Montag, 7. November 2011

Gefechte auf der Fechtschul: ausgewählte Beispiele

von Jan Schäfer

Während der Stuttgarter Fürstenhochzeit im November 1575 fand am 8. Tag der Feierlichkeiten eine Fechtschul statt. In den Lobgedichten auf die Fechtschul wird eine Vielzahl von Gefechten erwähnt. Darunter sind zwei Gefechte, die besonders ausführlich beschrieben sind. Diese sollen an dieser Stelle vollständig wiedergegeben werden, um dem Leser einen Eindruck zu vermitteln, wie ein solches Fechtschulgefecht abgelaufen sein mag.

Das erste ausführlich beschriebene Gefecht ist der Kampf mit Hellebarden zwischen Meister Hirnkopff und Veit Knüpffbart.
"Im Sprüngen tratt Meister Hirnkopff,
Der ernsthafft, starck vnd gschwinde Tropff.
In dem auffheben frey daher,
Als wans ein starcker Rise wer,
Von Gildern breit, mächtig vnd groß,
Hub auff mit dicken Armen bloß
In disem Platz ein Helleparten,
Mit der des Feindes zugewarten
Mit ir int Lüffte stach vnd facht,
Vnd gar schön Spiegelfechte macht,
Vnd seines Gegenfechters wart.
Gegn dem hub auff der Veit Knüpffbart
Als er sich hette außgethanm
Vnd seine Arm sah jederman.
Da stunden Arm vnd Schultern groß
Gantz frewdig allen Steichen bloß.
Als sie zusamen kamen beid,
Stundens fürwar auff ebnder Heid
Im schritt steiff mit gebogenn Knüen,
Vnd wolt keiner den andern fliehen,
Vnd auff einander wurn erhitzen,
Einander beid botten die Spitzen.
Mit den viel scharpffen Hellebarten
Thet einer auff den andern warten.
Da sah mans beid einander effen,
Ob einer möchte den andern treffen
Aufft Stirn, oder ins Angesicht,
Keiner des andern schonet nicht.
Gar tieff sich alle beide buckten,
Die Köpffe zuckten, und sich duckten,
Damit jeder so hütet sich,
Dem Stich vnd Streich geschwind entwich.
Mit hellebarten sie sich beitzten,
Einander stiessen, vnd sich reitzten,
Vnd beide schnaufften wie die Beern,
Einandern gern gewesen wern
Vbers Leder, gwaltig anfiengen
Vmd Kopff vnd vmb die Ohren giengen.
Der Hirnkopff gar erhitzigt ward,
Stieß mit gewalt die Hellepard.
Durch Schenkel vnd durch Hosen stach,
Daß gleich den Schenkel schlept hernach
Der Knüpffbart, daß er hank am Hüfft,
Da wurd er so ergrimbt, ergrifft,
Daß er wolt wider mit im dran,
Noch ein Gang mit dem Hirnkopff than.
Den andern Gang gieng gegn im her,
Als wann im schir gleich nichts drumb wer,
Vnd mit der Helleparten dar stach,
Im doch mißlinget in der sach.
Dem armen Knüpffbart an dem Endt
Gar bald empfielen beide Hendt.
Dann Hirnkopff ine allso warm
Frey stache durch den lnken Arm.
Bald der vnseelige Knüpffbart
Schlept Hend vnd Füß, verletzet hart,
Gleich wie ein Gans, muß ich euch sagen,
Der ist ein Flügel abgeschlagen,
Von des zornigen Hirten Stab,
Mit ir her schlempt, weil er ist ab.
Des der Knüpffbart zog ab vorm Hag,
Gedacht: des fechtens ich nit mag."

Ein zweites Gefecht auf der gleichen Fechtschul, das ebenso ausführlich geschildert wird, ist ein Kampf mit langen Schwertern zwischen dem Freifechter Künhirn und einem Meister des langen Schwerts mit Namen Kraußhaar.
"Zwen ander sprungen bald daher,
Vnd griffen freudig zu der Wehr,
Beid hiben auff im langen Schwert,
Ehr einzulegen jeder bgert.
Der eine der Künhirn genent,
So gwesen war vor ein Student,
Darnach sich hatt auffs Fechten geben,
Ein Freyfechter war worden eben.
Gegn dem hertratt auff den Fechtplan
Der Kraußhaar, mit namen Herman,
Ein Flemming, gschwind gerad, bewert,
Ein Meister in dem langen Schwert:
Der vielen Meistern lage ob,
Sein Prob offt thet mit Ehr vnd Lob
Viel Meister offt hett vberwunden,
Die gegen im sein gelegen vnden:
Hett nie keim gwichen wol befunden,
Das Kräntzlein allweg hett gewunnen.
Auff diß sein Kunst sich lassen thet,
Vil Reden lauffen lassen hett
Auß Hochmuth auffgeblasnem Pracht,
Den Künhirn neben im veracht,
Alß ob er in wolt abgewinnen,
Im wurde Mannes Muth zerrinnen,
Ehe er im was beuor wolt geben,
Must in eh kosten Leib und Leben.
Die beide nun zusammen tratten,
Ein wild Gefecht mit Schwerter hatten,
Vnd wolt keiner dem andern geben
Beuor, eh lassen Leiben vnd Leben,
Uin diesem Kampff daß Lobe haben,
Vnd solt er werden gleich begraben.
Zusamen eilten mit den Schwertern,
Einander drungen mit gar herten
Gantz ongefugen, scharpffen Streichen,
Ob sie einander möchten reichen.
Ersztlich der Künhirn gschwind vnd klug
Auff den Kraußhaar mit dem Schwert schlug,
Die Streich all Augenblick dopplirt,
Drang auff den Feind mit großer Gird,
Hergegen Kraußhaar wol versetzt,
Damit er wurde nit geletzt,
Sich hin vnd wider vmbher bog,
Den Streichen vmb den Kopff empflog.
Wie heftig nun der Künhirn wüt,
Sich jener doch vor vorn Schlegen hüt,
Mit der Versatzung allgmach wich,
Durch freie Kunst kont hüten sich,
Im weichen, doch schluge herwider,
Bis rhuweten die müde Glieder.
Der Künhirn aber wart nit lang,
An Kraußhaar her im andern Gang,
Dem ließ er gar damals kein Rhu,
Mit Schlegen steet auf in drung zu:
Zusamen schlugen also hert,
Daß da erklngeten die Schwert.
Allbeyd sie sich kecklichen wehrten,
Einander dißmals wüst abkehrten.
Der eine sehr sich schemet eben,
Daß er mit Schanden solt nachgeben
Dem andern, macht die Hoffnung gut
In aller hitz erst Fred vnd Muth.
Schlug auff der Feind s durstiglich,
Daß er must weichen hindersich
Vnd war der Künhirn also wild,
Der Kraußhaar nur die Streich auffhielt,
Versetzt, vnd hett sich gnug zu wehrn,
Daran sich Künhirn nit wolt kehrn,
Trung auff een Feind so vngesug,
So gschwind auß Krefften auff in schlug,
So mutig, kün, freudig, hertzhafft,
Verließ sich auff sein Faust vnd Krafft,
Auß Gschwind vnd Sterck in Jitz vnd Brunst,
Schlug zu, welches heist de gulden Kunst,
So nach dem Feind war auff dem Tach,
Daß der Kraußhaar schon wurd zuschwach.
Der Künhirn war im vberlegen,
Daß Kraußhaar im nut möchte begegen.
Gleich wie das helle Wasser kalt
Heraber auff die gelsen fallt,
Vnd widerspritzet an dem Stain
Den allethalb vmblauff tder Mayn.
Also der Künhirn hie auch eben
Den Kraußhaar wurde gar vmbgeben,
Auff ine allethalb schlug zu,
Vnd liesse im kein einig Rug,
Schmeißt also starck auff ine dar,
In auff den Kopf schlecht ohngefahr
Da gleich das Haar amdicksten steht,
Daß der rot Saft hernacher geht:
Künhirn, du hast mich vberwunden
Bekenn ich dir, dann ich lig vnden,
(Der Kraußhaar sprach) des gib ich mich,
Vnd dir die gab vnd Ehr zusprich"


Die oben aufgeführten Ausschnitte entstammen dem Lobgedicht des Christian Beyer (nach einer lateinischen Vorlage von Frischlin) auf die Fechtschul zur Stuttgarter Fürstenhochzeit von 1575 und sind u.a. nachzuschlagen bei Karl Wassmannsdorff: Sechs Fechtschulen. Groos 1870.

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