Ein Fechtbuch zu verfassen war stets der Versuch seines Autors, komplexe körperliche Bewegungsabläufe mithilfe von Worten und Illustrationen auf starres Papier zu bringen. Sowohl Handschriften als auch gedruckte Bücher bildeten damit ein Medium, das die Fechtkunst aus dem praktisch vermittelten Fechtunterricht herauslöste.
Handschriftlich verfasste Fechtbücher waren Einzelanfertigungen, die meist für den adeligen Dienstherren als Auftragswerk angefertigt wurden. Seltener findet sich eine Handschrift, die der Fechtmeister wohl für sich selbst als Gedächtnisstütze und Sudelbuch nutzte. Neben diesen beiden Arten gab es auch noch Fechtbücher, die Abschriften oder Kompliationen anderer Fechttexte waren.
Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg machte es ab Mitte des 15. Jahrhunderts möglich, ein Buch in hohen Stückzahlen identischer Aufmachung herauszugeben. Auch die Fechtbücher wurden ein Teil dieses Fortschritts und erreichten, da unter einer Druckpresse hundertfach verfielfältigt, eine breitere Leserschaft.
Das gedruckte Buch richtete sich selbstverständlich zuerst an einen bestimmten adeligen Gönner, dann an alle adeligen und gutbürgerlichen Schüler des Autoren und Meisters, schließlich auch an die Allgemeinheit: den gebildeten, intellektuell verständigen und fechtkundigen Leser.
Zwei Beispiele aus dem Leben des Fürsten Gundaker von Liechtenstein (1580-1658) sollen zeigen, dass man aufmerksam einzelne Meister und deren Publikationen verfolgte und gezielt diese Bücher zu beziehen suchte, um seinen Wissensschatz zu erweitern.Gundaker von Lichtenstein (1580-1658) aus der Feldsberger Linie des Hauses Lichtenstein stand nacheinander in Diensten der Kaiser Matthias, Ferdinand II. und Ferdinand III. Für diese war er Gesandter und Diplomat und in Wien am Kaiserhof mit wichtigen Aufgaben und Ämtern betraut. Über seine fechterischen Fähigkeiten lässt sich nichts Genaues sagen, doch es ist wahrscheinlich, dass er gut in der Kunst des Fechtens unterrichtet war.
Von diesem Gundaker von Liechtenstein sind zwei Fälle belegt*, in denen er großes Interesse an den Publikationen zweier großer Fechtmeister seiner Zeit hegte und deren Bücher er unbedingt zu lesen wünschte.
In einem Briefwechsel des Jahres 1627 zwischen Gundaker und seinem Amsterdamer Vertrauten Samuel Bloemaert wollte der Fürst wissen, ob „des Gerard Tibaud** fechtbuch in druk albereit seie“ und ob selbiger Thibault „vor einen gar guten meister in der fechtkunst geschezt seie“. Blomaert antwortete, dass das Buch noch nicht erschienen sei. In einem Brief ein Jahr später teilte Blomaerts dem Fürsten dann mit, dass das gewünschte Buch noch immer nicht erschienen und Gerad Thibault leider kürzlich verstorben sei. Thibaults Buch erschien posthum 1630. Nicht bekannt ist, ob Gundaker dessen Werk schlussendlich erhielt. Es ist jedoch anzunehmen.
Im Jahr 1653 drückt Gundaker von Liechtenstein ggenüber einem Hofdiener namens Jung in einem Brief seinen Wunsch aus, ihm über den spanischen Botschafter am Wiener Kaiserhof das Buch des spanischen Fechtmeisters Don Luis Pacheco de Narváez*** beschaffen zu lassen. Denn dieser spanische Meister sei zu jener Zeit „der berühmteste im fechten gewesen“ und Gundaker möchte das Buch gern für seinen Enkel Maximilian haben. Ob er es für die fechtersiche Ausbildung seines Enkels benötigt oder diesem zum Geschenk machen möchte, ist nicht bekannt. Der angeschriebene Jung antwortet, dass das Werk bei Hofe im Moment nicht zu bekommen sei. Er werde jedoch versuchen, es in Spanien beschaffen zu lassen, schreibt Jung im selben Brief. Auch hier ist der Ausgang von Gundakers Suche nicht bekannt. Aber gleich dem anderen Fall ist auch hier anzunehmen, dass er das Buch am Ende in Händen halten konnte.
Anmerkungen:
* Die Briefe von 1627 und 1653 erwähnt in: Thomas Winkelbauer: Fürst und Fürstendiener: Gundaker von Liechtenstein, ein österreichischer Aristokrat des konfessionellen Zeitalters. Band 34 von Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung: Ergänzungsband. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1999.
** Gérard Thibault d'Anvers (bzw. bei Gundaker Gerard Tibaud), ca. 1574–1627: Gérard Thibault d'Anvers war ein niederländsicher Fechtmeister und Autor des Buches „Academie de l’Espée [...]“. Er soll das Fechten bei Lambert van Someron in Antwerpen gelernt und später in Sanlúcar de Barrameda nahe Sevillia das Fechtsystem des Luis Pacheco de Narváez studiert haben. Ab ungefähr 1610 bereiste er Rotterdam und darauf den Hof von Nassau und später den Hof von Kleve. An jedem dieser Orte stellte er in Demonstrationen oder Wettkämpfen seine Fechtlehre vor und ernete für sein eigenwillig-einzigartiges Fechtsystem die Anerkennung der anwesenden Fechtmeister, Fürsten und Edelleute. Um 1622 begann er in Leiden die Arbeiten an seinem Fechtbuch, verstarb jedoch 1629 vor der Veröffentlichung. Sein Buch wird ein Jahr nach seinem Tod herausgegeben. (für das Leben von Thibault vgl.: de la Fontaine Verwey, Herman: Gerard Thibault and his Academie de l'espée. Quaerendo (1978) VIII: 283-319.)
*** Don Luis Pacheco de Narváez (1570–1640): Luis Pacheco de Narváez war ein spanischer Fechtmeister. Er war der Schüler des berühmten Don Jerónimo Sánchez de Carranza und später der Fechtlehrer des spanischen Königs Philip IV. Er veröffentlichte während seines Lebens eine Vielzahl von Schriften über das Fechten, so unter anderem „Libro de las grandezas de la espada, en que se declaran muchos secretos del que compuso el Comendador Geronimo de Carranca. En el qual cada vno se podrà licionar y deprender a solas, sin tener necessidad de Maestro que le enseñe“ (Digitalisat der Ausgabe von 1600) und „Nveva ciencia, y filosofía de la destreza de las armas, su teorica y practica“ (1632).
Handschriftlich verfasste Fechtbücher waren Einzelanfertigungen, die meist für den adeligen Dienstherren als Auftragswerk angefertigt wurden. Seltener findet sich eine Handschrift, die der Fechtmeister wohl für sich selbst als Gedächtnisstütze und Sudelbuch nutzte. Neben diesen beiden Arten gab es auch noch Fechtbücher, die Abschriften oder Kompliationen anderer Fechttexte waren.
Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg machte es ab Mitte des 15. Jahrhunderts möglich, ein Buch in hohen Stückzahlen identischer Aufmachung herauszugeben. Auch die Fechtbücher wurden ein Teil dieses Fortschritts und erreichten, da unter einer Druckpresse hundertfach verfielfältigt, eine breitere Leserschaft.
Das gedruckte Buch richtete sich selbstverständlich zuerst an einen bestimmten adeligen Gönner, dann an alle adeligen und gutbürgerlichen Schüler des Autoren und Meisters, schließlich auch an die Allgemeinheit: den gebildeten, intellektuell verständigen und fechtkundigen Leser.
Zwei Beispiele aus dem Leben des Fürsten Gundaker von Liechtenstein (1580-1658) sollen zeigen, dass man aufmerksam einzelne Meister und deren Publikationen verfolgte und gezielt diese Bücher zu beziehen suchte, um seinen Wissensschatz zu erweitern.Gundaker von Lichtenstein (1580-1658) aus der Feldsberger Linie des Hauses Lichtenstein stand nacheinander in Diensten der Kaiser Matthias, Ferdinand II. und Ferdinand III. Für diese war er Gesandter und Diplomat und in Wien am Kaiserhof mit wichtigen Aufgaben und Ämtern betraut. Über seine fechterischen Fähigkeiten lässt sich nichts Genaues sagen, doch es ist wahrscheinlich, dass er gut in der Kunst des Fechtens unterrichtet war.
Von diesem Gundaker von Liechtenstein sind zwei Fälle belegt*, in denen er großes Interesse an den Publikationen zweier großer Fechtmeister seiner Zeit hegte und deren Bücher er unbedingt zu lesen wünschte.
In einem Briefwechsel des Jahres 1627 zwischen Gundaker und seinem Amsterdamer Vertrauten Samuel Bloemaert wollte der Fürst wissen, ob „des Gerard Tibaud** fechtbuch in druk albereit seie“ und ob selbiger Thibault „vor einen gar guten meister in der fechtkunst geschezt seie“. Blomaert antwortete, dass das Buch noch nicht erschienen sei. In einem Brief ein Jahr später teilte Blomaerts dem Fürsten dann mit, dass das gewünschte Buch noch immer nicht erschienen und Gerad Thibault leider kürzlich verstorben sei. Thibaults Buch erschien posthum 1630. Nicht bekannt ist, ob Gundaker dessen Werk schlussendlich erhielt. Es ist jedoch anzunehmen.
Im Jahr 1653 drückt Gundaker von Liechtenstein ggenüber einem Hofdiener namens Jung in einem Brief seinen Wunsch aus, ihm über den spanischen Botschafter am Wiener Kaiserhof das Buch des spanischen Fechtmeisters Don Luis Pacheco de Narváez*** beschaffen zu lassen. Denn dieser spanische Meister sei zu jener Zeit „der berühmteste im fechten gewesen“ und Gundaker möchte das Buch gern für seinen Enkel Maximilian haben. Ob er es für die fechtersiche Ausbildung seines Enkels benötigt oder diesem zum Geschenk machen möchte, ist nicht bekannt. Der angeschriebene Jung antwortet, dass das Werk bei Hofe im Moment nicht zu bekommen sei. Er werde jedoch versuchen, es in Spanien beschaffen zu lassen, schreibt Jung im selben Brief. Auch hier ist der Ausgang von Gundakers Suche nicht bekannt. Aber gleich dem anderen Fall ist auch hier anzunehmen, dass er das Buch am Ende in Händen halten konnte.
Anmerkungen:
* Die Briefe von 1627 und 1653 erwähnt in: Thomas Winkelbauer: Fürst und Fürstendiener: Gundaker von Liechtenstein, ein österreichischer Aristokrat des konfessionellen Zeitalters. Band 34 von Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung: Ergänzungsband. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1999.
** Gérard Thibault d'Anvers (bzw. bei Gundaker Gerard Tibaud), ca. 1574–1627: Gérard Thibault d'Anvers war ein niederländsicher Fechtmeister und Autor des Buches „Academie de l’Espée [...]“. Er soll das Fechten bei Lambert van Someron in Antwerpen gelernt und später in Sanlúcar de Barrameda nahe Sevillia das Fechtsystem des Luis Pacheco de Narváez studiert haben. Ab ungefähr 1610 bereiste er Rotterdam und darauf den Hof von Nassau und später den Hof von Kleve. An jedem dieser Orte stellte er in Demonstrationen oder Wettkämpfen seine Fechtlehre vor und ernete für sein eigenwillig-einzigartiges Fechtsystem die Anerkennung der anwesenden Fechtmeister, Fürsten und Edelleute. Um 1622 begann er in Leiden die Arbeiten an seinem Fechtbuch, verstarb jedoch 1629 vor der Veröffentlichung. Sein Buch wird ein Jahr nach seinem Tod herausgegeben. (für das Leben von Thibault vgl.: de la Fontaine Verwey, Herman: Gerard Thibault and his Academie de l'espée. Quaerendo (1978) VIII: 283-319.)
*** Don Luis Pacheco de Narváez (1570–1640): Luis Pacheco de Narváez war ein spanischer Fechtmeister. Er war der Schüler des berühmten Don Jerónimo Sánchez de Carranza und später der Fechtlehrer des spanischen Königs Philip IV. Er veröffentlichte während seines Lebens eine Vielzahl von Schriften über das Fechten, so unter anderem „Libro de las grandezas de la espada, en que se declaran muchos secretos del que compuso el Comendador Geronimo de Carranca. En el qual cada vno se podrà licionar y deprender a solas, sin tener necessidad de Maestro que le enseñe“ (Digitalisat der Ausgabe von 1600) und „Nveva ciencia, y filosofía de la destreza de las armas, su teorica y practica“ (1632).
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