Julie d'Aubigny, später auch bekannt unter dem Namen Mademoiselle de Maupin, wurde 1673 als Tochter des Hofbeamten Gaston d'Aubigny geboren. Ihr Vater war Sekretär des Grafen d'Armagnac Louis de Lorraine (1641 – 1718), dem Grand Écuyer (Hofstallmeister) des französischen Königshofes. In diesem gesellschaftlichen Umfeld wuchs Julie zu einer jungen Dame heran. Sie wird beschrieben als „mit festen Muskeln“ versehen, einer „Brust fast wie ein Junge“, „nicht sehr groß“ und „sehr schön“, mit „kastanienfarbenem Haar, das ins blonde hinüberspielte, und wunderschönen großen blauen Augen, einer gebogenen Nase, einem schönen Mund und sehr weißer Haut“.
Julie war noch keine 18 Jahre alt, da verheiratete sie der Graf d'Armagnac mit Sieur Maupin von St.- Germain-en-Laye. Wie oft bei den arrangierten Ehen jener Zeit war das Interesse beider Ehegatten aneinander nur von spärlicher Natur. Bereits kurze Zeit nach der Eheschließung nahm Sieur Maupin eine Stellung in Aydes in der Provence an und verschwand aus Julies Leben.
Mademoiselle de Maupin lernte in der Folgezeit den Baron de Seranne kennen, der ein ‘Prevôt de Salle‘ (in etwa: ein Vorsteher eines Fechtsaales) in Paris war. Julie, die bereits als junges Mädchen unermüdlich das Fechten auf dem väterlichen Fechtsaal geübt hatte, fand in Seranne eine angenehme und kurzweilige Zerstreuung für gemeinsame Stunden auf und außerhalb des Fechtbodens.
Nachdem Baron de Seranne bei einem Duell seinen Kontrahenten getötet hatte, musste er Paris verlassen. Er flüchtete nach Marseille, wohin ihn Julie de Maupin begleitete. Unterwegs verdienten sich beide das Reisegeld mit Fechtvorführungen und Gesangsauftritten.
In Marseille besuchte Julie de Maupin ein Vorsingen der Marseiller Oper. Der Direktor war begeistert von ihrer außergewöhnlichen Stimme im ‘bas-dessus‘ (contralto or mezzo-soprano) und verschaffte ihr eine Anstellung im Ensemble.
Hier in Marseille scheinen sich auch die Wege von Julie de Maupin und Baron de Seranne getrennt zu haben. Ob sie sich zerstritten oder einfach die Lust aneinander verloren, ist nicht bekannt.
Von Marseille aus kehrte sie nach einigen Jahren in ihre Heimatstadt Paris zurück und wurde dort an der ‘Académie Royale de Musique‘ aufgenommen. Ihre erste Rolle war die der Pallas im Stück Cadmus. Viele weitere Rolle folgten.
Im Jahr 1705 verließ sie das Theater und führte von da an ein sehr zurückgezogenes Leben. Sie starb 1707 im Alter von 33 Jahren.
Ihre Biographie ist voll von Anekdoten, die vor allem von ihren fechterischen Fähigkeiten und ihrer Angewohnheit, sich gern und oft als Mann zu verkleiden, handeln. Claude Parfaict in seinem "Dictionnaire" (1767) sowie Joseph de Laporte und Jean-Marie Clément in ihren "Anecdotes Dramatiques" (1775) haben einige Anekdoten aufgezeichnet.
Während ihrer Flucht mit Seranne nach Marseille gab sie, wie bereits erwähnt, Fechtvorführungen in Gasthäusern und an anderen öffentlichen Orten, um ihre Reisekosten zu bestreiten. Dabei war Julie zwar stets als Mann gekleidet, jedoch machte sie nie ein Geheimnis aus ihrem Geschlecht. Eines abends während einer dieser Vorführungen schrie ein Mann aus der Zuschauermenge, dass sie gar keine Frau sei. Sie öffnete daraufhin ihre Oberbekleidung, damit „jeder die Frage für sich selbst entscheiden könne“. Die Angewohnheit, sich als Mann zu verkleiden, behielt sie auch in Marseille und später in Paris bei.
Eine andere Geschichte spielte sich an der Oper von Paris ab. Dumesnil, ein Schauspieler der Oper, hatte Mademoiselle Maupin beleidigt. Diese lauerte ihm daraufhin verkleidet in Männerkleidern des Nachts auf dem ‘Place des Victoires‘ auf und forderte ihn zu einem Duell heraus. Als dieser, Julie nicht erkennend, die Herausforderung zurückwies, schlug sie ihn mit einem Stock nieder und nahm ihm seine Schnupfdose und seine Uhr ab. Am nächsten Tag erschien der übel zugerichtete Dumesnil im Opernhaus und, von einer neugierigen Menge umringt, erzählte sein nächtliches Abenteuer. Er änderte seine Erlebnisse allerdings zu seinen Gunsten ab: Nicht eine Person, sondern drei Räuberhätten ihm aufgelauert und er hätte sich tapfer verteidigt. Er kämpfte beherzt gegen die Überzahl, konnte es aber nicht verhindern, dass ihm die Räubern seine Schnupfdose und seine Uhr abnehmen konnten. Nachdem Dumesnil mit seiner Erzählung geendet hatte, sagte Mademoiselle Maupin, die sich unter den Zuhörern befand: "Sie lügen. Sie sind ein Feigling und eine Memme, denn ich allein war es, die Ihnen den Schlag versetzte, und hier sind Ihre Schnupfdose und Ihre Uhr, die ich Ihnen wiedergebe als Beweis, dass ich die Wahrheit sage.“ Ein anderer Schauspieler mit Namen Thévenard, der ebenfalls in Streit mit Mademoiselle de Maupin geraten war, sah sich gezwungen, mehr als drei Wochen lang versteckt zu bleiben, denn er fürchtete ein ähnliches Abenteuer durchleben zu müssen.
Eine andere Episode ließ Mademoiselle de Maupin die Bekanntschaft des Bruders des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. machen. Während eines Maskenballs von Philippe von Frankreich (1640 – 1701), besagtem Bruder des Sonnenkönigs, hatte sich Mademoiselle de Maupin gekleidet als Mann unter die Gäste begeben. Inmitten der großen Besuchermenge, die sich an diesem Abend im königlichen Palast vergnügte, fiel die Aufmerksamkeit der Maupin auf eine junge Marquise. Während der Tänze kam sie der jungen Damen wiederholt sehr nah, flüsterte ihr Anzüglichkeiten ins Ohr und küsste sie schließlich sogar auf den Mund. Drei Begleiter der Marquise eilten herbei, um ihre Ehre zu verteidigen. Sie verließen gemeinsam mit Mademoiselle de Maupin den Ball. Im Duell auf einer Pariser Straße besiegte de Maupin ihre drei Herausforderer und kehrte anschließend wieder auf den Ball zurück. Dort wurde sie auf dessen eigenen Wunsch hin dem Gastgeber Philippe von Frankreich vorgestellt, der von dem Vorfall auf seinem Maskenball erfahren hatte und sehen wollte, wer der Charmeur und Duellant sei. Trotz der hübschen Worte, die der Prinz für die elegante Erscheinung der Mademoiselle de Maupin übrig hatte, entschloss sie sich am folgenden Tag, Paris in Richtung Brüssel zu verlassen, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte.
Literatur:
Cohen, Richard: By the sword. Verlag Modern Library, 2003.
Rogers, Cameron: Gallant Ladies. New York: Harcourt, 1928