Paulus Kal war ein Fechtmeister, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebte. Er hinterließ mehrere Fechthandschriften, u.a. CGM 1507 (München), in denen er seine umfassende Fechtlehre darlegte. Mit Feder gezeichnete Figuren illustrieren die mit knappen Textpassagen beschriebenen Stücke zum Roßfechten, Harnischfechten, Axt, Schild und Kolben, Schwert und Buckler, langem Schwert, Messer, Dolch und Ringen.
Sein Leben ist vergleichsweise gut dokumentiert. Mit den Informationen, die wir aus seinen Handschriften entnehmen können, sowie den Recherchen von Rainer Welle („und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen“, 1993. Seite 240-255) zu den Lebensdaten von Paulus Kal aus Rechnungsbüchern und alten Urkunden entsteht eine spannende, wenngleich natürlich unvollständige Biographie, die einen Einblick in die Lebens- und Aufgabenwelt eines Fechtmeisters des 15. Jahrhunderts gibt.
Sein Fechtlehrer war Meister Stettner, der, ebenso wie Kal, in der Tradition Johannes Lichtenauers zu verorten ist. Jener Meister Stettner, von dem selbst leider keine Handschrift überliefert ist, lehrte Paulus Kal die Stücke des Bloss- und Harnischfechtens mit den verschiedenen ritterlichen Wehren.
Paulus Kal am Landshuter Hof
Sein erstes Dienstverhältnis nahm Paulus Kal am 29.09.1450 bei Bayernherzog Ludwig IX. dem Reichen (1417-1479) an und blieb dann fast 20 Jahre in dessen Diensten. Als dessen bestellter Schirmmeister versah er vom Tage seiner Anstellung an seine Aufgaben am Hof der Reichen Herzöge von Landshut. Die fechterische Aus- und Fortbildung der ihm anvertrauten Schüler war sicherlich sein Hauptaufgabenfeld. Doch das Lehren war nicht seine einzige Tätigkeit. Oft fungierte er auch in juristischen und militärischen Fragen für seinen Herrn als Ratgeber und Diener.
Der Landshuter Fechtmeister im Bayerischen Krieg
So bewies er seine Dienstfertigkeit etwa im Krieg 1459-1463 seines Herrn gegen den Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg, der als Bayerischer Krieg oder auch Fürstenkrieg in die Geschichstbücher eingegangen ist. Die Eroberung von Donauwörth 1459 durch Ludwig den Reichen war der Funken, der den Krieg entfachte. Ludwig wurde für diese Tat vom Kaiser mit der Reichsacht belegt, und Markgraf Albrecht Achilles - ein Konkurrent von Ludwig dem Reichen um die Einflusssphären im Reich - sollte die Reichsacht vollstrecken. Fürsten des süd- und mitteldeutschen Raumes wurden Parteigänger der einen oder anderen Seite. Der Krieg endete 1463 mit einem Vergleich zwischen Ludwig dem Reichen und Albrecht Achilles im Frieden zu Prag. Während des vier Jahre währenden Krieges zog Paulus Kal für seinen Herrn Ludwig den Reichen ins Feld. Nach Eintragungen in Rechnungsbüchern war er Anführer einer Einheit von Büchsenschützen. In der vier Jahre andauernden Auseinandersetzung beteiligte er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch aktiv an Kampfhandlungen.
Mautner von Dingolfing und erneuter Kriegseinsatz
Zwei Jahre nach Friedensschluß, am 02.02.1465, erhielt Paulus Kal von seinem Herrn Ludwig das Amt des Mautners von Dingolfing, das er die nachfolgenden neun Jahre begleitete. Dieses Amt war mit dem kleinen Zollrecht versehen und garantierte ihm somit zusätzliche Einkünfte.
Im Jahr 1468 beorderte ihn sein Herr wiederum ins Feld. Diesmal ging es gegen den Böcklerbund. Unterstützt von den Truppen seines Bruders Ludwig IX. nahm Albrecht IV. in einem einjährigen Kriegszug nacheinander alle Burgen der aufständischen Böckler. In jener Fehde eroberte Paulus Kal das Degenberg´sche Schloß Säldenburg. Diesmal führte er, wie die Rechnungsbücher zeigen, nicht nur Büchsenschützen mit sich, sondern auch Zimmerleute. Diese könnten bei den Belagerungen für die Konstruktion entsprechender Gerätschaften eingesetzt worden sein.
Abschied von Landshut - neuer Dienst in Österreich
Im Jahr 1479 starb Ludwig IX. Das Dienstanstellungsverhältnis von Paulus Kal am Landshuter Hof erlosch. Doch bereits am 12.02.1480 fand er neue Anstellung. Er wurde Schirmmeister unter Erzherzog Sigismund dem Münzreichen von Österreich-Tirol (1427 – 1496), dem er seine Fertigkeiten als Waffenmeister auf Lebenszeit in Dienst stellte. In seinem Vertrag wurde Paulus Kal neben dem vereinbarten Lohn auch eine Invalidenversicherung zugesagt. Im Fall einer Verletzung oder Vestümmelung bei der Ausübung seiner Tätigkeiten in Friede oder Krieg wäre Paulus Kal von seinem Herrn Sigismund somit angemessen entschädigt worden.
In Diensten seines Herrn Sigismund von Österreich blieb Paulus Kal dann sehr wahrscheinlich bis zu seinem Lebensende.
Literatur:
Gesellschaft für Pragmatische Schriftlichkeit: Edition zu den Handschriften Paulus Kals
Hubensteiner, Benno: Bayerische Geschichte. Rosenheimer Verlagshaus, 2006.
Kal, Paulus: Fechtbuch, gewidmet dem Pfalzgrafen Ludwig - Bayern, 2. Hälfte 15. Jh., aber nicht nach 1479 (BSB-Hss Cgm 1507) [Digitalsat Münener Digitalisierungszentrum]
Piendl, Max: Die Ritterbünde der Böckler und Löwler im Bayerischen Wald. In: Unbekanntes Bayern. Burgen–Schlösser–Residenzen. Süddeutscher Verlag, 1960.
Welle, Rainer: "... und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen". Centaurus Verlag, 1993.