch für alle Freunde dieser Kunst. Halberstadt: Verlag Vogler. 15 Silbergroschen oder 12 gute Groschen.
  • Pönitz, C. Ed.: Die Fechtkunst auf den Stoß; nach den Grundsätzen des Herrn von Selmnitz und einiger andern Lehrer dieser Kunst. Dresden: Verlag Arnold. 26 ½ Silbergroschen oder 21 gute Groschen.
  • Ranis, H. L.: Anweisung zum Fechten; mit Kupfern. Berlin: Verly Mylius. 20 Silbergroschen oder 16 gute Groschen.
  • Pour, J. W. D.: Deutsche Fechtkunst, oder Anweisung zum Stoßfechten. Leipzig: Verlag Barth. 26 ½ Silbergroschen oder 21 gut Groschen. [Anm.: Autor geändert, siehe Kommentare]
  • Unbekannt: Anweisung über das Hiebfechten. Nürnberg: Verlag Campe. 15 Silbergroschen oder 12 gute Groschen.
  • Roux, J. A. K.: Anleitung zum Stoßfechten; mit Kupfern. Jena: Verlag Hennings. 26 ½ Silbergroschen oder 21 gute Groschen. [Anm.: Autor geändert, siehe Kommentare]
  • Schmidt, J. A.: Fechtkunst auf Stoß und Hieb; mit 82 Figuren. Nürnberg: Schneider und W. 15 Silbergroschen oder 12 gute Groschen.
  • Fechtkunst für die Cavallerie; mit Kupfern. Berlin: Verlag Maurer. 1 Reichstaler.
  • Schmidt, J. F.: Gründliche Anweisung der deutschen Fechtkunst auf Stoß und Hieb. Dresden: Verlag Arnold.
  • Unbekannt: Theorie der Fechtkunst; eine analytische Abhandlung sämmtlicher Stellungen, Stöße, Paraden, Finten u.f.w. überhaupt aller Bewegungen im Angriff und der Vertheidigung; nach dem „traité d’escrime par le Chevalier Chatelein“ frei bearbeitet; nebst einer Anleitung über das Hiebfechten von Anton Küpscher und Franz Gömmel; mit 2 Uebersichtstabellen und 20 bildlichen Darstellungen. Wien: Verlag Strauß. 2 Reichstaler 7½ Silbergroschen oder 8 (2?) Reichstaler 6 gute Groschen.
  • Timlich, Ch. L.: Abhandlung der Fechtkunst auf den Stoß; mit Kupfern. Wiehn: Verlag Rehm. 2 Reichstaler 20 Silbergroschen oder 2 Reichstaler 16 gute Groschen.
  • Unbekannt: Unterricht zum Gebrauch des Seitengewehrs für die Cavallerie; mit 6 Kupfern. Leipzig: Verlag Ind. Comt. 15 Silbergroschen oder 12 gute Groschen.
  • Venturini, G.: Fechtkunst auf den Stoß und Hieb. Hannover: Verlag Hahn. 20 Silbergroschen oder 16 gute Groschen.
  • Unbekannt: Versuch über das Contrafechten auf die rechte und linke Hand nach Kreußlerschen Grundsätzen. Jena: Verlag Cröker. 11½ Silbergroschen der 9 gute Groschen.
  • Weischner, C. F.: Ritterliche Geschicklichkeit im Fechten durch ungezwungene Stellungen, mit 30 Kupfern. Weimar: Verlag Hoffmann.
  • Werner: J. A. L.: Versuch einer theoretischen Anweisung zur Fechtkunst im Hiebe; mit 20 Kupfern. Leipzig: Verlag Hartmann. 1 Reichstaler 20 Silbergroschen oder 1 Reichstaler 16 gute Groschen. [Scan]

Dienstag, 6. Dezember 2011

Der Exercitienmeister Johann Georg Paschen (1628-1678)

von Jan Schäfer

Johann Georg Paschen (auch: Pascha, Pasch) wurde am 9. September 1628 in Dresden als Sohn des Johann Paschen und seiner Frau Magdalena Frauenstein geboren. Zur Welt gekommen in den unruhigen Zeiten des 30-jährigen Krieges, führte ihn sein Weg über Zittau, Berlin, Stettin, Greifswald, Rostock und Wittenberg schließlich in das Erzstift Magdeburg, wo er ab 1662 bis zu seinem Tode im September 1678 das Amt des Pagen-Exercitenmeisters versah.

Am 4. September 1678 wurde Johann Georg Paschen beigesetzt. Die Leichenpredigt hielt der Fürstlich Magdeburgische Dom-Prediger Christoph Schradern (Predigt abgedruckt in: Salfeldische Schriften 1678). Der Lebensweg des Fecht- und Exercitienmeisters wird in jener Predigt ausführlich nachgezeichnt. Dieser Abschnitt soll im Folgenden wiedergegeben werden.

"Und zwar den Anfang zu machen von dem Eintritt in diese Welt / so ist der seel. Herr Hoffmeister in der Churfürstl. Residentz-Stadt Dreßden im Jahr 1628. den 9. Septemb. gebohren / und sein lieber Vater gewesen Herr Johann Pasche / Churfürstl. Sächs. Hoffbedienter / die Mutter aber Fr. Magdalena Frauensteinin / beyde nunmehr in Gott seelig ruhend. Der Großvater auf Väterlicher Seite ist Herr. M. Joachim Pasche / wohlverdienter Pastor Primarius zur Sittau / der Großvater von der Mutter / Herr Georg Frauenstein / Rathsverwandter und Handelsmann in Dreßden. Der Elter Herr Vater vom Vater ist gewesen Chrufürstl. Brandenb. Oberhoff-Predige zu Berlin. Obgemelten seinen Eltern war nicht unbewust / daß Kinder eine Gabe des Herrn / und Leibes-Frucht sein Geschenk sey (Pf. 127/3.) darum nahmen sie diesen von Gott beschenckten Sohn von seiner Hand mit Danck an / und beförderten ihn bald nach der leiblichen Geburt zur geistlichen Wiedergeburt der Heil. Taufe / ließen sich auch bey zunehmenden Jahren seine und des andern Geschwisters gute Aufferziehung bestens angelegen seyn. Wiewohl sie nun wegen damahligen kümmerlichen Zeiten / ihn weiter beym studiren zu lassen nicht gesonnen waren / und gern gesehen hetten / daß er ein Handwerk erlernet / so fande doch der selig Verstorbene eine innerliche Neigung zu den studiis, deswegen begab er sich mit ihrer Bewilligung nach Zittau zu seinem Vätter / in Meinung / die zum studiren nöthige Mittel / daran es ihm zu Hause mangelte / daselbst anzutreffen / als er aber nirgends unterkommen kunte / nahm er seinen Weg nach Berlin zu seiner Befreundin / H. Hoffrath Seidels Witbe / biß er nach gelegten ziemlichen Grunde / nach Stettin / zu mehrer perfectionirung seiner studien im Gymnasio daselbst / reisete / woselbst er vom Herrn Obriston Hammeldon aufgenommen ward / ümb dessen Kinder im Dantzen / welches er schon damals gefasset hatte / zu unterrichten. Nachgeheds begab er sich nach Gryhpswalde / ferner nach Rostock / woselbst er Gelegenheit fand / die übrigen exercitia, als Fechten / Ringen / Trenchiren, die Fahnen-Lectiones, ingleichen das Lautenschlagen / und dergleichen zu lernen / denen er auch nebst den studiis, mit unabläßigen Fleiße so lange obgelegen / biß er im Jahr 1649. eine Reise in sein Vaterland angetreten / woselbst aber er sich nicht lange aufgehalten / sondern bald im folgenden Jahre nach Wittenberg gewendet / da er denn so wohl durch obberührte exercitia, als auch öffters disputiren beydes Respondendo und Oppenendo, bey denen Herren Professoribus und Studiosis in kurtzer Zeit bekannt / und von männiglich beliebet worde: Darauf es geschehen / daß er im Jahr 1656. von unseres Hochtheueren Landes-Vaters / des Postulirten Herrn Administratoris, Hertzogs Augusti, Hochf. Durchl. anfangs zum Archivario, hernach zum Secretario bey der Thüringischen Erblands-Cantzley / und dann Anno 1662. zum Pagen-Hofmeister gnädigst beruffen worden. Mit was er vor ungesparten Fleiße / Treue / Sorgfalt und Auffrichtigkeit er diese Aemter verwaltet / ist männiglich bewust / und würde / wenn ja kein ander Zeugniß vorhanden were / Beweises genug seyn die Hochfürstl. Gnade / so er jederzeit biß an sein sel. Ende genoßen.
Ebener maßen ist auch sein Christenthum bekant genug und weiß jederman / daß er ein fleißiger Hörer Göttlichen Worts gewesen / seine Menschlichen Fehler bußfertig erkant / das Hochwürdige Nachtmahl (massen auch vor weniger Zeit in seiner Kranckheit geschehen) fleißig und mit hertzlicher Devotion gebrauchet / seiner sel. Ehegattin liebreich beygewohnet / die Kinderzucht sorgfältig beobachtet / seine erlangte herrliche Wissenschaft andern gern mitgetheilet / und also das von Gott verliehene Pfund nicht vergraben / sondern rühmluch genützet.
Seinen Ehestand anlangend / so hat er sich auf gethanes Gebet zu Gott und reiffe Berathschlagung / mit damahls Jungfer Annen Margarethen / Tit. Herrn Aegidii Stelers; wohlverdienten Bürgermeisters / und Churf. Sächs. Steuer-Einnehmers zu Wittenberg sel. und Frauen Annen Marien Wildin / eheleiblichen Tochter (so am verwichnen 23. Augusti zu großer Betrübnis ihres damahls krancken Eheherrn und Kinder verstorben) in ein Ehegelöbnis eingelassen / welches allhier in Hall den 16. Nov. 1657. solenniter vollzogen worden. In solcher biß ins 21. Jahr geführter Hertzvergnügter Ehe hat er mit ihr zwey Söhne und zwey Töchter erzeiget / davon der jüngste Sohn / Augustus / bald nach der Geburth diese Welt wiederumb gesegnet / die andern aber / nahmentlich Jungfr. Anna Margaretha / Ehrenfried Christian / und Jungfr. Anna Catharina / sind annoch am leben / und bejammern / wie vor wenig Tagen der Frau Mutter / also nunmehr auch des Herrn Vaters tödtlichen Hintrit.
Mit demselben / wie auch vorhergegangener Kranckheit / ist es / besage der eingehändigten Historiae morbi, also beschaffen: Als den 19. kurtz verflossenen Monats Julii der Selige Herr Hofmeister in die Kirche gehen wollen / hat er einen gelinden Schauer empfunden / und darumb sich alsofort wieder nach Hause begeben / und Artzney gebraucht. Nachdem nun der zu ihm erforderte Hochfürstl. Sächs. Magdeburg. Leib-Medicus, Herr D. Joh. Siebold / aus den Umbständen ersehen / daß es auf ein tertian-Fieber hinaus lauffen dürffte / sind deswegen diensame Mittel zur Hand genommen worden / worauf nach etlichen Paroxysmis der periodius dieses Fiebers sich geendet / und hat der selige Herr Hoffmeister sich die Hoffnung gemacht / daß an Ihr. Hochfürstl. Durchlaucht. unsers Gnädigsten Fürsten und Herrn / geburths-Tage / er wieder zur unterthänigsten Aufwartung würde gehen können. Es hat ihn aber wenige Tage zuvor / nemlich den 9. Augusti / abermahl en geringer Schauer überfallen / mit Empfindung einiger Mattigkeit / welcher Zufall allsachte mit unordentlichen paroxysmis und schweren emergentien, die innerliche Verderbniß durch mehrere Abnehmung der Kräffte dergestalt zu verstehen gegeben / daß von daran in Anmerckung der geschwächten Sinnen und anderer gefährlichen Dinge / ein bößes Prognosticum, und auf den 22. May geschehenen Schlag auf den Kopf / reflexion zu machen gewesen sey. Maßen denn die mehrentheils auf der linken Seiten des Haupts sich ereigneten Zufälle und evacuation zur Gnüge erwiesen / daß an oberwehnten Orthe an geschehener Verletzung gantz nicht zu zweifeln / indem auch bey denen immerzu sich ereignenden hefftigen paroxysmis und schier continuierender Verirrung un Schwachheit der Eisten und gantzen Leibes / große Hitze des Haupts / mehrentheils der lincken Seite / Erkaltung der euserlichen Glieder / anhaltendes Zittern der Hände / auch zuletzt zugeschlagene heftige Geschwulst des rechten Schenkels / einen betrübten Ausgang von fern gewiesen.
Ob nun wohl bey solcher Bewantniß / und zuvor gesehener Lebens-Gefahr / zu allen mögligsten Mitteln geschritten / auch wohl eine und andere chirurgische operation, der sonst frischen Natur etwas noch zuhelffen / in reiffe consideration gezogen worden / so haben doch die angewendeten herrlichen Arztney-Mittel und andere treue Vorsorge keinen beständigen effect erreichen / noch sonst in andere Wege / in Betrachtung der täglich sich vermehrenden grossen Schwachheit / und da man gewisser Verbesserung aus gegründeten Ursachen sich auch nicht zu versichern gehabt / beobachtet werden können.
Weil nun der selig Verstorbene merckte / daß ihn Gott von dieser Welt abfordern möchte / so machte er sich zu einem seligen Ende gefast / ließ seinen Herrn Beichtvater / den Hochfürstl. Sächsischen Magdeb. Hoff-Prediger, Kirchen-Rath und Vice-General-Superintendenten / Hn. D. Joh. Andream Olearium, zu sich erbitten / tröstete sich mit dessen bey unterschiedenen Besuchungen gethanen Zuspruche / und erwartete der Hülffe seines Gottes gedultig.
Alls am verwicheen Sonnabend zur Nacht die Schwachheit über Hand nahm / ließ er gegen 1. Uhr (Tit.) Hn. Secretarium Johann Georg Flachen (der ihm in wehrender seiner Kranckheit / sonderlich nach der seel Frau Hoffmeisterin Absterben / mit Rath und Sorge rühmlich beygestanden) zu sich bitten / und befahle ihm seine lieben Kinder. Als Morgends umb 6. Uhr obwohlgedachter sein Herr Beichtvater ihm wider zusprach / und unter andern Trost-Reden / insonderheit nach Anleitung des damahligen Sontags-Evangelii / den Hertzlichen Seuffzer der zehen krancken Männer: Jesu / lieber Meister / erbarme dich unser / mit Versicherung des Göttlichen Erbarmens / Hülffe und Trosts / davon es am angezogenen Orthe heist: Dein Glaube hat dir geholffen / angeführet wurde / benebenst der Application aus den Worten Pauli: Der Herr wird mich erlösen von allem Übel etc. / 2. Lim. 4 / 18.) wie auch mit Wiederholung eines bekanten Trost-Symboli, dessen Inhalt aus den vier folgenden Anfangs-Buchstaben H.E.W.G. also lautet: Hilff Ewiger Warer Gott! Gott Will Euch Helffen. Habt Ein Wenig Gedult. Gott Will Es Haben! Hieß er einen von den umstehenden solches auf schreiben / das er auch hernach zum öftern sich vorlesen ließ / mit hinzugesetzter Erklärung / Er wolle in seinem Hertze auch ruffen um Hülffe des ewigen Gottes / Gott werde ihm gewiß auch helffen. Einige Zeit hernach nahm er von seinen Kindern und andern Anwesenden mit beweglichen Worten Abschied / wolte auch nicht haben / daß sie ferner umb das Bette herum stehen und ihn ansehen solten / hielte hierauf mit Gebet an / und gab sein Verlangen zu einer seeligen Auflösung mit diesen Worten zu verstehen: Mein Jesu hat mir meine Seele gegeben / willst du sie denn nicht wieder haben? Welches Wundsches er denn bald gewehret ward / als er selbigen Tag / war der 1. Sept. Nachmittags gegen 2. Uhr / auf seinen Erlöser sanfft und seelig einschlieff / nachdem Er sein Leben gebracht auf 50. Jahr weniger 8. Tage."
Zu Lebzeiten hatte sich Johann Georg Paschen in einer großen Anzahl an Exercitien geüb. Zu den Exercitia, die er in seinem Amt als Pagen-Exercitienmeister an die adelige Jugend weitergab, zählten das Fechten (mit Degen auf Hieb und Stoß und mit dem Jägerstock), das Voltigiren und das Ringen; außerdem das Exerciren mit Pike und Muskete, das Fahnen-schwingen sowie die für das Leben bei Hof unabdingbaren Fertigkeiten im Tanzen und Tranchiren. Eifrig verfasste er über viele dieser Exercitia Bücher. Doch Johann Georg Paschen war nicht nur in den körperlichen Exercitia geübt, sondern auch überaus gelehrt und belesen. So finden sich in seiner umfangreichen Bibliographie auch eine Abhandlung über das Befestigungswesen sowie seine Dissertation (jur.) „De Plagio Kaufungiano“.

Bibliographie von Johann Georg Paschen

1655

Dissertatio De Plagio Kaufungiano (zusammen mit Gottfried Severis). Wittebergae: Typis Röhnerianis 1655. [Digitalsat Universität Halle]

1657

Kurtze Unterrichtung Belangend Die Pique/ die Fahne/ den Jägerstock/ das Voltegiren/ das Ringen/ das Fechten auff den Stoß und Hieb/ und endlich das Trinciren / verfertigts Johannes Georgius Pascha LL. Studiosus.  Wittenberg: Oelschlegel, 1657. (vielen Dank an Hubert Hazebrouchq für den Hinweis)

1658

Kurtze Unterrichtung Belangend Die Pique, die Fahne, den Jägerstock, das Voltesiren, das Ringen, das Fechten auff den Stoß und Hieb und endlich das Trinciren / verfertigts Johannes Georgius Pascha. In Verlegung Christian Guths Buchhändlers in Hamburg. Wittenberg Gedruckt bey Melchior Oelschlegels Erben, 1658.

1659

Anleitung sich bei grossen Herrn Höfen und andern beliebt zu machen. Osnabrück, 1659.

Kurtze Unterrichtung Belangend Die Pique, die Fahne, den Jägerstock, das Voltesiren, das Ringen, das Fechten auf den Stoß und Hieb und endlich das trinciren. Hamburg: Guths; Wittenberg: Oelschlegel, 1659. [Digitalsat Wolfenbütteler Digitale Bibliothek]

1660

Kurtze iedoch gründliche Beschreibung Des Voltesirens/ So wohl auf dem Pferde als über den Tisch : Darinnen gehandelt wird von allen Sprüngen/ als in Sattel zu springen/ wieder herauß/ Reversen/ Troiten/ halben Pomaden/ gantzen Pomaden/ Verwechseln/ etc. wie solches heutiges tages in gebrauch; Mit vielen nothwendigsten Kupffern abgebildet. Hall in Sachsen bei Oelschlegel, 1660. [Digitalsat Universität Göttingen]

Kurtze iedoch deutliche Beschreibung Des Pique-Spielens/ wie auch Des Trillens auf der Pique : Wie solche recht nach heutiger Art zu gebrauchen/ ; Mit denen nothwendigsten Kupffern außgezieret. Leipzig / Hall in Sachsen bei Fuhrman[n] / Oelschlegel, 1660. [Digitalsat Universität Göttingen]

Kurze Anleitung des Jäger-Stocks oder halbe Pique : Mit 16 Kupfern. Halle in Sachsen, 1660. [Digitalsat Bayerische Staatsbibliothek München]

1661

Vier und achtzig Fahnen-Lectiones. Bei Beckenstein, 1661. [Digitalsat Universität Göttingen]

Kurtze Anleitung Deß Fechtens, Auf den Stoß, Und Hieb: Mit sonderbahren Fleiß auffgesetzet/ und mit vielen nothwendigen Kupffern ausgebildet. Frankfurth am Mayn bei Gerlach / Beckenstein; Hall in Sachsen bei Oelschlegel, 1661.

1662

Florilegum fortificatorium triportitum Oder kurtzte, leichte ... und richtige Anweisung zu der jetzigen Zeit ublichen Krieges-Bau-Kunst oder was derselben anhangig.

1664

Vollständiges Fecht- Ring- und Voltigier-Buch. Bd. 1: Kurtze iedoch deutliche Beschreibung, handlend vom Fechten auf den Stoß und Hieb. Hall in Sachsen bei Oelschlegeln, 1664.

1665

Neu vermehrtes vollstandiges Trincier-Buch handlend I. Von Zerschneidung und Vorlegung der Speisen ... II. Von rechter Zeitigung aller Mundkoste ... III. Von den Schau-Gerichten ... Naumburg.

1666

Vollständiges Fecht Ringe und Voltigier Buch. Enth. 1. Kurtze iedoch Deutliche Beschreibung / handlend Vom Fechten auf den Stoß und Hieb. 2. Nun folget Das Fechten auff den Hieb (zuerst 1664). 3. Volständiges Ring-Buch. 4. Kurtze iedoch gründliche Beschreibung Des Voltiger / So wohl auf dem Pferde als über den Tisch. Hall in Sachsen bei Vestern, 1666. (Anmerkung: Widmungsempfänger ist Friedrich, Herzog zu Sachsen, Jülich, Cleve und Berg, Land-Graf in Thüringen)

Vollständiges Fecht Ringe und VoltigierBuch. Kurtze iedoch Deutliche Beschreibung / handlend Vom Fechten auf den Stoß und Hieb. Nun folget Das Fechten auff den Hieb. Vollständiges Ring-Buch. Kurtze iedoch gründliche Beschreibung Des Voltiger / So wohl auf dem Pferde als über den Tisch. Hall in Sachsen bei Vester 1666. (Anmerkung: anderer Druck und auch anderer Widmungsemfänger, nämlich Christian Ernst, Markgraf zu Brandenburg)

Deutliche Beschreibung von dem Exerciren in der Muszquet.

1667

Deutliche Beschreibung Von Dem Exerciren in der Musquet Und Pique Wie Auch Von Dem Baston à Deux Bous Jäger stock oder Halbe pique. Enth. 1. Deutliche Beschreibung/ von dem Exerciren in der Mußquet/ In drey Theil abgetheilet/ ... / von Johann Georg Paschen. - 2. Kurtze Beschreibung von dem Exerciren in der Pique/ In drey Theil abgetheilet/ ... / von Johann Georg Paschen. - 3. Kurtze Anleitung Wie der Baston à deux bous, Jägerstock oder halbe Pique oder Springestock/ wie ihn etliche nennen/ Eigentlich zu gebrauchen. Hall in Sachsen bei Vestern, 1667.

Vollständiges Fecht-, Ring- und Voltigier-Buch. Kurtze jedoch deutliche Beschreibung handlend vom Fechten auf den Stoß und Hieb. Vollständiges Ringbuch. Kurtze jedoch gründliche Beschreibung des Voltiger so wohl auf den Pferde als über den Tisch. Leipzig bei Fick & Seubold, 1667.

Deutliche Beschreibung von dem Exerciren in der Musquet und Pique, wie auch von dem Baston a deux Bous, Jägerstock. Hall in Sachsen, 1667.

1672

Deutliche Beschreibung von dem Exerciren in der Musquete und Pique = Declaration Ponctuëlle De L'Exercice Du Mousquet Et De La Pique : In vier Theil abgetheilet, Als Erstlich, Wie ein einzelner Musquetirer die Musquet zierlich loßschiessen, und geschwinde wiederum laden soll ... Zum Andern, Von dem Exercitio mit dem Tropp oder Compagnie ... Drittens, Von dem Exercitio mit der Compagnie oder Regiment im Chargiren ... und Vierdtens, Von dem Exercitio mit der Compagnie oder Regiment im Chargiren ... sich so wohl gegen Infanterie als Cavallerie zu defendiren, und wie Bataillen zu stellen / Mit sonderbahren Fleiß nach heutiger Manier beschrieben, und mit vielen nöthigen Kupffern ausgebildet. Hall in Sachsen bei Oelschlegel, 1672. Text dt. u. franz.

1673

Deutliche Beschreibung von dem Exerciren in der Musquete und Pique, In vier Theil abgetheilet ... Declaration ponctielle de l'exercise du mousquet et de la pique divisée en quatre parties. Halle bei Oelschlägel, 1673.

Vollständiges Fecht- Ring- und Voltigier-Buch. Bd. 2: Vollständiges Ring-Buch, Darinnen angewiesen wird, Wie man Adversarium recht angreiffen, sich loß machen, die Schläge pariren, unterschiedene Lectiones und die contra-Lectiones darauff machen soll / Mit Fleiß beschrieben und mit sehr vielen Kupffern außgebildet. Hall in Sachsen bei Melchior Oelschlegel, 1673.

Vollständiges Fecht- Ring- und Voltigier-Buch. Bd. 3: Kurtze iedoch gründliche Beschreibung Des Voltiger, So wohl auf den Pferde als über den Tisch: Darinnen gehandelt wird von allen Sprüngen, als in Sattel zu springen, wieder herauß, ... / Mit mehren Lectionen und sehr vielen Kupffern abgebildet.  Hall in Sachsen bei Melchior Oelschlegel, 1673.

Deutliche Beschreibung Unterschiedener Fahnen-Lectionen : In Acht Spiel eingetheilet/ Nebst dem Piquen-Spiel/ Pertuisan und halben Piquen/ oder Jägerstock ... / von Johann Georg Pascha, Fürstl. Magdeb. Pagen Hoff-Meister. Hall in Sachsen : Oelschlegel, 1673. Text in deutsch und französisch. [Digitalsat Wolfenbütteler Digitale Bibliothek]

1683

Der Adelichen Gemüther wohlerfahner Exerzitien-Meister, das ist: vollständige Fecht-, Ring- und Voultesier-Kunst. Frankfurt und Leipzig bei Christian Weidemannen, 1683

1687

Vollständige Kriegskunst zu Fuß, verbessert und vermehrt. Lübeck, 1687

Dienstag, 29. November 2011

Die Ordnung bewahren auf der Fechtschul: ausgewählte Beispiele

von Jan Schäfer

Man stelle sich den Wettkampf auf einer Fechtschul vor: Mehrere Dutzend Teilnehmern schlugen und stachen mit Schwert, Dolch, Dussack und Stange in Zweikämpfen aufeinander ein, und vom eigenen Ehrgeiz angestachelt  wollte jeder Teilnehmer vor dem zahlreichen Publikum sein Können beweisen, die anderen Fechter blutig hauen und den Siegpreis nach Hause tragen. In einer derart schwer bewaffneten, fechterisch geübten und entschlossen um den Sieg fechtenden Menge konnten die Emotionen sehr leicht hochbrodeln. Je länger die Fechtschul dauerte, desto stärker rißen Stolz und Ehrgeiz, Adrenalin und Testosteron die Fechter mit sich. Die Gefechte wurden immer hitziger geführt und drohten, sich im schlimmsten Fall in einer zügellosen Gewalteskalation zu entladen.

Damit es auf einer Fechtschul nicht zu ungezügelten Gewalttätigkeiten, zu Tumulten und schweren Verletzungen kam, wurde vor dem Beginn jeder Fechtschul vom Fechtmeister eine Fechtschulordnung verkündet, an die sich alle Fechter zu halten hatten. Diese verbot es, bestimmte Stücke wie etwa das Durchlaufen oder auch Knaufstösse anzuwenden. Außerdem wurden die Fechter oftmals eindringlich ermahnt, alte persönliche Feindschaften und Rivalitäten während der Fechtschul ruhen zu lassen und nicht die Schul zu mißbrauchen, um die Zwistigkeiten untereinander zu begleichen.

Sowohl für eine Fechtschul in Zwickau (1573) als auch für eine Fechtschul in Stuttgart (1575) und für eine Fechtschul in Düsseldorf (1585) sind uns die Regeln erhalten.

Die Regeln für die Fechtschul in Zwickau verkündete auf dem Fechtplatz der Fechtmeister und Federfechter Melchior von Birn, ein Höfling des Kurfürsten August von Sachsen.
[Die Teilnehmer] „solen Fechtn nach Ehren werth,
Nach inhalts brauch des langen schwert
Aus halber vnd auch langer schneidt,
Und wies die kunst mit bringt vnd geit,
Alle falsche stück das ihr wist,
Das auff keinr Schuel nit breuchlich ist,
Das sol auch da vorbotten sein,
Knopf vnd auch orth zulauffen ein,
Und all andre vnredlich stück,
Die solt man da lassen zurück,
Es solt für Fürsten vnd auch Herrn,
Euch rechter schutz gehalten wern,
Es sey wers woll, gros oder klein,
Dem soll auch da vorbotten sein,
Uber die Stange nicht zu schlagen,
Auch nicht darunter, thu euchs sagen,
Es solln all Fechter wissen das,
Auff meiner schuel kein neid noch haß,
Zu tragen aus, wie er wer gnendt
Man hat wol ander ort vnd end,
Da jrs kündt thun, merckt was ich meldt,
Der Chrufürst gibt zuvor auch geldt,
Als offt einer ein schlagen thut,
Auff die höchst Röhr, vnd das es blut,
In der wehr das zeig ich euch an,
Dem wird so offt vier Gülden zu lohn,
Drumb hebt auff last die wehrn nicht feirn,
Es sol da kein sein Haudt nicht thewrn,
Wann er schon wird daraufg geschlagen,
Darff darumb nit so bald vorzagen,
Schmeist weidlich drauff, sehet wie jr thut,
Und mich auch mit, hab noch jung blut,
Ich heb auff vnd führ gar kein bracht,
Wer mir ein von der feder veracht,
Und macht sich wider die gerüst,
Den will ich bstehen wie wild er ist,
Schwing dich Feder sich wie man thut,
Schreib gernt mit dintn, die ficht wie Blut.

Die Regeln für die Fechtschul zu Stuttgart aus dem Jahr 1575 lauteten wie folgt:
„Hertzog Ludwig verordnet hatt
Zwey Platzmeister auff diese statt,
Die von ir Fürstlichen Gnaden wegen
Da sollten haben Macht vnd mögen,
Wo Zanck sich zutrüg, den zustillen,
Nach irm Urtheil, Verstand vnd Willen.
Ein jeden geben auch sein Lohn
Nachdem er hett sein bests gethon.
Der en erwehlet zu der sach
Der ware Herman Ochsenbach,
Und Johann Vogel beid genanten,
Hauptleut vbers Fürsten Trabanten,
Darzu darneben beide sunst
Erfahren wol in der Fechtkunst.“
[Im Anschluss betritt ein Fechtmeister den Platz und verkündet die Ordnung:]
„Darnach die Ordnung leget her
Auff weiten Platz alle die Wehr,
Schwert, Stengle, Dolchen, lange Spieß,
Tusecken, hellebarten gewiß.
Demnach außruffet guter massen,
Die Wehr soltens nit feyern lassen,
Mit worten also ruffen thet.
Wo jemandts were der luft hett
Zufechten, es wer mit dem Schwertm
Es wer vmb Gelt oder Geltswerth,
Umb guter Gsellschaft, oder sust
Zu thn ein Gänglin hett ein lust,
Der he auff, geh nit lang vmb leiren,
Rüst sich, vnd laß die Wehr nut feiren.
Auch höret micht, sprich ich weiter
Unser Gnediger Fürst vnd Herr
Hat vns, mir das für Wahrheit glaubt,
Auff diesen Tage heut erlaubt,
Ir Fürstlichen Gnaden zu Ehrn,
Zufechten hie mit diesen Wehrn.
Doch ob jr einer oder mehr
Auff dieser Schul vorhanden wer,
Die alten Haß, Feindschafft und Neid
Gefasset lang vor dieser Zeit
Zusammen hetten, solten wissen,
Gedencken, vnd druff sein geflissen,
Daß sies allhie nit wölln austragen,
Also auß Neid einander schlagen,
Auß Feindschaft oder Mißvergunst,
Sonder auß Ritterlicher Kunst
Da fechten, wie es ist der Brauch,
Ohn Gift vnd Gall. Daneben auch
Soll gentzlich hie verotten sein
Spitz oder Knopff, auch lauffen ein,
Das thu ein jeder hie vermeiden,
Auff vnser Schul wolln wirs nit leiden.
Und schont einander nur der Feust,
Einander zwüschen Orhen schmeißt,
Da das schwartz Haar am dicksten steht,
Biß der rot Safft herausser geht,
Und trefft mich auch zwischen die Ohrn,
Es soll bey mir drumb sein kein Zorn.“

Auf der Fechtschul in Düsseldorf 1585 rief der fürstliche Trabant Hans von Olm die Regeln aus:
„Da dann gute Gesellen zugegen, die solche Ritterliche Fechtkunst gelernet vnd derselben erfahren, vnd den Durchleuchtig, Hochgeborenen Fürsten Personen, Chur vnd Fürstlichen Gesandten, auch andern vom Adel, der löblicher Ritterschaft alhie zugegen, den anwesenden Fürstinnen vnd dem gantzen Frawenzimmer, mit ihrer Kunst vnd erfahrenheit ihn vnderthenigkeit, freudt vnd kurtzweil zumachen vermeint, dieselben wöllen vnbeschwert seyn sich hervor zuthun, vmb den auffgestelten Preiß auffzuheben, die gebürliche genge nach altem löblichen Fechtbrauch, zuhalten, dann bin gemeint vnd entschlosen vber alsolche gute Gesellen, wie eine ehrliebenden Meister des lange Schwerdts gebüren wol, vnpartheisch zuhalten, dieselben zuschützen vnd zuschirmen, wder vnd gegen vbermuth vnd vngebühr. Wol auch weiter auf meiner Schul verbotten haben, ort, knauff, inlauff vnd alle andere falsche stück, Auch wo einer oder mehr gute Gesellen vorhande (die Edle Ritterschafts außgenommen, welch ich hiermit zun ehren nicht gemeint haben wol) die meiner begeren würden, es sey vmb gelt oder gelts werth, (vngeachtet ich des Gelts nut viel hab) oder aber vmb einen guten streich, truck oder naß, daß derselb frey gehertzt vnd wolgemuth hervor tretten wolm, nach brauch des Schwerdts gerechtigkeit, vnd frey auffheben, schonen des Schwerdts nicht, sonder sich selbst der finger, vnd schlagen zwischen den Ohren da das Haar auffm dickesten stehet, treffen mich auch mit, dieweil ich auch ein guter Gesell“

Trotz strenger Regeln und der straffen Hand der Platzmeister kam es dennoch gelegentlich zu chaotischen Zuständen. Benedict Edldeck, ein Siebmacher von Beruf und ein Chronist der Fechtschul von Zwickau 1573, berichtet von einer solchen tumultartigen Situation.
Als ich dem fechten auch zusach,
Hört was mir doch alda geschah,
Es war so gar ein gros gedreng,
Das zu letzt war der platz zu eng,
Man sties eins hin, das ander her,
Das schier zu eng zum fechten wer,
In dem kompt einer auff den plan,
Das war der Trabanten Hauptman,
Der Ernvest Christoff Zanmacher,
Und wolts lenger nicht leiden mehr,
Derselbige jm fürgenommen hat,
Platz zu machen an dieser stat,
Kriegt ein Dysäcken von Leder gmacht,
Und hat sich da nit lang bedacht,
Er wischt vnder das Volck hinein,
Und schlug also mit grimmen drein,
Er schmiret zu ohn alles gefehr,
Und kam gleich hinderm ir auch her,
Traff mich so weidlich vbern rücken,
Das ich mich muste darnach bücken,
Sah mich vmb was da wern die sachn,
Ich rieb die Lenden, er thet mein lachn,
Es schmirtzte mich im meinem gwissn,
Mussts han als het mich ein hund gbissn,
Dacht mir warumb willst stets vorn stan,
Man hats andern wol auch gethan,
In dem man wider schiessen thet,
Bis das volck sich verloffen het,
Als nun gnug platz vorhanden war,
Kamen die Fechter wider dar,
Und fochten dapffer aus der Kunst,
Mancher kriegt ein schnappe vmbsonst.

Die oben aufgeführten Beispiele stammen von Fechtschulchroniken (im Einzelnen: Lobgedicht des Benedict Edldeck, auf die Fechtschul in Zwickau 1573; Lobgedicht des Christian Beyer nach einer lateinischen Vorlage von Frischlin auf die Fechtschul zur Stuttgarter Fürstenhochzeit von 1575; Beschreibung der Fechtschul in Düsseldorf 1585 durch Dietrich Graminäus) und sind u.a. nachzuschlagen bei Karl Wassmannsdorff: Sechs Fechtschulen. Groos 1870.

Dienstag, 1. November 2011

Eine Auseinandersetzung zwischen Hans Freytag von Speyer und Felix Dietz vom Zürchberg

Hans Freytag von Speyer war ein deutschsprachiger Fechtmeister in der Tradition des Johannes Liechtenauer. Von ihm ist ein Werk aus dem Jahr 1491 erhalten, in dem er verschiedene Abschriften anderer Autoren zu einer  Handschrift zusammengestellt hat (MI.29, Universitätsbibliothek Salzburg). Viel mehr war von ihm bis jetzt nicht bekannt.

Olivier Dupius und Andreas Meier haben kürzlich einen interessanten Vorfall zutage gebracht, der von einer Auseinandersetzung zwischen besagtem Hans Freytag von Speyer und einem gewissen Felix Dietz vom Zürchberg handelt.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Der Fecht- und Exercitienmeister Johann Andreas Schmidt

von Jan Schäfer

Johann Andreas Schmidt (hier auf einer Abbildung in seinem Fechtsaal in Nürnberg) wurde im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts (genaues Datum unbekannt) wahrscheinlich im sächsischen Zöblitz (vgl. das Nachwort seines Werkes) bei Marienberg im Erzgebirge geboren (vgl. zur Geschichte von Zöblitz z.B. Wilhelm Steinbachs Historia des vom edlen Serpentinstein weitgerühmten Städgens Zöblitz im Meißnischen Obererzgebürge, 1750 [Digitalisat]).

Im Nürnbergischen Gelehrten-Lexicon (Band 8, 1808, Seite 87f) ist Folgendes über ihn zu lesen:
"*Schmid (Johann Andreas), ein Fechtmeister, muß schon einige Jahre vor 1713 zu Nürnberg gewesen seyn, wie aus der Dedication und Vorrede zu seinem Fechtbuch, das er in dem genannten Jahr herausgegeben hat, erhellet. Er hatte an verschiedenen Orten die Stelle eines Fechtmeisters bekleidet 19 in Nürnberg; 2) in Hildburghausen; 3) in Baireuth; 4) wieder in Nürnberg; 5) in Stuttgardt und 6) in Tübingen, wo er auch gestorben ist. Nach Baireuth kam er 1721 als Fechtmeister der Pagen und von da 1728 oder 1729 nach Stuttgardt. Im Fechten und Voltigiren hatte er wenige seines Gleichen. Auf eine geschehene Wette von 10 Ducaten prügelte er 1712 aus der Wirthsstube zu Hagenhausen 6 starke Bauernkerle, blos mit einem Springstocke bewaffnet, hinaus. Mit den Kniebeln seiner rechten Hand, konnte er so stark auf einen eichenen Tisch schlagen, daß man auf demselben die Spuren gesehen hat. Seine größte Force hatte er im Legiren. In Baireuth focht er <Seite 88> einstmals in der Antichamber des Marggrafens zur Probe mit 2Fechtmeistern und legirte jedem im 2ten oder 3ten Gang das Rappier fünf bis sechsmal, so daß der Marggraf ihm sogleich die Stelle mit 1000 Glden Salar ertheilte. Sein Lehrmeister war vornehmlich Johann Georg Bruch zu Amsterdam, dessen Fechtbuch G. Th. von Murr in seiner Bibl. dimicatoria angezeigt hat. Sein Fechtbuch hat den folgenden Titel: Leib=beschirmende und Feinden Trotz bietende Fechtkunst; oder leichte und getreue Anweisung, auf Stoß und Hieb zierlich und sicher zu fechten. Nebst einem curieusen Unterricht vom Voltigiren und Ringen. m. F. Nürnb. 1713. Quer 8. Ist auch mit neuen Titelblättern Ebend. 1749 und 1780 wieder in Umlauf gebracht worden. Siehe: v. murr Journal zur Kunstgeschichte. Th. XII, S. 13. 14."
Das während seines ersten Aufenthalts in Nürnberg 1713 veröffentlichte Werk „Leib-beschirmende und Feinden Trotz-bietende Fecht-Kunst“ beschäftigt sich auf insgesamt 376 Seiten mit dem Fechten auf Stoß und Hieb sowie dem Voltigieren und dem Ringen. Es trägt den vollständigen Titel „Leib-beschirmende und Feinden Trotz-bietende Fecht-Kunst; Oder: Leicht und getreue Anweisung auf Stoß und Hieb zierlich und sicher zu fechten; Nebst einem curieusen Unterricht vom Voltigiren und Ringen / Deutlich und gründlich beschrieben / und mit saubern darzu gehörigen / nach den Actionen gezeichneten / Kupffern an das Licht gestellet“. Verlegt wurde es durch Johann Christoph Weigel. Der Autor Schmidt widmet es „den Herren Kriegs-Räten“ seiner derzeitgen Wirkungsstätte Nürnberg: dem „Herrn Hanns Carl Löffelholtz von Colberg / und Zerzabelsdorf / Des ältern geheimen Raths / als dieß hochansehnlichen Collegii vorderstem Kriegs-Rath und Praesdi u.a.m.“, „Herrn Joh. Paul Baumgartnern / von und auf Holenstein / Lonstadt und Grünsperg / Des ätern geheimen und Kriegs-Rath u. a. m.“, „Herrn Carl Benedict Geuder / von und auf Heroltzberg und Stein / Des Innern geheimen und Kriegs-Rath u. a. m.“ und „Herrn Joh. Sigm. Grundherrn / von Altenthan und Weyherhauß / Des hochlöbl. Fränkischen Creyses bestellten Obristen zu Fuß / dann des Innern und Kriegs-Rath“. Mindestens sechs Mal wurde das Buch seit der ersten Drucklegung von 1713 neu aufgelegt, im Jahr 1780 sogar zweimal (in Nürnberg und in Leipzig). [Zur Ansicht: Erstausgabe von 1713 / Nürnberger Ausgabe von 1749 / Nürnberger Ausgabe von 1780]

Dass Johann Andreas Schmidt in Amsterdam ein Schüler des Fechtmeisters Johann Georg Bruch war, wird nicht nur durch die Aussage im Nürnbergischen Gelehrten-Lexicon Band 8 bezeugt, sondern auch durch einen Vergleich der Werke der beiden Fechtmeister bestärkt. Denn es finden sich viele Ähnlichkeiten in Struktur, Didaktik und Inhalt zwischen Bruchs „Grondige Beschryvinge van de Edele ende Ridderlijcke Scherm- ofte Wapen-Konste“ und Schmidts „Leib-beschirmende und Feinden Trotz-bietende Fecht-Kunst“. Insbesondere die ersten annähernd fünfzig Seiten über die Grundlagen, die Terminologie und die Lektionen zu den Hauptstößen von Schmidts Werk sind denen von Bruch sehr ähnlich. Dies legt den Schluß nahe, dass Schmidt nicht nur bei Bruch gelernt hat, sondern dass ihm höchstwahrscheinlich auch beim Schreiben seines eigenen Buches ein Exemplar von Bruchs Werk vorlag. (vgl. hierzu auch Rainier van Noort auf bruchius.com)

Auch zur Ringkunst des Nicolaes Petter finden sich bei Schmidt in Teil 6 seines Gesamtwerkes ("So [...] vom Ringen handelt") einige Parallelen. Petters Buch erschien posthum 1674 ebenfalls in Amsterdam, also in einer Zeit da Schmidt womöglich gerade in der Stadt weilte und bei Bruch das Fechten lernte. Ob die Übereinstimmungen zwischen diesen beiden Werken zufällig sind oder daher rühren, dass Schmidt auch von Petter ein Buch vorlag, er bei ihm oder einem seiner Schüler gelernt hat oder aber diese Art des Ringens in den Niederlanden zu dieser Zeit einfach weit verbreitet und populär war, muss ein genauer Textvergleich sowie weitere Recherchen klären.

Publikationsgeschichte des Schmidt´schen Werkes:
  • Leib-beschirmende und Feinden Trotz-bietende Fecht-Kunst; Oder: Leicht und getreue Anweisung auf Stoß und Hieb zierlich und sicher zu fechten; Nebst einem curieusen Unterricht vom Voltigiren und Ringen / Deutlich und gründlich beschrieben / und mit saubern darzu gehörigen / nach den Actionen gezeichneten / Kupffern an das Licht gestellet. Nürnberg, 1713. [Digitalisat]
  • Gründlich lehrende Fecht-Schule, oder Leichte Anweisung, auf Stoss und Hieb sicher zu fechten, nebst einem curieusen Unterricht vom Voltigiren und Ringen. Nürnberg: Endter und Engelbrecht, 1749. [Digitalisat]
  • Fecht-Kunst. Nürnberg, 1750.
  • Lehrende Fechtschule. Nürnberg: Stein, 1760.
  • Johann Andreas Schmidts, Fecht-und Exercitienmeisters Fecht-Kunst, oder leichte und getreue Anweisung auf Stoss und Hieb zierlich und sicher zu fechten. Nebst einem curieusen Unterricht vom Voltigiren und Ringen Nürnberg: 1780. [Digitalisat]
  • Fecht-Kunst auf Stoss und Hieb. Leipzig, 1780.

Dienstag, 27. September 2011

Aus den Memoiren des Friedrich Freiherr von der Trenck: Die jungen Jahre

von Jan Schäfer

Friedrich Freiherr von der Trenck wurde 1727 in Neuhaldensleben als Sohn des Generalmajors Christoph Ehrenreich von der Trenck und dessen Frau Maria Charlotte von Derschau geboren. Als er 59 Jahre später seine Memoiren unter dem Titel „Des Friedrich Freiherrn von der Trenck merkwürdige Lebensgeschichte“ zu Papier brachte, konnte er darin auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken. (vgl. zu seinem Leben neben seiner Autobiographie "Des Friedrich Freiherrn von der Trenck Merkwürdige Lebensgeschichte“, [Erstdruck in Leipzig bei Georg Emanuel Beer, 1787] auch Pallua-Gall, „ Trenck, Friedrich“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 38 (1894), S. 568-569 [Onlinefassung])

Die Kindheitsjahre, die die ersten Seiten seiner Memoiren umfassen, sollen hier in Auszügen vorgestellt werden. Insbesondere die Absätze 3 und 7 des hier wiedergegebenen Auszugs aus seinen Memoiren sind interessant zu lesen, denn zum einen wird hierin das Fechten, Tanzen und Reiten als Vergnügen und Ausgleich zum Bücher-Studium dargestellt und um anderen werden in Absatz 7 lederummantelte Holzsäbel als Übungswaffen erwähnt.

„[...] Mein Temperament war sanguinisch-cholerisch und erst im 54. Jahre ward das Cholerische herrschend. Trieb nach Freuden und Leichtsinn waren folglich die angeborenen Fehler, welche meine Lehrer zu bekämpfen hatten; das Herz war biegsam, aber eine edle Wißbegierde, ein Nacheiferungsgeist, eine unruhige Arbeitsamkeit, ein bei allen Gelegenheiten angefächelter Ehrgeiz waren die Triebfedern, welche nach dem Entwurfe meines aufgeklärten Vaters einen brauchbaren Mann aus mir bilden sollten. Kaum war ich Jüngling, so keimte schon eine Art von Stolz in meiner Seele, welcher auf dem Gefühl des inneren Wertes Wurzel faßte. Ein einsichtsvoller Lehrmeister, welcher mich vom 6. bis in das 13. Jahr leitete, arbeitete aber unausgesetzt, um diesen empörenden Stolz in eine gemäßigte Eigenliebe zu verwandeln. Durch Gewohnheit, beständig mit Schulbüchern beschäftigt zu sein, durch Anfrischung, Erquickungsstunden und Lob ward mir die Arbeit ein Zeitvertreib, das Lernen eine Gewohnheit, und die strengste Erziehung eine ungefühlte Bürde.

Wenn ein Jüngling einen geduldigen und wirklich gelehrten Lehrer hat, der ihn zugleich liebt und Freude an seinem Unterricht findet, wenn dieser Jüngling vom sechsten bis in das dreizehnte Jahr täglich von fünf Uhr früh bis sieben Uhr abends zur Arbeit angehalten wird und zugleich einen leichten Begriff, einen gesunden Leib, einen forschenden Verstand und ein großes Gedächtnis mit einer regelmäßigen Organisation besitzt, wenn seine Lehrer ihn bei seiner Schwäche zu lenken und sein Feuer so anzufachen wissen, daß es keine Funken in wachsende Leidenschaften aussprühen kann, dann allein ist es möglich, daß der Schüler, so wie ich, schon im dreizehnten Jahre alle Schulstudien gründlich absolvieren und zu den höheren Wissenschaften auf Universitäten schreiten kann. Die ganze Geschichte hatte ich nicht nur buchstäblich, sondern mit aufgeklärter Anwendung im Kopfe, so im Kopfe, daß ich heute noch in meinem sechzigsten Lebensjahre, fast alle römischen Regenten und Kaiser, alle großen Männer und Gelehrten nennen und auch das Jahrhundert bestimmen kann, in dem sie lebten.

Mein Vater schonte kein Geld, wo Gelegenheit war, etwas zu lernen. Mit Fechten, Tanzen, Reiten und Voltigieren wurden meine Erquickungsstunden beschäftigt. Und wenn ich irgendwo müde wurde oder Ekel merken ließ, dann brauchte man mir nur versprechen, daß ich nach vollbrachter Lektion ein paar Stunden Vögel schießen, Fische fangen oder spazieren reiten durfte: so war im Augenblick alles gelernt, und Wonne und Freude verbreiteten sich bei der strengsten Kopfarbeit in meiner ganzen Seele.

Man blieb aber nicht allein bei den toten Büchern, die nur den Kopf anfüllen und den Gelehrten bilden, man arbeitete zugleich auf das Herz, auf das Sittliche und auf die moralischen Empfindungen des Jünglings.

Erholungsstunden durfte man mir wenig gestatten, denn überall waren Händel, wo ich mich einmischte. Und wo lustige Streiche gespielt wurden, wo man mit verkleideten Gespenstern das Gesinde schreckte, oder wo Zucker und Obst genascht wurden: da war Fritz gewiß der Urheber, allezeit aber sicher in Verdacht. Hierdurch übte ich mich in listigen Ausflüchten und geriet durch Notlügen auf den Geschmack, andern Leuten eine Nase zu drehen, auch die Wahrheit listig zu bemänteln, denn gegen Gewalt hilft am sichersten der Betrug.

Meine Lebhaftigkeit war unbegrenzt. Durch liebreiche Worte aber war alles von mir zu erhalten, wogegen mich Schläge und niedrige Handlungen empörten und halsstarrig machten. Die ganze Grundlage meiner Erziehung war demnach auf Ehrgeiz, Lob und Tadel gegründet. Und weil geschwinde Begriffe und unausgesetzte Arbeit mich früher klüger machten als alle Jünglinge, die ich zum Umgang fand, weil ich mich von allen Menschen loben und von vielen bewundert sah, so geriet ich unbemerkt aus der Eigenliebe in einen Stolz, in eine gewisse Menschenverachtung oder Tadelsucht, die mir bis zum grauen Haar angeklebt und mir viel Händel in der Welt verursacht hat.

Mein Vater war durchaus Soldat. Tapfer und ehrgeizig sollten alle seine drei Söhne werden. Wenn demnach einer den andern schimpfte oder beleidigte, so durften wir nicht mit den Haaren raufen. Es geschah eine förmliche Aufforderung mit hölzernen Säbeln, die mit Leder überzogen waren. Und der Alte sah lächelnd zu, wenn wir uns herumsäbelten, eben hierdurch aber in den Fehler gerieten, Händel zu suchen, um bei jedem Siege gepriesen zu werden. [...]“

Aus: Kapitel 1 der „Memoiren des Freiherrn von Trenck“ (Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dr. Walther Liebert, 1925)

Donnerstag, 8. September 2011

Fechtschulen für einen gefangenen Kurfürsten

von Jan Schäfer

Der kaiserliche Notar und spätere Bürgermeister von Stralsund Bartholomäus Sastrow (1) hinterließ eine umfangreiche Biographie seines Lebens. (2) Darin berichtet er auch von der Zeit nach dem Schmalkaldischen Krieg, als der Kurfürst Johann Friedrich I.  1546 (3) in kaiserlicher Gefangenschaft in Augsburg saß, aber dank vieler Freiheiten hohe höfische Gesellschafter empfangen, in die Stadt ausreiten und sich die Zeit mit Reitspielen, Schach, Büchern und dem Halten von Fechtschulen vertreiben durfte.

"Cap. II. Wan vnnd wie der Key. Mytt. einzug; wo die gefangenen Churfürst von Sachsen vnnd Landtgraue von Hessen gelassen, gehalten vnnd tractiret worden, vnnd die Key. Maytt. hawen vnnd vorfertigen ließ, das zum Gebrauch ernstlicher Straffe Miszhandlung (Anm. des Hg.: für: zum Gebrauch bei Ausuebung ernstlicher Strafen) dienlich.

Am Endes des Hewmonats ist die Key. Maytt. mit dem gantzen exercitu heran kommen; den Landtgrauen hat er mit eim Haufen Spannier zu Donauwerde gelassen, aber der gefangen Churfursten hettt er mit in Augszburg gebracht, vnnd furieren lassen in dem Welser Haus belegen am Weinmarkede, zwei Hauser von des Keysers Palast, vnnd dan ein kleines Gäszlein hart an meiner Herbergen; durch die Rebenheuser hette der Keyser brechen vnnd vber das Gäszlein eine Brugge legen lassen, das man aus des Keysers Losament in des Churfursten gehen konnte. Der Churfurst hett sein eigen Kuchen gehalten, auch seinen Cantzler Minkenitzen, vnnd sonst sein eigen Gesinde, so auf ihn gewartet, bei sich gehabt, so dasz die Spannier in seiner Stuben vnnd Schlafkammer nicht haben kommen mussen. Der Herzog von Alba und andere große Herren am kaiserlichen Hause, auch sonst, sein zu ihm ein und ausgegangen, haben mit freundlichem Gespräch, auch allerlei Kurzweil, ihm gute Gesellschaft geleitet; hatte im Hause seiner Herberge (so zwar herrlich und fürstmäßig gebaut und zugerichtet ist) einen Rennplatz, da sie über die Stangen gestochen; ihm ist erlaubt, in der Stadt an lustige Orte, zierlich mit sonderlicher Kunst zugerichtete Gärten (deren zu Augsburg ettliche sein) zu reiten; auch (dieweil er von Jugend auf Lust zum Fechten gehabt, und, als er jung und beruriger gewesen, auf allen Wehren gerne gefochten hat) ihm zugefallen, Fechtschulen zu halten, bestellen lassen, jedoch sein die spanischen Soldaten vor ihm gangen und gefolgt; ihm ist nicht gewert fast bis zum Ende des Reichstages (als er sich gewehrt, das Interim anzunehmen) Bücher, die er gewollt, zu lesen."(4)

Anmerkungen:
(1) Bartholomäus Sastrow; geboren  1520 in Greifswald, gestorben 1603 in Stralsund; zur Biographie siehe Pyl, Theodor: Sastrow, Bartholomäus. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 30, Duncker & Humblot, Leipzig 1890, S. 398–408.
(2) u.a. als Ausgabe von Mohnike, Gottlieb (Hrsg.): Bartholomäus Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens, auch was sich in dem Denckwerdiges zugetragen, so er mehrentheils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, von ihm selbst herausgegeben. Band 1-3. Universitäts-Buchhandlung, Greifswald 1823-24.
(3) Johann Friedrich I.; geboren 1503 in Torgau, gestorben 1554 in Weimar; siehe zur Biographie Klein, Thomas: Johann Friedrich (I.) der Großmütige. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974. Hier auf einer Abbildung im sächsischen Stammbuch: SLUB Mscr.Dresd.R.3, Blatt 108r.
(4) zit. n. Mohnike, Gottlieb (Hrsg.): Bartholomäus Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens, auch was sich in dem Denckwerdiges zugetragen, so er mehrentheils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, von ihm selbst herausgegeben. Band 1-3. Universitäts-Buchhandlung, Greifswald 1823-24.

Literatur:

Das Sächsische Stammbuch - Mscr.Dresd.R.3. Sammlung von Bildnissen sächsischer Fürsten, mit gereimtem Text; aus der Zeit von 1500 – 1546. Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek. Sammlung Handschriften Saxonica. Illustrator: Cranach, Lukas. [Digitalsat SLUB]

Klein, T.: Johann Friedrich (I.) der Großmütige. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot 1974, S. 524 f.

Sastrow, B.: Bartholomäi Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens: auch was sich in dem Denckwerdiges zugetragen, so er mehrentheils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, Band 1-3. Herausgegeben von Gottlieb Mohnike. Verlag Universitäts-Buchhandlung 1823.

Mentz, G. (Hrsg.): Johann Friedrich der Grossmütige 1503–1554. Festschrift zum 400jährigen Geburtstage des Kurfürsten namens des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde; Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens, 1. Verlag G. Fischer 1903.